Rätselhafte Tat : Amoklauf in Lörrach: Explosion der Gewalt

Eine Frau hat in Lörrach mehrere Menschen getötet, darunter ihren Mann und ihren fünfjährigen Sohn. Sie war Rechtsanwältin, intelligent und erwachsen – das passt nicht zum Bild des Amokläufers.

Stefan Hupka
Ein Beamter der Spurensicherung am Tatort. Die Amokläuferin hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 300 Schuss Munition mit in das Krankenhaus genommen.Alle Bilder anzeigen
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19.09.2010 21:25Ein Beamter der Spurensicherung am Tatort. Die Amokläuferin hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 300 Schuss Munition mit...

Diese Ruhe. Das ist das, was Ernst Barth am meisten irritiert. Die Ruhe, mit der die Frau die Straße überquert. Sie rennt nicht, sie schreitet. Modisch gekleidet, rote Jacke, schwarze Hose, die Handtasche über der linken Schulter, die rechte Hand hängt herab, es ist die Hand mit der Waffe.

Kurz zuvor hat es geknallt, „wie ein kleines Feuerwerk“, so beschreibt es der 69-Jährige. Dann die große Explosion. Sekunden später steht das Mehrfamilienhaus in der Markus-Pflüger-Straße 22 in der Innenstadt von Lörrach in Flammen.

Es ist ein ruhiges Viertel an einem bis dahin ruhigen Abend in einer kleinen Stadt, eine tief stehende Spätsommersonne strahlt durch große Laubbäume. Soeben ist eine Straße weiter das Grillfest der Baptistengemeinde ausgeklungen, man geht zu den Autos, will heimfahren – als diese Detonation das Viertel erschüttert.

Neugierig und alarmiert nähern sich Ernst Barth und der Pastor der Gemeinde, Jürgen Exner (48), der Straßenecke. Da sieht Ernst Barth die Frau. Und er sieht die Pistole. „Werfen Sie die Pistole weg“, ruft er. Die Frau zielt direkt auf sein Gesicht. Er hört einen Knall, duckt sich, spürt, wie ihm das Blut von der Stirn rinnt. Er hört einen zweiten Knall, der gilt dem Pastor. Der geht zu Boden, ist im Rücken getroffen. Dann wendet sich die Frau, nun schon etwas schneller, der Einfahrt und dem Haupteingang des St.-Elisabethen-Krankenhauses zu. „Vorsicht“, ruft Ernst Barth noch hinterher, „die ist bewaffnet.“ Doch die Frau an der Rezeption kann ihn nicht hören – sie öffnet die Tür. Dann nimmt drinnen das Verhängnis seinen Lauf.

Es ist eine Bilanz des Schreckens: vier Tote, darunter der frühere Ehemann der Täterin und ihr fünfjähriger Sohn, ein Krankenpfleger und – sie selbst. „Sie ist von zahlreichen Schüssen getroffen worden“, bestätigt Heribert Rech, der Innenminister Baden-Württembergs, am anderen Morgen ernst. Er macht seiner Polizei Komplimente dafür, wie sie hier „mit einem hohen Grad an Mut, Umsicht und beherztem Vorgehen noch Schlimmeres“ verhindert habe.

Der Politiker will den Ermittlungen nicht vorgreifen, aber er legt doch noch Wert auf die Feststellung, dass es hier anders gelaufen sei als damals beim Amoklauf von Erfurt. „Frühzeitig den Tatablauf unterbrechen, den Täter von seinem Vorhaben abbringen, oder in diesem Fall die Täterin, auf jeden Fall keine statische Lage herstellen“, das, so berichtet Rech nicht ohne Stolz, sei die Einsatztaktik der baden-württembergischen Polizei in solchen Fällen. Und, jawohl, sie sei auch schon in Winnenden erfolgreich zur Anwendung gekommen.

Eine Täterin – das ist das, was alle am meisten irritiert. Dann auch noch eine Rechtsanwältin. Eine Mutter, eine Erwachsene. Das will alles so gar nicht passen zu dem Bild, das es vom jungen, männlichen Amokläufer gibt. Lörrachs Oberbürgermeisterin, die erfahrene Christdemokratin und frühere Verwaltungsrichterin Gudrun Heute-Bluhm, ist vor allem darüber schockiert: „Wie kann eine Juristin so etwas tun?“ Tapfer erwehrt sich die 53-Jährige, die die 50 000-EinwohnerStadt am Hochrhein seit 1995 regiert, des Großauftriebs der Kamerateams von Anstalten aus ganz Deutschland und den Nachbarländern und seufzt: „Man wünscht sich, der Anlass für dieses plötzliche Interesse der Weltpresse an Lörrach wäre ein schönerer.“

Wer ist die Frau, die so etwas tut, die mit einer, man muss nach den bisherigen Ermittlungen und Zeugenaussagen schon sagen, beispiellosen Kaltschnäuzigkeit vorgeht – und was war ihr ursprüngliches Motiv?

Tatsache ist, dass die Rechtsanwältin Sabine R. (41) aus dem Ort Häg-Ehrsberg bei Schopfheim schon früher Gesprächspartnern, die mit ihr zu tun bekamen, „merkwürdig“ vorkam. 1998 hat sie das 2. Staatsexamen abgelegt, ihre Anwaltszulassung datiert allerdings erst vom Dezember 2009. Sie prozessierte bis zu diesem Sommer gegen die Kündigung eines befristeten Arbeitsverhältnisses in einer Firma, in der sie in der Personalabteilung beschäftigt war. In dem Verfahren verschliss sie mehrere Anwaltskollegen, denen sie in Beschwerden an die Anwaltskammer unter anderem das Folgende vorwarf: „eine Aneinanderreihung von Versäumnissen, Verfehlungen und Fragwürdigkeiten, die mit einer gewissenhaften Ausübung des Anwaltsberufes unvereinbar sind“.

Aber es sind diese Sorte seitenlange Schriftsätze, bei denen sich nicht nur Journalisten, auch Juristen, die sie lesen müssen, der Eindruck aufdrängt: Hier verrennt sich ein wortgewandter und auch fachkundiger Mensch in aussichtslosen formaljuristischen Verästelungen und Rechthabereien. Mit ihrem Mann stritt sie um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn, der bei seinem Vater lebte.

Die Tat begann, als der Vater den Sohn nach einem Besuch bei ihr abholen wollte. Sie erschoss den Mann, der Sohn starb dagegen durch stumpfe Gewalt. Dann zündete sie ihre Wohnung mit Brandbeschleuniger an, es kam zu der Explosion. Dann zog sie bewaffnet los, um offenkundig wahllos Menschen zu erschießen. Warum lief sie in die Klinik? Dort hatte sie 2004 eine Fehlgeburt erlitten. Dem Krankenpfleger schoss sie mehrmals in den Kopf und stach ihn außerdem nieder.

Sabine R. war Sportschützin. Sie soll mehrere Waffen besessen haben. Mit dabei hatte sie eine langläufige Sportpistole Kaliber 22 und viel Munition. Allein im Krankenhaus fand die Spurensicherung mehr als 100 Patronenhülsen, die sie abgefeuert hatte. Sie war nicht zu bremsen. Sie schoss auf Patienten und Polizisten. Sie wütete so lange, bis Polizeibeamte sie mit mehreren Schüssen niederstreckten.

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