Welt : Psycho-Analyse: Heute: Aufmüpfiger Goldfisch

Ingolf Gillmann

Marcel Reich-Ranicki möchte nicht sterben, weil er dann den "Spiegel" versäumen würde. Ähnlich interessant ist: In der Psychologie ist die kürzeste Verbindung zwischen A (Patient) und B (Therapeut) selten die Gerade - viel öfter und schneller führt ein Umweg ans Ziel.

Machen wir uns also auf den Umweg: Zwischen Zeitschriften und Lesern gibt es die sogenannte "Leser-Blatt-Bindung", eine Beziehung, die auf rationaler Ebene abläuft und durch irgendwelche Gewinnspiele verstärkt wird. Beim "Spiegel" ist das anders, da funktioniert die Beziehung auf emotionaler Ebene; die Tiefe der Gefühle macht Geschenke überflüssig. Ein Psychologe lehnt sich deshalb nicht zu weit aus dem Fenster, wenn er in diesem einzigartigen Fall den Begriff Leser-Blatt-Bindung durch den Begriff Mutter-Sohn-Beziehung ersetzt. Denn sehr wahrscheinlich versteht sich der "Spiegel"-Leser als Mutter des "Spiegel"-Redakteurs. Warum? Der "Spiegel"-Leser liebt alles am "Spiegel"-Redakteur: die Sprache, die Gedanken, den Stil. Diese Liebe ist bedingungslos - genau wie die Liebe einer Mutter.

Dem "Spiegel"-Redakteur reicht das aber nicht, und er weiß: Eine Mutter liebt am meisten ihr Sorgenkind. Im Sorgenmachen ist der "Spiegel"-Redakteur unschlagbar. Überall sucht er Wunden im Fleisch der Mächtigen, und bevor er seine Finger in die Wunden legt, taucht er sie in Salz. Welche Mutter kann ruhig schlafen bei dem Gedanken, dass ihr Sohn den Mächtigen so wehtut? Irgendwann werden diese vor Schmerz den Verstand verlieren - und dann? Deshalb erhält der "Spiegel"-Leser vom "Spiegel"-Redakteur jeden Montag einen Lebensbeweis. In diesem Augenblick ist seine Freude größer als all seine Sorgen. Montag ist "Spiegel"-Tag? Montag ist Muttertag!

Kurze Rede, langer Sinn: Mit diesem aufmüpfigen Goldfisch will uns der Künstler sagen: Wenn der Montag überstanden ist, ist Dienstag.

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