Radioaktivität : Atomkrise hinterlässt Spuren bis nach Tokio

Die Lage in den havarierten Atomkraftwerken Fukushima Daiichi ist weiterhin instabil. Die Radioaktivität verteilt sich dabei regional unterschiedlich. Nicht nur in Tokio sind radioaktive Zerfallselemente wie Jod-131 und Jod-133 im Trinkwasser entdeckt worden.

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Berlin - Am Mittwoch hat es zum wiederholten Mal im Reaktor 3 gebrannt. Wie an den Vortagen musste die Betreiberfirma Tepco das Gelände evakuieren, nachdem schwarzer Rauch aus dem Reaktorgebäude aufstieg. Was da brennt, kann Tepco nach wie vor nicht beantworten. Doch Michael Sailer, Geschäftsführer des Öko-Instituts Freiburg und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission sagt: „In einem mehr als 100 Grad heißen Gebäude kann immer etwas in Brand geraten.“ Sei es der Anstrich, seien es Schränke oder Kabelisolierungen.

Dabei hatte Tepco am Dienstagabend noch stolz gemeldet, dass nun das Licht im Reaktor 3 wieder brenne. Inzwischen sind alle sechs Atomkraftwerke wieder an Starkstromkabel angeschlossen. Allerdings laufen lediglich in den schon vor dem Erdbeben zur Wartung abgeschalteten Reaktoren 5 und 6 auch wieder Pumpen über diese Stromanschlüsse. In den anderen Gebäuden muss Tepco erst noch ermitteln, in welchem Zustand die Pumpen überhaupt sind. Und zumindest die Pumpen in den Reaktoren 1 und 2 sind durch den Tsunami mit Meerwasser überschwemmt worden, berichtet die japanische Atomindustrievereinigung Jaif.

Die japanische Atomaufsichtsbehörde Nisa berichtete am Mittwoch zudem, dass am Reaktor 2 die höchsten Strahlungswerte seit Beginn der Krise gemessen worden seien. Zwei Elektriker, die mit der Verlegung der Starkstromkabel an die zerstörten Reaktorgebäude beschäftigt waren, sind nach Angaben von Tepco verletzt, aber nicht verstrahlt worden.

Inzwischen sind neben den 50 Tepco-Mitarbeitern, die seit Beginn der Krise auf dem Gelände geblieben sind, hunderte Helfer der Armee, der Polizei und der Feuerwehren aus Tokio und Osaka im Einsatz. Außerdem sind weitere Helfer auf dem Gelände beschäftigt, die beispielsweise mit den Stromanschlüssen beschäftigt sind. Berichte, nach denen Obdachlose in diesen Einsatz geschickt würden, hält die atomkritische Organisation CNIC (Citizens Nuclear Information Center) allerdings für übertrieben. CNIC verfolgt seit Jahren Fälle von Atomarbeitern, die bei ihrer Arbeit Strahlenschäden davon getragen haben und deshalb vor die Gerichte ziehen, um sich Behandlung oder Entschädigungen zu erstreiten. Allerdings sind im Normalbetrieb tatsächlich viele nur temporär beschäftigte und schlecht ausgebildete Beschäftigte auf den Baustellen und in den Atomkraftwerken unterwegs. Während es in Deutschland Instandhaltungstrupps und Werksfeuerwehren an jedem Atomkraftwerksstandort gibt, werden in Japan alle Arbeiten, die nicht unmittelbar mit dem Betrieb der Meiler zu tun haben, an Fremdfirmen vergeben. Und dort kommen häufig Arbeitslose zum Einsatz, die sich mit Zeitverträgen über Wasser halten.

Nicht nur in Tokio sind radioaktive Zerfallselemente wie Jod-131 und Jod-133 im Trinkwasser entdeckt worden. Der Grenzwert für die Zerfallsaktivität liegt in Japan für Erwachsene bei 300 Becquerel pro Kilogramm. In einem Dorf etwa 30 Kilometer nördlich von Fukushima waren am 20. März sogar 965 Becquerel gemessen worden, in einem Dort südlich der havarierten Anlagen wurden schon am 17. März 305 Becquerel gemessen. Dort sank der Wert aber schon innerhalb von zwei Tagen wieder auf 123 Becquerel. Die Verteilung der Radioaktivität ist sehr ungleichmäßig. Das liegt zum einen am Wind. Zu Beginn der Krise wurden die radioaktiven Partikel vor allem über die Luft verteilt. Im weiteren Verlauf hat es aber mehrfach geregnet. Überall dort, wo die Niederschläge heftiger waren, sind auch die Strahlungswerte höher. Ob nur Teile Japans oder das ganze Land mit Belastungen rechnen müssen, hängt vom weiteren Verlauf in den Atomkraftwerken selbst ab.

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