Welt : Psycho-Analyse: Heute: Kleiner Muskelmann

Ingolf Gillmann

Da denkt man an nichts Schönes - und dann das: Kein Geld, keine Zukunft, kein Glück, kein Verstand.

Natürlich gibt es Gründe, Berlin den Rücken zu zeigen, so wie man einer Politesse den Mittelfinger zeigt, wenn sie auch ein Kniefall nicht dazu bewegen konnte, den Strafzettel wegen Falschparkens zurückzunehmen. Aber es gibt auch Gründe, Berlin an die Brust zu drücken, so wie eine Politesse, die übersehen hat, dass man im Parkverbot stand. Ob die Politesse um sich schlägt, wenn sie unerwartet umarmt wird, soll hier nicht die Frage sein, sondern: Was spricht für Berlin?

Berlin macht süchtig, sagen Berlinfans. Nun hat Sucht immer auch etwas mit Suche zu tun, der Suche nach sich, nach ihr, nach ihm. Und wonach sucht der Berlinsüchtige? Nach Erklärungen, warum Berlin süchtig macht. Dass hier jetzt auch Absinth-Kneipen aufgemacht werden, kann es nicht sein, denn dann wäre der Berlinfan ja bloß alkoholsüchtig. Was also macht süchtig nach Berlin? Sehr wahrscheinlich das hier:

1. In Berlin wird niemand schräg angeguckt, nur weil er sagt, er würde von einem intuitiven, aus dem Moment geborenen Theater träumen, das sich selbstverständlich auch der Kontrolle des Sprachzentrums entziehen kann.

2. Wer es in Esslingen schafft, schafft es auch in Berlin - bestes Beispiel: Renate Wiehager. Zehn Jahre leitete sie die "Galerie Villa Merkel" in Esslingen, seit März die hiesige Sammlung DaimlerChrysler.

3. In Berlin rollten die ersten Rolltreppen! In Berlin standen die ersten Litfass-Säulen! In Berlin fuhren die ersten Doppeldeckerbusse! Wem das nicht gefällt, der soll doch nach drüben gehen.

4. Von keiner anderen deutschen Großstadt aus ist man schneller in Moskau.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit dem kleinen Muskelmann will uns der Künstler sagen: Herrje, muss man denn für alles einen Grund haben?

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