Welt : Psycho-Analyse: Heute: Fragwürdiges Fragezeichen

Ingolf Gillmann

Die wohl häufigste Frage, die Menschen hören, die sich Bett und Kühlschrank teilen, lautet: Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Nicht so gut ist die Antwort: Ich bin "Bild"-Leser. Denn "Bild"-Leser ist fast jeder. Aber wohl dem, der von sich behaupten kann, er sei "Bild"-Redakteur, dann ist alles klar, sofort; und wenn nicht sofort, dann nach dem Doppelpunkt: Was die Titelseite der "Bild" nur vermuten lässt, wird nach dem Lesen der Kommentare zur Gewissheit: Alle "Bild"-Redakteure sind enttäuschte Kommunisten! Die knallig vorgetragenen Ideen könnten in der Summe das Gerüst einer gerechteren, menschlicheren Gesellschaftsordnung sein, ein Ziel, das auch der Kommunismus verfolgte. Und "Bild"-Redakteure glaubten an den Sieg.

Der Rest ist Geschichte, und als die "Bild"-Redakteure das Ende der Geschichte kommen sahen, reagierten sie wie verschmähte Liebhaber: Sie leugneten ihre Leidenschaft, um ihre unerwiderten Gefühle zu verdrängen; sie schrieben die DDR in Anführungszeichen; sie kämpften gegen die Ostpolitik des E-Kommunisten Willy Brandt; sie machten aus ihrem Sportteil den besten Sportteil Deutschlands, denn wenn schon nicht Kommunisten die Welt regieren dürfen, soll es wenigstens König Fußball tun. Ihr Meisterstück legten sie hin, als sie den Ex-"Bild"-Chef Peter Boehnisch bei Kohl einschleusten, als Sprecher der Regierung. Boehnisch ließ sich bald darauf beim Steuerbetrug erwischen, was ein wohl überlegter Schlag in die Fratze des Kapitalismus war.

Schämen sich "Bild"-Redakteure für ihre Arbeit? Nie! So wie der Kommunismus sie täuschte, so täuschen sie ihre Leser. Die Psychologie bezeichnet dieses Verhalten als Frustrationstoleranz, als die Fähigkeit, Verzicht auf Befriedigung zu ertragen.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit dem Fragezeichen will uns der Künstler sagen: Wenn ein Frager die Antwort hört, bereut er manchmal, gefragt zu haben.

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