Welt : Queen Mum: 100 - jetzt wirklich

Hendrik Bebber

London-Galant benutzte der Adjutant seinen Degen als Brieföffner, als die Königinmutter die traditionelle Glückwunschkarte lesen wollte, die die Königin zu jedem 100. Geburtstag verschickt. Im Unterschied zu den übrigen elf Empfängern an diesem Tag, wurde der Umschlag der "Queen Mum" allerdings vom königlichen Leibpostboten überreicht. Der Rekord für den königlichen Geburtstagsgruß liegt bei 115 Jahren und bei der blendenden Verfassung der beiden Elizabeths, wetten alle, dass die "Lieblingsoma der Nation" auch diesen Rekord brechen wird. Schon ist sie das älteste Mitglied einer königlichen Familie in der britischen Geschichte.

Die Königinmutter amüsierte sich über den offiziellen Gruß ihrer Tochter ebenso königlich, wie über das Geburtstagsständchen der "Irischen Leibgarde", die mit ihr dieses Jahr den 100. Geburtstag feiert. Vergnügt wippte sie dazu mit ihrem Gehstock, als Tausende von Gratulanten vor ihrem Palast "Clarence House" begeistert "Happy Birthday to You, dear Queen-Mum" anstimmten.

Königsfamilie in gelöster Stimmung

Das Lied war an ihrem Ehrentag die inoffizielle Nationalhymne und setzte sich in Zehntausenden von Kehlen fort, als die Königinmutter begleitet von ihrem Lieblingsenkel Prinz Charles in einer offenen Kutsche zum Buckingham Palast rollte. Für diese Zeremonie mussten die Fans, die teilweise schon seit Tagen vor ihrem Stadtpalast kampierten, freilich auf die persönliche Begegnung mit der "Queen Mum" verzichten. Das "Bad in der Menge", dass sie in den 30er Jahren als Königin für die Monarchie erfand, fiel diesmal aus. Nur eine Vertreterin ihrer Dienerschaft konnte ihr diesmal ein Blumensträußchen überreichen. Elizabeth dankte ihr mit ihrem berühmten warmen Lächeln, bevor sie in den Landauer für die Parade durch die Straßen zum Palast stieg. Während der ganzen Zeremonie verzichtete sie auf den bereit gestellten Sessel und trippelte auf hohen Absätzen zur Kutsche. Streng auf Etikette bedacht, will sie trotz zwei künstlichen Hüftgelenken keine vernünftigen Schuhe tragen.

Das Menschenmeer vor dem Buckingham Palast musste die Königinmutter an den historischen Augenblick erinnern, als sie 1945 zum Kriegsende dort mit ihrem Mann König Georg VI. den Dank der Massen für ihre persönliche Tapferkeit und moralische Stärkung der Nation empfing. Im hellblauen Sommermantel trat die Königinmutter umrahmt von ihren beiden Töchtern Königin Elizabeth und Prinzessin Margaret auf die Empore und winkte freundlich zu den Hochrufen. Hinter ihr stand die gesamte königliche Familie in gelöster Stimmung. Selbst die in der Regel recht mürrisch wirkende Queen scherzte mit ihrer letzten Schwiegertochter, der Gräfin von Wessex und Prinz Charles lachte herzlich mit seinen Söhnen, den Prinzen Edward und Harry. Auch die vielen Polizisten in der Menge entspannten sich mehr und mehr. Wegen Bomben einer irischen Splittergruppe während der "offiziellen" Geburtstagsfeier vor zwei Wochen, herrschte diesmal höchste Sicherheitsstufe.

Nach wenigen Minuten zog sich die Königinmutter und ihre Familie wieder in den Palast zum Geburtstagsessen zurück obwohl die Menschenmenge wie bei einem Rock- oder Opernstar eine "Zugabe" forderte. Damit endete wenigstens in London die nicht abreißende Serie zum Jubiläum. Aber schon am Montag wird die Königinmutter die Huldigungen ihrer schottischen Heimat entgegennehmen. Obwohl sie eigentlich schon alles hat, war der Gabentisch im "Clarence House" reich bestückt. Neben Abertausenden von Glückwunschkarten und Blumengebinden bekam sie viele Geschenke von den Stiftungen und Institutionen, deren Schirmherrin sie ist. Die Londoner Bibliothek schenkte ihr ein seltenes Buch über die Vögel Europas und die Damen der königlichen Gesellschaft für Handarbeit stickten ihr ein Seidenkissen mit dem Bild ihrer schottischen Residenz.

Eine Brosche aus Gold und Diamanten schenkte der Lachs- und Forellenverband der begeisterten Hobby-Anglerin. Sie ist hoffentlich ein Talisman gegen das Verschlucken von Lachsgräten, welches neben den Hüften bislang das größte gesundheitliche Problem der rüstigen Königinmutter ist.

Premierminister Tony Blair schätzt die Königinmutter wie seine Kollegen aus Australien, Neuseeland und Kanada in ihren Glückwunschadressen als "ein Geschenk für die Nation". Und die "Times" bedankte sich dafür in einem Leitartikel: "Wenige haben so lange gelebt und so viel erlebt. Wenige haben den Wandel und die Chancen dieses Jahrhunderts so mutig ergriffen. Aber für alle von uns ist dieser Geburtstag der Königinmutter ein Anker in dem so schwer zu beschreibenden aber starken Grund: Das Beste Britanniens."

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