Welt : Psycho-Analyse: Heute: Billige Fingernägel

Ingolf Gillmann

Da denkt man an nichts Schönes -und dann das: Nachdem ich gestern in einer Frauenzeitschrift las, dass Berlin der "Lässigkeitsnabel der Welt" sei, fragte ich mich: Welche Drogen muss man nehmen, um auf ein Wort wie "Lässigkeitsnabel" zu kommen und - wo gibt es diese Drogen?

Manchmal sind Fragen wie Ohrwürmer, sie gehen einem nicht mehr aus dem Sinn. Also machte ich mich auf die Suche nach dieser Droge, denn Berlin als Lässigkeitsnabel zu sehen, wenigstens das möchte ich auch gern können. Wer oder was gilt überhaupt als lässig? Ist man nicht schon unlässig, wenn man überlegt, was lässig ist? Ist "lässig" das Gegenteil von "zuverlässig"? Und wenn dem so ist, sind dann deutsche Postboten die lässigsten Hunde der Welt?

Auf jeden Fall ist es so, dass ein Computer mit Rechtschreibprogramm das Wort "Lässigsnabel" nicht kennt und deshalb rot unterkringelt, was ähnlich unlässig aussieht wie eine Klassenarbeit, in der der Lehrer rumgefuhrwerkt hat. Die Wörter "unterkringelt" und "rumgefuhrwerkt" kennt der Computer übrigens auch nicht, und ein doppeltes "der" wie "in der der Lehrer rumgefuhrwerkt hat" wird vom Computer ebenfalls unterkringelt.

Diese roten Linien im Text können einen Menschen schon wahnsinnig machen. Würde ich in Amerika leben, könnte ich jetzt den Computerhersteller auf 120 Millionen Dollar Schadenersatz verklagen wegen "aufkommender Zweifel am eigenen Verstand, verursacht durch das unvollkommene Rechtschreibprogramm des Textprogramms". Das nenn ich lässig Geld verdienen. Und in Berlin? In Berlin kann ich nicht mal Dealer zur Kasse bitten, sollten ihre Drogen süchtig machen. Und Redakteure, die Berlin als "Lässigkeitsnabel" bezeichnen schon gar nicht. Igitt, da war er schon wieder, der rote schlangenförmige Kringel.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit den billigen Fingernägeln will uns der Künstler sagen: Wen die kratzen, soll doch nach drüben gehen.

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