Welt : Psycho-Analyse: Heute: Leere Liebespaarbank

Ingolf Gillmann

Da denkt man an nichts Schönes - und dann das: kleine Schnittwunde. Klingt nicht so schön, ja, ja. Doch kaum etwas anderes macht den kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau deutlicher als eine kleine Schnittwunde.

Wenn sich eine Frau in den Finger schneidet, denkt sie "autsch", steckt den Finger in den Mund, damit das Blut nicht auf den Boden tropft, nimmt mit der anderen Hand ein Pflaster, klebt es auf die kleine Schnittwunde und gut ist. Ein Mann hingegen schreit "Scheiße", streckt die Hand weit von sich und guckt in die andere Richtung, weil er kein Blut sehen kann, das bereits einen unübersehbaren Fleck auf dem Teppichboden hinterlassen hat.

Bei diesem Anblick muss der Mann sich erst mal setzen, weil ihm auf einmal so komisch wird; der zu Hilfe eilenden Frau sagt er, er hätte sich beinahe die Hand amputiert, lehnt das angebotene Pflaster ab, mit der Begründung, es sei zu klein für Wunden dieser Größe. Während die Frau in der Apotheke Verbandszeug kauft, schaut der Mann im Lexikon nach, wie viel Blutverlust ein Erwachsener verkraften kann. Nachdem er verarztet ist, verlangt er nach einem großen Steak, um die Neubildung der roten Blutkörperchen zu beschleunigen.

Nachts schleicht der Mann dann in regelmäßigen Abständen ins Badezimmer, um nach verdächtigen roten Streifen zu forschen, die eine Blutvergiftung bedeuten würden. Am nächsten Morgen ist er völlig übernächtigt und übellaunig, nimmt sich vormittags zwei Stunden frei für einen Arztbesuch, lässt sich im Büro von einer Sekretärin die Hand bandagieren und genießt ihr Mitgefühl. Dermaßen aufgebaut geht der Mann abends zum Stammtisch und erzählt lang und breit, dass eine kleine Schnittwunde nun wirklich nicht der Rede wert wäre.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit der leeren Liebespaarbank will uns der Künstler sagen: Wer hier ein Herz reinritzt, sollte sich über die Folgen im Klaren sein.

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