Welt : Ramadan macht dick

Experten warnen Moslems vor den gesundheitlichen Nebenwirkungen des Fastenmonats

Thomas Seibert[Istanbul]

Von Thomas Seibert, Istanbul

Mitten in der Nacht wird es plötzlich laut. Trommler ziehen gegen vier Uhr morgens durch die dunklen Straßen der türkischen Metropole Istanbul und veranstalten einen Riesenlärm. Die Trommelschläge sollen die Türken wecken, denn der moslemische Fastenmonat Ramadan hat begonnen, und da dürfen die Gläubigen von etwa fünf Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags nichts zu sich nehmen: Sie müssen sich mit dem Frühstück also beeilen. Doch wenn die Trommler kommen, beginnt nach Ansicht von Ernährungswissenschaftlern auch häufig ein höchst ungesundes Wechselspiel von Fasten und Schlemmen.

Die Unterbrechung der normalen Ernährung im Ramadan verführt viele Menschen dazu, bei den erlaubten Mahlzeiten zu viel und zu fett zu essen. Deshalb hagelt es in der Türkei zurzeit gute Ratschläge von Experten. Beim Ramadan-Frühstück, dem „Sahur“, sollte man Eier, Käse, Milch, Brot, Gemüse und Obst zu sich nehmen, sagen die Fachleute. Zwar soll es der Gläubige mit der Mahlzeit vor Sonnenaufgang nicht übertreiben – doch mit einem vernünftigen Frühstück kann der Fastende verhindern, dass er nach dem Fastentag völlig ausgehungert ist, sagt die Diät-Expertin Selma Önelge Gür.

Dieser Ratschlag kommt nicht von ungefähr. Wenn im Ramadan die Sonne untergeht, machen sich viele Moslems beim Fastenbrechen, dem „Iftar“, über alles her, was gut schmeckt und satt macht. Weitgehend vergeblich raten die Experten zum Maßhalten und empfehlen zum Fastenbrechen ein bescheidenes Mahl aus Datteln, Wasser, Gemüsebrühe und einer Scheibe Brot. Erst zum Abendessen einige Stunden nach dem „Iftar“ sollte dann mit Fleisch oder Fisch, Reis und Obst ordentlich zugelangt werden. Der Magen soll nicht gleich beim „Iftar“ überfordert werden. „Wenig essen – lange leben“, fasst der Ernährungsexperte der türkischen Zeitung „Sabah“ zusammen.

Für die allermeisten Moslems in der Türkei und anderswo sind das fromme Wünsche der Wissenschaft. Die „Iftar“-Tafel ist ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Das Ergebnis, sagen die Experten, sind Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Blutdruckschwankungen oder sogar Herzflattern. Außerdem bringen viele Moslems wegen des „Jojo-Effektes“ von Essen und Fasten nach dem Ramadan mehr Kilo auf die Waage als vorher. „Das Fasten macht nicht schlank, es macht dick“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Zeynep Koc. Der Grundgedanke hinter dem Fasten – Körper und Seele durch die Abstinenz zu reinigen – rückt in den Hintergrund. Kranke, Kinder und Schwangere müssen sich nach den Regeln des Islam zwar nicht am Fasten beteiligen, doch viele tun es trotzdem. Schüler riskieren nicht nur Konzentrationsschwierigkeiten und schlechtere Noten, sondern sogar Wachstumsstörungen.

Selbst Profi-Fußballer werden von den Fachleuten aufgefordert, das Fasten zu lassen, wenn sie ihre Gesundheit nicht aufs Spiel setzen wollen. Die Ernährungsberaterin der türkischen Erstliga-Mannschaft Genclerbirligi Ankara, Aylin Hasbay, rät den Spielern zur Beibehaltung des normalen Mahlzeiten-Rhythmus, weil wegen der sportlichen Dauerbelastung sonst Gesundheitsrisiken bis hin zur Dehydrierung drohen. Als wären das noch nicht genug Probleme, müssen die Moslems im Ramadan auch noch auf unangenehmen Mundgeruch achten, weil die Speichel-Produktion abnimmt. Der Zahnmediziner Tamer Akaoglu rät den Gläubigen, sich auch beim Fasten über Tag die Zähne zu putzen. Doch selbst da lauern Gefahren. Ein islamischer Geistlicher im zentralanatolischen Konya warnte, wenn bei der Zahnpflege vor Sonnenuntergang auch nur kleine Mengen Zahnpasta verschluckt würden, habe der Gläubige gegen das Fastengebot verstoßen. Dann schon lieber Mundgeruch.

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