Welt : Puff Daddy: Glimpfliches Ende einer großen Party

Malte Lehming

Er sah perfekt aus. Jede Kleinigkeit - bis hin zum weißen Taschentuch, das dezent aus dem Revers seines maßgeschneiderten, beigefarbenen Anzugs herausragte -, ließ eher auf den Besuch einer Oper schließen als auf einen Gerichtstermin. Nur seine Körpersprache verriet Anspannung. Denn Sean Combs zitterte, als die zwölf Geschworenen nach dreitägiger Beratung hinter verschlossenen Türen am Freitagabend um 18 Uhr 10 ihr Urteil verkündeten. In der einen Hand hielt der zweifache Grammy-Sieger eine Bibel, mit der anderen tippte er nervös auf den Tisch. Schließlich wurde er erlöst. Die Jury sprach den 31-jährigen Rap-Star frei.

Seine Fans kennen ihn als Puff Daddy oder Puffy. Das sind die Künstlernamen des dreifachen Familienvaters, der wegen Gefährdung von Menschenleben, unerlaubten Waffenbesitzes und versuchter Bestechung angeklagt worden war. Ihm drohten 15 Jahre Haft. Vor sieben Wochen begann der Prozess gegen den Rapper und zwei Mitangeklagte in New York. Der Multimillionär hatte sich unter anderem von Staranwalt Johnnie Cochran verteidigen lassen, der seinerzeit auch den Freispruch von Ex-Footballstar O. J. Simpson erstritten hatte. Obwohl nicht ganz so spektakulär wie das Simpson-Verfahren, boten die Puffy-Verhandlungen ebenfalls alles, was die Boulevard-Presse liebt: Stars, Gewalt, Liebe und Alkohol. Die Wahrheit indes blieb in beiden Fällen verborgen.

Was geschah am 27. Dezember 1999 bei der Schießerei in einem New Yorker Nachtklub? Sicher ist folgendes: Puffy war in Partylaune. Einen Tag später wollte er einen Segeltörn in der Karibik beginnen. Also überredete er seine damalige Geliebte Jennifer Lopez, mit ihm und seinem Rap-Kollegen Jamaal "Shyne" Barrow (21) in der besagten Bar zu feiern. Puffy spendierte flaschenweise Campagner und tanzte auf den Tischen. Plötzlich fielen Schüsse. Drei Menschen wurden verletzt, eine Frau wurde ins Gesicht getroffen. Puffy, Jennifer Lopez und Puffys Leibwächter Anthony "Wolf" Jones (34) flohen in einer Limousine. Wenig später wurden sie am Times Square festgenommen. Im Wagen wurde eine Waffe gefunden, mit der in der Bar geschossen worden war.

Für Rap-Fans ist Puff Daddy ungefähr das, was für Freunde der Popmusik vor Jahrzehnten die Beatles waren. Er ist ein Idol. Außerdem hat er es innerhalb von wenigen Jahren geschafft, nicht nur seine Musik zu vermarkten, sondern einen riesigen Unterhaltungskonzern mit Dutzenden von Firmen aufzubauen. Der im New Yorker Stadtteil Harlem geborene Puffy beschäftigt weltweit mehr als 400 Menschen. Allein das Platten-Label "Bad Boy Entertainment" soll über ein Kapital von rund 660 Millionen Mark verfügen. Darüber hinaus verkauft der Rapper Designerkleidung unter seinem Namen, er besitzt ein Technologie- sowie ein Filmentwicklungs-Unternehmen, und er unterhält Restaurants in New York und Atlanta. Die Staatsanwaltschaft warf Puffy vor, in jener Nacht im "New York Club" in einen Streit verwickelt gewesen zu sein und ohne Not aus einer Pistole geschossen zu haben, für die er zudem keinen Waffenschein besaß. Bei der Flucht habe er später versucht, seinen Fahrer mit 110 000 Mark zu bestechen, damit dieser den Waffenbesitz auf seine Kappe nimmt.

