Welt : Quebec zieht um

Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt: Die Mietverträge beginnen und enden am 1. Juli – Hunderttausende packen jetzt ihre Koffer.

Gerd Braune[Montreal]
Umzugswahn. Ursache ist ein Kolonialgesetz aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Gerd Braune
Umzugswahn. Ursache ist ein Kolonialgesetz aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Gerd Braune

Es ist heiß in Montreal. Hätte der junge Mann nicht ein rotes Kopftuch als Stirnband umgebunden, würde ihm der Schweiß in Strömen ins Gesicht rinnen. „Gleich haben wir es geschafft. Noch eine Herausforderung“, ruft Maxime seinen Freunden zu. Eine enge Treppe aus Gusseisen windet sich in den zweiten Stock. Maxime und seine Freunde heben ein Sofa aus dem Laster und schleppen es Stufe für Stufe nach oben, setzen hin und wieder ab, legen kurze Verschnaufpausen ein. Dann steht das Möbelstück oben. Maxime hat es eilig. In einer Stunde muss er den Mietwagen zurückgeben, will er zusätzliche Kosten vermeiden. Zeit ist Geld in den verrückten Umzugstagen in Montreal rund um den 1. Juli.

Die Avenue de Lorimier ist eine der schmucken Wohn- und Einkaufsstraßen, die sich durch das „Plateau Mont-Royal“ ziehen. Alte Ahornbäume werfen ihre Schatten auf die Häuser mit ihren Ziegelsteinfassaden und den kleinen Vorgärten. In dem zweistöckigen Haus, das wie die meisten in dieser attraktiven Wohngegend durch die charakteristische Außentreppe geprägt ist, hat Maxime Carignan-Chagnon eines der drei Apartments im Obergeschoss gemietet. Fünf Freunde und seine Mutter helfen. In acht Stunden ist der Umzug vom Montrealer Vorort Verdun bewältigt.

Sein querstehender Lastwagen blockiert den Bürgersteig und einen Teil der Straße. Weder Fußgänger noch Autofahrer stören sich daran. Überall blockieren Umzugswagen den Verkehr. Denn die kanadische Provinz Quebec weist eine Einzigartigkeit auf. Der 1. Juli ist der Stichtag für die meisten Mietverträge. „Wir haben in Quebec 1,3 Millionen Mietwohnungen und etwa 70 Prozent der Mietverträge enden am 30. Juni“, sagt Jean-Pierre Le Blanc von der Provinzregierung. Hunderttausende ziehen rund um dieses Datum um. Hydro Quebec, das Energieversorgungsunternehmen der Provinz, bearbeitete im vergangenen Jahr zwischen Mai und August 460 000 Adressänderungen von Kunden, ein statistischer Hinweis auf das Ausmaß und die Konzentration auf eine Zeitspanne. Eigentlich müsste es nicht so sein, dass in den Tagen vom 24. Juni, Quebecs Nationalfeiertag St. Jean Baptiste (Johannes der Täufer), bis zum 1. Juli, Kanadas Nationalfeiertag, in den Städten der überwiegend frankophonen Provinz der Umzugswahn tobt. Gesetzlich vorgeschrieben ist das Datum nicht. Aber es ist eine Tradition, die ins 18. Jahrhundert in die Zeit der französischen Kolonialherrschaft zurückreicht und tatsächlich rechtliche Wurzeln hat. Es war eine humanitäre Regelung der Kolonialregierung: Den Seigneurs. Den Grundbesitzern wurde untersagt, Bauern und Bediensteten im Winter zu kündigen. Dies wurde für Mietwohnungen in den Städten übernommen und im Zivilrecht Quebecs niedergeschrieben. Niemand sollte in der kalten Jahreszeit auf der Straße stehen. Als Datum für das Ende von Mietverträgen wurde der 30. April festgelegt, so dass über zwei Jahrhunderte der 1. Mai der große Umzugstag in Quebec war. „Aber das führte dazu, dass die Wohnungswechsel in die Endphase des Schuljahrs fielen“, erklärt Le Blanc die weitere Entwicklung. Daher entschied die Regierung Quebecs 1973, den Umzugstag in die Sommermonate zu verschieben, damit Schüler nicht während des Schuljahres ihre Schule wechseln mussten. Feste Termine wurden durch die Gesetzesänderung nicht mehr vorgeschrieben. Als Übergangsregelung wurde aber für das Jahr 1974 – und nur für dieses – eine Verlängerung bestehender Mietverträge um zwei Monate bis 30. Juni angeordnet.

Seither ist der 1. Juli der Stichtag, an den sich alle halten, auch wenn er nicht mehr vorgeschrieben ist. So wird es wohl bis in alle Ewigkeit bleiben. In der Rue Marie-Anne, einer Querstraße der Avenue de Lorimier, schleppen Graham und Edward Möbel die Steiltreppe hinauf. „Es ist eine alte Sitte. Es ist unsere Kultur und liegt durch die Jahrhunderte vielleicht sogar in unseren Genen“, begründet Edward das Festhalten am 1. Juli. „Da sind wir stur.“

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