Quer durch Russland - 0 : Wie ticken die Russen?

Russland verstehen, das wollen viele, können aber nur wenige. Unser Autor begibt sich auf eine Reise durch das Land, in dem er geboren wurde.

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Verschmilzt mit seinem Geburtsland: Nik Afanasjew reiste durch Russland mit dem Versuch, das Land und die Leute zu verstehen.
Verschmilzt mit seinem Geburtsland: Nik Afanasjew reiste durch Russland mit dem Versuch, das Land und die Leute zu verstehen.Collage: William Veder

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?" 

Der letzte Tag vor der Abreise. Ich lese morgens Nachrichten, die erste betrifft Russland. Das ist ebenso wenig überraschend wie das Thema des Artikels: der Krieg. Diesmal kommt er als „Grauer Krieg“ daher. Diesen soll der russische Geheimdienst gegen westliche Diplomaten führen, indem er die Reifen ihrer Autos aufschlitzt und ihre Partys aufmischen lässt. Ein russischer Diplomat erklärt diese Aktionen, ohne sie zu bestätigen, mit vorangegangenen Schikanen des Westens. Eine amerikanische Diplomatin dementiert Schikanen des Westens gegen russische Diplomaten.

Nichts neues im Westen also. Und der Osten war auch schonmal origineller.

Das Verhältnis zwischen Europa und den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite ist kaputt. Nachhaltig kaputt, wie es scheint. Der Krieg taucht in immer neuen Variationen auf. Ob als „Grauer Krieg“ oder als neuer „Kalter Krieg“, also als Revival des vor einem Vierteljahrhundert doch völlig zu Recht abgesetzten Stückes.

Kampf um die Köpfe und Herzen von Menschen auf der ganzen Welt

Dann als „Hybrider Krieg“, der auch den „Informationskrieg“ in sich trägt, also den Kampf um die Köpfe und Herzen von Menschen auf der ganzen Welt. Immer häufiger taucht der Krieg neuerdings auch ohne Zusatz auf. Einfach Krieg. Also der, bei dem Bomben fliegen, Panzer fahren und viele Menschen sterben. Wenn selbst der Panikmache unverdächtige Spitzendiplomaten wie Wolfgang Ischinger erklären, die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung sei akut und größer denn je, ist die Lage ernst.

Mein Blick schweift vom Computer zur Matrjoschka auf meinem Tisch. Mit ihrem rundlichen Bauch und dem Kussmund könnte die Puppe eine rote slawische Friedenstaube sein. Die Matrjoschka steht seit Jahren auf meinem Tisch und ich weiß, was in ihr steckt: ihre Ebenbilder in klein und kleiner. Was alles in Russland steckt, diesem Land des groß und größer, lässt sich ungleich schwerer ausmachen.

Ich wurde in der Sowjetunion geboren, die sich irgendwann vor meinen unbedarften Augen einfach auflöste. 1993 kam ich mit zehn Jahren nach Deutschland. Davor war ich noch als Jung-Pionier mit Lenin-Abzeichen auf der Brust unterwegs gewesen. Hatte mich beim nachbarschaftlichen Subotnik davor gedrückt, die Bordsteinkanten unserer Plattenbausiedlung zu streichen, auf dass sie weiß und glänzend erstrahlen. Ich hatte die endlosen Zahlenreihen auf dem Unterarm meiner erschöpften Mutter betrachtet. Es waren Wartenummern, damit sie Brot kaufen konnte. Solche Zeiten waren das. Als Kind machte mir das nichts aus.

Selbst eine Fußball-Europameisterschaft ist mittlerweile für einen Eklat gut

Als Erwachsener, als Journalist, bin ich zwar mehrfach, aber nie lange am Stück in Russland gewesen. Seit vielen Jahren schreibe ich über mein Geburtsland, diskutiere über seine Politik, in manchmal endlosen und oft ermüdenden Debatten. Auch über seine Vergangenheit und Zukunft rede ich, was im Falle Russlands das gleiche ist, wie meine Gesprächspartner zuweilen einwenden. Doch einen wirklich intensiven Einblick habe ich mir vor Ort nie verschaffen können. Das soll sich mit dieser Reise ändern.

Aus Deutschland heraus erscheint das Land irgendwann zwangsläufig wie ein beängstigendes Kuriosum. In der erhitzten Debatte verengt sich der Blick aus dem Westen auf den Präsidenten Wladimir Putin, neben dem nur politische Wirrköpfe Platz finden, die das Land bei jedem neuen Streit ins nationalchauvinistische Nirwana twittern. Selbst eine Fußball-Europameisterschaft ist mittlerweile für einen Eklat gut. Mit dieser Reise will ich einen Schritt zurückgehen, einmal ordentlich ausatmen und einen möglichst unverstellten Blick auf Russland werfen.

Dafür möchte ich dorthin gehen, wo die normalen Russen wohnen. Sowohl Moskau als auch die entlegenen Regionen im fernen Osten sollen deshalb vorkommen, aber nicht die entscheidende Rolle spielen. Stattdessen will ich mich auf Regionen wie meine Geburtsstadt Tscheljabinsk konzentrieren, eine Industriestadt am Ural, am Übergang zwischen Europa und Asien, eine Art russisches Duisburg. Meine Beiträge sollen der Verständigung zwischen Ost und West dienen und eine Antwort liefern auf ein Doppelfrage: „Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?“

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