Welt : Prügel mit Folgen

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Von Malte Lehming, Washington

Gibt es einen stärkeren Beweis? Die Bilder lassen kaum einen Zweifel offen. Wieder und wieder läuft das brisante Amateurvideo auf allen großen amerikanischen Nachrichtensendern. Enstanden war es vor zwölf Tagen. An jenem Sonnabendnachmittag kontrollieren vier Polizisten – zwei Weiße, ein Schwarzer, ein Hispanic – auf einer Tankstelle im Ort Inglewood bei Los Angeles den Wagen eines Schwarzen. Die Zulassung war ungültig, die Versicherung abgelaufen. Im Auto saßen Vater und Sohn. Was anschließend geschah, filmte ein Augenzeuge von seinem Zimmer im gegenüberliegenden Motel. Zu sehen ist eine an Brutalität kaum noch zu steigernde Festnahme.

Der 16-jährige Sohn des überprüften Autohalters, Donovan Jackson, wird von allen vier Polizisten umringt. Offenbar sind ihm bereits Handschellen angelegt worden. Einer der beiden weißen Polizisten, der 24-jährige Jeremy Morse, rammt plötzlich den Kopf des Jugendlichen mit voller Wucht auf den Kofferraum des Einsatzfahrzeuges. Dann schlägt er ihm zwei Mal mit der Faust ins Gesicht. Was dieser Szene vorausging, zeigt das Video allerdings nicht. Der Beamte sagt, er sei provoziert worden, tatsächlich ist an seinem Kopf eine frische Wunde zu erkennen. Der Jugendliche habe aktiven Widerstand geleistet, geben auch die anderen Polizisten zu Protokoll. Wie es heißt, soll er Morse von hinten in die Hoden gegriffen haben. Der Beamte, der seit drei Jahren bei der Polizei ist, habe „extreme Schmerzen" gehabt.

Sind das Ausreden, Erklärungen, Entschuldigungen? Das wird ab diesem Donnerstag in einem Gerichtsverfahren verhandelt. Denn gegen Morse, der nach der Veröffentlichung des Videos umgehend vom Dienst suspendiert worden war, ist nun Anklage erhoben worden. Bei einer Verurteilung droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe sowie ein Bußgeld in Höhe von 10 000 Dollar. Verantworten muss sich auch der zweite weiße Polizist, Bijan Darvish. Auch er hat zugegeben, den schwarzen Jugendlichen während der Verhaftung geschlagen zu haben.

Beide Angeklagten halten sich für unschuldig. „Mein Mandant hofft", sagt John Barnett, der Verteidiger von Morse, dass eine unabhängige Jury zu dem Ergebnis kommen wird, dass die Anwendung von Gewalt notwendig war. Wir hoffen auf einen Freispruch." Die Angehörigen des Misshandelten dagegen behaupten, Donovan sei geistig zurückgeblieben und könne nicht schnell auf Befehle reagieren. Was wie Widerstand wirke, sei einfach eine etwas langsamere Auffassungsgabe. Gefilmt hat das Video der 27-jährige Diskjockey Mitchell Crooks. Er gilt unter schwarzen Bürgerrechtlern seitdem als Held. Doch vor einer Woche ist Crooks verhaftet worden. Er wird seit Jahren wegen Diebstahls, betrunkenen Fahrens und anderer Delikte gesucht. Das Video hatte er an einen privaten Fernsehsender verkauft. Seine Festnahme empört viele der überwiegend schwarzen Bewohner von Inglewood. Die demokratische Kongressabgeordnete Maxine Waters hat angekündigt, mindestens 10 000 Dollar für die Verteidigung von Crooks zu sammeln. Dass der Fall über Kalifornien hinaus hohe Wellen schlägt, ist verständlich. Wieder sind es vier Polizisten, wieder wird ein Schwarzer misshandelt, wieder wird der Vorfall gefilmt.

Erst vor kurzem jährte sich zum zehnten Mal der Tag der schweren Rassenkrawalle von Los Angeles. Damals war der schwarze Autofahrer Rodney King von vier weißen Polizisten verprügelt worden. Die Polizisten wurden freigesprochen, im Anschluss daran tobten die Schwarzen mehrere Tage lang ihre Wut aus.

Diesmal scheint vieles ähnlich zu sein, aber vieles ist auch ganz anders. Der Polizeipräsident von Inglewood ist ein Schwarzer, der Bürgermeister ebenfalls. An einer Protestdemonstration gegen die Misshandlung von Donovan Jackson vor einer Woche beteiligten sich lediglich ein paar hundert Aktivisten. Die Ruhe freilich könnte trügerisch sein. Ob es erneut zu Unruhen kommt, wird wesentlich vom Ausgang des Prozesses abhängen, zumal die offenkundige Brutalität bei der Festnahme kein Einzelfall zu sein scheint.

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