Quer durch Russland - 3 : Alle Wege führen nach Moskau

Nach langer Vorbereitung, einem Besuch auf der Krim und einem Interview mit dem Chef der russischen Fußballfans beginnt die Reise quer durch Russland doch wieder in Moskau. An der Hauptstadt führt einfach kein Weg vorbei.

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Auf der Brücke – nur 100 Meter entfernt vom Kreml – wird Boris Nemzow gedacht.
Auf der Brücke – nur 100 Meter entfernt vom Kreml – wird Boris Nemzow gedacht.Foto: null

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?"

Moskau. Eigentlich wollte ich ja gar nichts über Moskau schreiben. Schlichtweg weil sich normalerweise alles in Russland um die Hauptstadt dreht. Die Kommunisten wollten ja früher die klassenlose Gesellschaft schaffen, aber die Moskowiter waren zu allen Zeiten gleicher als die anderen, sie waren der Adel, der besser versorgt und gehätschelt wurde. Eine „moskovskaja propiska“, also das Wohnrecht in Moskau, war für die meisten Sowjetbürger das unerreichbare Ticket ins bessere Leben.

Meine Reise findet unter den doppelten Leitfrage statt: „Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?“ Diese Fragen habe ich schon einmal zu beantworten versucht, allerdings nur in Bezug auf die Moskowiter. Nachzulesen ist das hier.

Es war sozusagen der vorgelagerte erste Teil meiner aktuellen Reise, nur dass ich damals nicht wirklich wusste, dass es einen zweiten geben würde.

Es ist aber nun einmal so, dass in Russland nichts an Moskau vorbeigeht. Viele Wege führen nach Rom, aber alle Wege führen nach Moskau, zumindest in Russland. Wer umsteigt, anfängt, oder aufhört, landet hier. Wer als Journalist eine Akkreditierung braucht, holt sie beim Außenministerium ab, das in einem stalinistischen Prachtbau an einer gefühlt 14-spurigen Straße residiert.

Um an meine früheren Recherchen anzuschließen, bin ich zunächst auf die Brücke gegangen, auf der ich meinen letzten langen Russland-Text begonnen habe. Dort, wo im Februar 2015 Boris Nemzow erschossen wurde. Damals wehten dort russische Fahnen, standen Bilder, lagen Blumen. Vor allem die Flaggen waren wichtig, werden Oppositionelle doch von Nationalisten gerne als Vaterlandsverräter betitelt. Es war der Kampf darum, wer und was zu Russland gehört.

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Russland: Trauer ein Jahr nach Nemzow-Mord
Russland: Trauer ein Jahr nach Nemzow-Mord

Im Juli 2016 wird auf der Brücke – nur 100 Meter entfernt vom Kreml – immer noch Nemzow gedacht. Nur die Flaggen sind weg. Ein alter Mann mit weißem Bart bewacht die Bilder und Blumen. „Ja, die Behörden wollen hier keine Russland-Flaggen. Wenn hier welche hängen, und die Polizei kommt, fragen die, wem sie gehören. Wenn ein Aktivist sagt: mir, nehmen sie ihn mit. Wenn niemand sagt: mir, nehmen sie die Flaggen mit!“ Dann fängt der Mann an, auf Regierung, Gott und die Welt zu schimpfen.

Ich gehe auf den Roten Platz und beobachte – wie schon im Simferopol – eine Stunde lang, was sich dort alles zuträgt. Besonders zuträglich ist das nicht. Der Rote Platz – das Herz Russlands, ist irgendwie sehr unrussisch und unterscheidet sich extrem von Land und Hauptstadt. Es sind viele internationale Touristen unterwegs, es fahren keine Autos in endlosen Kolonnen, niemand beeilt sich. Der Rote Platz ist eingerahmt vom Kreml, dem Luxuskaufhaus GUM, der Basilius-Kathedrale und einem Museum. Weltliche und kirchliche Macht – sowie die Macht des Konsums. Alle herrschaftlichen Säulen auf einem Fleck.

Ein Vater sagt seinem Sohn stolz: „Das ist das Mausoleum, und dahinter ist der Kreml!“ Der Junge fragt: „Und wo kaufen wir jetzt Eis?“

Sonst sind die Russen im Selfie-Fieber. Gruppen von fünf jungen Menschen, die alle sich selbst, aber nicht die anderen fotografieren, sind keine Seltenheit.

Irgendwie wird die Verwechselbarkeit der großen Plätze in den großen Städten mit der Zeit größer. Wer kurz wegdöst, könnte aufwachen und den Roten Platz auch für den Pariser Platz in Berlin halten, direkt am Brandenburger Tor. Nur mit weniger Sowjetsoldaten. Die gibt es auf dem Roten Platz zur Touristenbelustigung nicht.

Die meiste Aufmerksamkeit in dieser einen Stunde am Kreml erregen sechs Frauen aus Südkorea. Sie sind alle um die 50 oder älter, tragen bunte Hüte und rosa oder rote Blazer und sind einfach extrem gut gelaunt. Sie hüpfen hoch, lachen laut, werfen sich durch die Luft Küsschen zu. Nachfragen nach der kriminell guten Laune bleiben erfolglos. Sie sagen, dass sie nichts verstehen und hüpfen einfach weiter.

Weiter, einfach weiter. Es wird Zeit für mich, aus Moskau weiterzuziehen.

Teil 0 – vor der Abreise – lesen Sie hier.

Teil 1 – Die Krim, das neue Staatsgebiet – lesen Sie hier.

Teil 2 – Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans – lesen Sie hier.

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