• Quer durch Russland - 2: Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans

Quer durch Russland - 2 : Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans

Alexander Schprygin ist das Sprachrohr der Sbornaja-Fans. Er narrte die französische Polizei, verteidigte auch jene Russen, die sich durch die EM prügelten. In einer Moskauer Kneipe gibt er sich im Ton fast verstörend anders.

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Ausschreitungen zwischen russischen und englischen Anhängern beim EM-Spiel in Marseille.
Ausschreitungen zwischen russischen und englischen Anhängern beim EM-Spiel in Marseille.Foto: dpa/DANIEL DAL ZENNARO

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?" 

Der russische Ober-Fan kommt 15 Minuten zu spät, schaut sich skeptisch um, und geht dann zum Tisch. Leichter, fast angedeuteter Händedruck. Er setzt sich, checkt sein Handy, schaut nach vorne. Auf der Leinwand übernimmt Deutschland nach zögerlicher Anfangsphase gerade die Kontrolle über Frankreich im Halbfinale der Europameisterschaft.

Der Irish Pub, den Alexander Schprygin für Spiel und Interview selbst ausgesucht hat, ist gut gefüllt und riecht nach Malz und Chicken Wings. Draußen rauscht der Verkehr auf einer breiten Ausfallstraße im Süden Moskaus. Es regnet.

Schprygin ist Chef der russischen Fanvereinigung (VOB). Seit der ersten Woche der Europameisterschaft, seit einige Russen sich durch Marseille prügelten, seit die Nationalmannschaft wegen ihrer Fans fast aus dem Turnier ausgeschlossen wurde, seit Schprygin selbst erst aus Frankreich ausgewiesen wurde und dann Selfies aus dem Stadion vom nächsten Spiel postete, seitdem ist vieles im Argen. Gefragt nach seinem EM-Fazit, so ganz persönlich und allgemein, sagt Schprygin: „Wir haben wirklich auf ein starkes Abschneiden unserer Mannschaft gehofft.“

Alexander Schprygin, Präsident des Allrussischen Fanverbandes.
Alexander Schprygin, Präsident des Allrussischen Fanverbandes.Foto: dpa/Vitaliy Bezrukih

Alexander Schprygin ist groß gewachsen, stämmig, er trägt an diesem Tag eine Regenjacke, aber vor allem fällt sein trauriger, ja melancholischer Gesichtsausdruck auf, der so gar nicht zum Verteidigungsminister der Hooligans zu passen scheint. „Das Stadion kenne ich“, sagt Schprygin und deutet mit seinem Kopf zur Leinwand, wo nach der Schusschance von Emre Can die Kamera durch die Zuschauertribünen im „Stade Velodrome“ von Marseille schwenkt. Er sagt das leise und ernst, wie er alles leise und ernst zu sagen scheint.

„250 von 15.000 haben sich daneben benommen“

„Die Engländer haben provoziert, sie haben den Mittelfinger gezeigt, unseren Präsidenten beleidigt.“ Schprygin hält inne. „Die Franzosen haben vier Sicherheitsleute zwischen die Blöcke gestellt.“ Eine Pause. „Vier.“

Schprygin erklärt, er und der Fanverband hätten alles aufarbeiten wollen, am nächsten Tag, allerdings sei der Fanbus da von der Polizei aufgehalten, er ausgewiesen worden. Es ist eine Erklärung, die bei vielen in Europa nur Kopfschütteln auslösen wird. „Die Hooligans wollten es machen wie in den guten alten Zeiten.“ Schprygin hält wieder inne. „250 von 15.000 haben sich daneben benommen.“

Dann erklärt Schprygin seine zweite EM-Bilanz: „Die russischen Hooligans sind jetzt die Nummer eines in Europa. Ich weiß nicht, ob das gut ist, aber es ist so.“ Schprygin schaut – während er seine Landleute zu Königen der dritten Halbzeit erklärt – nicht etwa triumphierend, sondern so, als würde er sich gerade an alle sechs Gegentore der Russen bei der EM gleichzeitig erinnern. „Im Stadion wurde die Mannschaft gut unterstützt. Das Spiel gegen England war leider noch das beste.“

Frankreich schießt dann das 1:0, im Irish Pub bestellen alle in der Halbzeit noch mehr Chicken Wings. Schprygin schweigt lange und sagt dann, aus dem Nichts: „Die französischen Polizisten küssen sich zur Begrüßung. Die küssen sich, so links und rechts.“

In der zweiten Halbzeit beantwortet Schprygin geduldig alle Fragen.

„Auch die französische Polizei konnte es nicht glauben, aber Präsident der russischen Fanvereinigung ist mein bezahlter Hauptjob.“

„Auch Schwarze könnten russische Nationalspieler sein, aber nur wenn einer wirklich viel trifft, würden ihn alle Fans akzeptieren und lieben.“

„Wenn russische Spieler bei europäischen Top-Clubs Stammspieler wären, würde die Mannschaft profitieren.“

„Beim Gesang ist es manchmal schwer mit englischen Ultras mitzuhalten, aber sonst sind wir ganz vorne dabei.“

„Die Deutschen machen gleich noch einen und es geht in die Verlängerung.“

Alexander Schprygin redet, guckt und agiert defensiv

Schprygin sagt das alles, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Er selbst trinkt einen kleinen Orangensaft. Der Unterschied zwischen seiner Außenwirkung und der der russischer Hooligans, die in Frankreich stets als ultrahart, ultraschnell und ebenso gewalttätig beschrieben wurden, ist wirklich so groß wie der zwischen Wales und Russland beim 3:0 im letzten Gruppenspiel. Es scheint auch nicht gespielt. Alexander Schprygin redet, guckt und agiert defensiv. Es bleibt nichts anderes, als ihn als einen Fan wahrzunehmen, der sich nach guten alten Hooligan-Attacke-Zeiten und einer spielstarken russischer Nationalelf sehnt. Oder es bleibt eben doch etwas anderes, nämlich seine vielen die Gewalt relativierenden Aussagen während der EM, davor und danach. Aber persönliche Eindrücke prägen halt stark.

„Die Deutschen können beruhigt sein“, sagt er noch, gefragt nach der WM 2018. „Das wird die sicherste WM aller Zeiten. Die russischen Sicherheitsorgane haben alles unter Kontrolle.“ Rechtsradikale seien ohnehin kein Problem, erklärt Schprygin, von dem einschlägige Fotos im Netz kursieren. „Das war früher. In den 90ern.“ Er hält lange inne und schaut dabei zur Wand. „Damals waren Rechtsradikale und Hooligans zwei Seiten einer Medaille. Das hat die Polizei hier hart zerschlagen.“

Griezmann stochert irgendwann für Frankreich den Ball zum 2:0 ins Netz. Die Zuschauer sind darüber tendenziell eher traurig. Schprygin trinkt seinen Saft aus.

„Im Endeffekt sind Hooligans überall gleich“, sagt er noch leise. Dann geht der russische Ober-Fan hinaus aus der Bar, in den Regen.

Teil 1 der Serie, Nik Afanasjews Besuch auf der Krim, lesen Sie hier.

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