Quer durch Russland - 4 : Die tatarische Schweiz

In Kasan ist es so schön und ordentlich wie in den Alpen, die Russen sind alle nüchtern und überall auf der Welt erklingt die gleiche Melodie. Reisen war auch schonmal einfacher.

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Ploschad' Tukaya, im Zentrum von Kasan. Foto: Nik Afanasjew
Ploschad' Tukaya, im Zentrum von Kasan.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?"

 

Da sitze ich in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan, einst verwüstet von der Goldenen Horde und später von Zar Iwan dem Schrecklichen, stets umso prächtiger wieder aufgebaut. Ich sitze also in diesem Zentrum des russischen Islam, der Schwelle zwischen Orient und Okzident, von der aus selbst tagelange Fahrten in eurasischer Weite enden und sehe... einen peruanischen Flötenspieler.

Mit buntem Federschmuck auf dem Kopf und authentischer Robe verstärkt er sein Flötenspiel elektronisch per Lautsprecher-Box. Mystisch-inkongruente Töne mischen sich mit den Geräuschen anfahrender Autos auf der Hauptstraße hinter dem Peruaner. 

Die Bewohner Kasans interessiert all das mäßig, nur ich bin etwas erschüttert. Wenn selbst hier der gleiche Flötenspieler Geld sammelt wie in Amsterdam und Paris... wo gibt es dann noch die andere, die irgendwie wilde Welt? Der Effekt wird verstärkt durch einen roten Bus schräg hinter dem Peruaner, auf dem „City Sightseeing Kazan“ steht. Es ist der gleiche rote Doppeldecker, wie er durch Berlin kreist, sogar die benutzte Schriftart ist gleich, dieses gewollt lässige Holstein.

Der Peruaner blickt mit halb geöffneten Augen entrückt ins Licht

Hinter mir zieht sich die lange Baumannstraße, Flaniermeile für Fußgänger, zum Kreml von Kasan. Dort steht Moschee neben Orthodoxer Kathedrale. Auf diese Nähe beider Religionen sind die Bürger von Kasan stolz. Eigentlich sind es sogar drei Religionen, denn eines der Tore zum Kreml trägt einen prächtigen sowjetischen Stern. Insgesamt ist Kasan sehr aufgeräumt, eine architektonische Sehenswürdigkeit reiht sich an die nächste, in dieser tatarischen Schweiz.

Ich blicke wieder nach vorne, wo jetzt ein Mädchen zu den Flötenklängen tanzt. Der Peruaner blickt mit halb geöffneten Augen entrückt ins Licht, schließt seine Augen dann ganz und spielt weiter, als wäre er energetisch verbunden mit all den Flötenspielern überall auf der Welt, die gerade die gleiche Melodie spielen, oder als würde sein Geist irgendwo über Berggipfeln kreisen wie ein Andenkondor. Vielleicht ist der Mann auch einfach nur müde.

Ein Junge kommt auf mich zu, er trägt Brille, ist wohl höchstens fünf. Er sagt: „Da krabbelt etwas durch ihr Haar.“ Ich wische mir übe den Kopf, bedanke mich und gucke wieder zum Peruaner, der ein Schild aufhängt, das auf Russisch sagt: „Armbänder mit ihrem Namen in fünf Minuten.“

Danke, du zahnlose Tänzerin

Plötzlich steht der Junge wieder vor mir: „Es ist immer noch da. In Ihrem Haar. Da!“ Er zeigt irgendwo auf meinen Kopf. Er dirigiert meine Hand und ich schaffe es das Ungeziefer aus meinen Haaren zu ziehen. Die Geduld und die Höflichkeit des kleinen Jungen sind bemerkenswert. Und meine Haare vielleicht einfach zu lang.

Dann fängt eine Frau an, zu den Flötenklängen zu tanzen. Sie ist sicher älter als 50, hat kaum Zähne und tanzt sehr gekonnt. Wenige Minuten später setzt sie sich zu mir. Sie war früher Tanzlehrerin, erklärt sie. Sonst verstehe ich fast nichts von dem, was sie sagt. Was mich verstehen lässt, dass sie betrunken ist. Ich bin irgendwie sehr erleichtert. Denn zuvor habe ich in den zwei Wochen Russland fast keinen Betrunkenen gesehen.

Dass die junge, städtische Bevölkerung in Russland entgegen allen Klischees deutlich weniger trinkt als Westeuropäer, wusste ich schon. Dass es ab 23 Uhr keinen Alkohol mehr in Supermärkten zu kaufen gibt, ist mir neu. Aber diese ganz große Nüchternheit überrascht mich bei dieser Reise doch. Deshalb: danke, du zahnlose Tänzerin.

 

Teil 0 – vor der Abreise – lesen Sie hier.

Teil 1 – Die Krim, das neue Staatsgebiet – lesen Sie hier.

Teil 2 – Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans – lesen Sie hier.

 

Teil 3 – Alle Wege führen nach Moskau – lesen Sie hier.

 

 

 

 

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