Welt : Psycho-Analyse: Heute: Ungewöhnlicher Wecker

Ingolf Gillmann

Da denkt man an nichts Schönes - und dann das: Wer keine 120 Jahre alt werden möchte, muss die Pille ja nicht schlucken! Obwohl ein Leben über den Todestag hinaus seine Vorteile hat. Um welche es sich handelt, dazu gleich; jetzt sollten wir uns alle erst einmal den Wecker da oben angucken, genauer: das Ziffernblatt. Unglaublich, nicht? Dass wir das noch erleben dürfen! Ein Ziffernblatt, mal nicht beim Stand von zehn nach zehn fotografiert. Wahnsinn pur! Denn normalerweise stehen die Zeiger auf Fotos von Uhren immer auf zehn nach zehn, acht nach zehn oder zwölf nach zehn geht auch noch - in dieser Zeit sehen die Uhren nämlich aus, als würden sie lächeln, und lächelnde Uhren kauft der Mensch lieber als traurige Uhren, denn ein Blick auf die Uhr sagt dem Betrachter nicht nur, ob er zu spät zum Rendezvous kommt, sondern auch: Der Sensenmann wartet schon auf dich!

Aber nun kann er lange warten, der blöde Sensenmann; wir Menschen lachen uns höchstens tot vor dem Date mit ihm, aus lauter Freude über die Pille. Und haben wir nicht allen Grund zur Freude? Mein Gott, was wir mit den 50 bis 60 geschenkten Jahren alles machen können! Dank der Pille haben wir mehr Zeit, uns an den Euro zu gewöhnen. Wir können alle Basare dieser Welt besuchen, um endlich Feilschen zu lernen - wir dürfen da bloß nicht vergessen, den Euro-Kurs in morgenländischer Währung umzurechnen. Und von unseren Erfolgen können wir auf den trauten Familienfeiern berichten, die ja dann auch 50 bis 60 mal häufiger stattfinden als heute. Und vom Chef gibt es die goldene Uhr nicht mehr nach 30, sondern erst nach 70 Jahren Firmenzugehörigkeit. Auch die Bäcker haben Grund zum Strahlen, denn sie können nun Geburtstagstorten verkaufen, auf denen 120 Kerzen Platz haben müssen.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit dem ungewöhnlichen Wecker will uns der Künstler sagen: Mein letzter Wille - eine Frau mit Zyankalipille.

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