Sehr viele Zeugen bestätigten, dass es einen Streit gab zwischen Matthew Allen, einem Mitarbeiter des Nachtklubs, und insbesondere Puffys Freund, dem Rap-Musiker Barrow, genannt "Shyne". Allen soll gedroht haben, Shyne umzubringen. Außerdem soll Allen mit einem Geldbündel nach Puffy geschmissen haben, um sich über dessen Großspurigkeit lustig zu machen. Mehrere Zeugen sagten aus, dass sowohl Puffy als auch Shyne wenig später zu schießen begannen. Sieben Zeugen waren sich sicher, dass Shyne eine Waffe trug, drei waren im Fall Puffy überzeugt davon. Auch Allen sagte gegenüber der Polizei: "Ich konnte sehen, wie beide, Shyne und Puffy, geschossen haben."

Der Vorwurf der versuchten Bestechung wiederum wurde von einer Botschaft genährt, die Puffy drei Tage nach der Schießerei auf dem Anrufbeantworter seines Fahrers hinterlassen hatte. Das Band ließ sich die Jury noch am Freitag, kurz vor ihrer Urteilsverkündung, ein letztes Mal vorspielen. Er sei immer für ihn da, ließ Puffy darauf seinen Fahrer wissen. "Wenn dir irgendetwas fehlt, brauchst du mich einfach nur auf meinem Handy anzurufen. Ich möchte, dass es dir und deiner Familie an nichts mangelt."

Die Indizien der Staatanwaltschaft schienen lange Zeit überwältigend zu sein. Doch dann ging die Verteidigung in die Offensive. Puffy sei nicht Täter, sondern Opfer, trug sie vor. Und sie hatte einen Joker im Ärmel. Denn einige der Hauptbelastungszeugen hatten parallel zum Strafprozess in mehreren Zivilklagen den Rap-Musiker auf Schadensersatz in Höhe von insgesamt 2,2 Milliarden Mark verklagt. Nur deshalb, so die Verteidigung, seien sie an dessen Verurteilung interessiert.

In seinem Abschlussplädoyer bezeichnete Puffys Anwalt die entscheidenden Zeugenaussagen sogar als eine Variante der Millionärs-Show. "Schlechte Menschen sind in diesen Gerichtssaal gekommen, die schlimme Anschuldigungen erhoben haben, nur um reich zu werden." Entgegen der Anklage habe Puffy in der besagten Nacht plötzlich Schüsse gehört, dann hätten sich seine Leibwächter über ihn geworfen, um ihn zu schützen. Danach sei er aus dem Klub geflohen, um Jennifer Lopez in Sicherheit zu bringen. Eine Waffe habe er nicht dabei gehabt. Jennifer Lopez wurde als Zeugin nicht verhört. Sie soll sich zur Tatzeit nicht in unmittelbarer Nähe der Schießerei befunden haben. In der Zelle nach ihrer Verhaftung soll sie von Weinkrämpfen geschüttelt geworden sein. Puffys Nachricht auf dem Anrufbeantworter seines Fahrers bewertete die Verteidigung als Zeichen des guten Verhältnisses der beiden. Puffys Leibwächter "Wolf" wurde am Freitag ebenfalls freigesprochen. Rap-Kollege "Shyne" dagegen befanden die Geschworenen der Körperverletzung und des unerlaubten Waffenbesitzes für schuldig. Gegen ihn könnte eine Gefängnisstrafe von bis zu 25 Jahren verhängt werden.

Sean Combs Mutter Janice war jeden Tag im Prozess dabei. Als er am Freitagabend aus dem Gerichtssaal ging, legte der Freigesprochene seinen Arm um sie. Draußen, vor den Kameras und Mikrophonen, dankte er als Erstes Gott: "Wenn Gott nicht gewesen wäre, könnte ich jetzt nicht nach Hause gehen." Dann dankte er seiner Mutter: "Sie war jeden Tag an meiner Seite." Mehr hatte der Rapper nicht zu sagen. Am Abend gingen Mutter und Sohn in ihrem Bezirk in eine Kirche.

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