Ramadan : Stunde der Derwische

Ramadan, das bedeutet für die Muslime vier Wochen lang Ausnahmezustand. Eindrücke aus Ägypten von Martin Gehlen.

Martin Gehlen[Kairo]
Ramadan in Ägypten - Tanzende Derwische
Tanz und Akrobatik. Abendliche Szene in Kairo. -Foto: dpa

Noch eine halbe Stunde bis Sonnenuntergang. Eilig strömen die Abendgäste in das Fischrestaurant Kadoura im Mittelklasseviertel Mohandessin. 500 Gedecke sind auf die drei Etagen verteilt für das festliche Ramadanmenu mit Seebarsch, Tintenfisch, Red Snapper oder Langusten. Die Küche brodelt, drei Dutzend Kellner wirbeln im Laufschritt durch die Säle, jeder schleppt mindestens zehn gut gefüllte Teller – einfach aufeinander gestapelt. Wie am Fließband arbeiten die Köche, im Sekundentakt kommen Fische frittiert aus den beiden bauchigen schwarzen Feuertöpfen. Im Auge des Sturms steht Chefkoch Gimal Harim, der auch den letzten Langustenteller noch flink mit einigen Feldsalatblättern garniert.

Mit einem Mal legt sich wie von magischer Hand die ganze Hektik. Jeder hat seinen Platz gefunden und schaut mit knurrendem Magen vor sich auf sein Menu. Ein Moment regungsloser Stille, in der alle auf den ersehnten Ruf des Muezzins zum Sonnenuntergang warten. Dann beginnt das Besteck zu klappern, alle machen sich über ihre Teller her. Stumm und kauend werden die Schüsseln mit Reis und Gemüse hin- und hergereicht, manche halten sich eine Hand unters Kinn, um das Essen schneller reinstopfen zu können. Nach zehn Minuten schon stehen die Ersten im Foyer und rauchen, während aus Flachbildschirmen an den Salonwänden die neueste Folge einer Ramadan-Soap plärrt. Eine halbe Stunde später leeren sich die Tische bereits, die Kellner stellen die Stühle hoch, löschen das Licht, und kaum später ist der festliche Spuk vorbei.

Statistiken über die gesundheitlichen Folgen des heiligen Fastenmonats gibt es kaum. Ärzte jedoch beobachten, dass Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes-Komata oder Darminfekte stark ansteigen. Jordanien lässt in diesem Jahr erstmals heitere TV-Spots gegen die Völlerei ausstrahlen – eine Novität in der gesamten arabischen Welt. Ramadan, das sind vier Wochen Ausnahmezustand – Geschäfte, Banken und Behörden arbeiten nur drei, vier Stunden am Tag, dafür sind in der Nacht alle Shoppingmeilen, Basare und Konditoreien bis in den frühen Morgen geöffnet. Die Zeitungen sind voll mit besonderen Rezepten. Tagsüber sitzen auf Straßen und Plätzen Menschen und lesen versunken im Koran. Nachts spielen in den Gassen der Altstadt Gaukler, Akrobaten und Schlangenbeschwörer auf. Derwische versetzen mit ihren ekstatischen Auftritten das Publikum in Raserei. Raserei herrscht auch auf den Straßen – überall in der arabischen Welt steigen in dieser Zeit die Unfallziffern, weil alle pünktlich zum Fastenbrechen zu Hause sein wollen.

Dreißig Abende lang wird es inszeniert, das große Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Synchronisation des eigenen Lebens mit der weltweiten Gemeinschaft der Muslime. Zwar sind Kranke, Ältere, Reisende oder Kinder offiziell vom Fasten befreit – doch wer eben kann, macht mit. Wenn ein Kind seinen ersten Fastentag durchhält, ist das in seinem Leben eine ähnliche Zäsur, wie im Christentum die Erstkommunion oder Einsegnung. „Ramadan ist für mich eine Zeit der Besinnung und der Nähe – zu Gott, meiner Familie und meinen Freunden“, sagt Atef Abdallah, Manager bei der National Bank of Egypt. Nachts verabredet er sich zu Pilgergängen durch Moscheen der Stadt. Um drei Uhr morgens essen alle zusammen Suhur, die letzte Mahlzeit vor Tagesanbruch. Nach dem Tarawih, dem zusätzlichen Frühgebet des heiligen Monats, geht es dann nach Hause ins Bett. „Für mich ist der Ramadan ein Rezept gegen die Zersplitterung des Lebens“, sagt der Vater von fünf Kindern. Sonst im Jahr versuche seine Familie, mindestens einmal am Tag zusammen zu essen. „Das klappt nie, weil jeder etwas anderes vorhat – nur im Ramadan, und das hebt meine Seele.“

Wieder rötet sich das Abendlicht in Kairo. Schweigend hocken auf grünen Matten Frauen, Männer, Alte und Kinder auf dem Bürgersteig. Ihre Gesichter sind verschlossen, ihre Kleider verschlissen. Alte Zeitungsseiten dienen als Tischdecken. Jeder hat vor sich einen Plastikbecher mit Wasser, eine Blechschale mit Reis, Bohnen und Fleisch – manche Glückliche auch eine kleine Portion Tomatensalat. Rund 100 Arme haben sich an der „Tafel der Barmherzigkeit“ von Hadsch Salim Mahmud Salim eingefunden.

Der alte Mann sitzt im langen weißen Gewand vor Kopf auf einem alten geschnitzten Holzschemel. Regelmäßig taucht er die Kelle in den üppigen Fleischtopf zwischen seinen Knien und füllt die Blechschalen, die ihm gereicht werden. Seit vier Jahrzehnten besitzt der 76-Jährige zwei Andenkengeschäfte nahe der Al-Hussein-Moschee im Zentrum von Kairo.

Sein Geld macht er mit Kleopatrabüsten, aus Holz geschnitzten ägyptischen Gottheiten, orientalischen Lampen und Ziertellern aus Kupfer. Zwanzig Angestellte, die ihn ehrfürchtig Hadsch nennen, bedienen die ungewöhnliche Gästeschar. „Das tue ich für Allah und weil ich ins Paradies kommen will“, sagt er. Im Laden neben der Kasse hängt in einer Vitrine eine goldgerahmte Urkunde in grüner arabischer Schrift, die ihn als einen direkten Nachfahren des Propheten Mohammed ausweist.

Solche Armenspeisungen sind fester Bestandteil des Ramadan – auch wenn ihre Zahl in diesem Jahr erstmals spürbar gesunken ist. Lebensmittel sind in Ägypten so teuer wie nie, in den letzten zwölf Monaten stiegen die Preise um 30 Prozent. Im April kam es im Land bereits zu ersten Revolten mit Toten, denn immer mehr Arme hungern und gehen nun auch im Ramadan leer aus.

Derweil geht der betagte wohltätige Mekkapilger langsam entlang der Tische auf und ab und beobachtet den Appetit mit zufrieden-mildem Lächeln. Wie ein aufmerksamer Oberkellner dirigiert er mit kleinen Bewegungen seine Leute, wenn hier etwas Brot oder dort etwas Wasser fehlt. Zehn Minuten später schon stehen die Ersten auf und gehen grußlos davon, nach einer Viertelstunde ist alles vorbei und das fromme Restaurant liegt zusammengefaltet neben dem Laden. Als Letzter geht ein älterer Mann, der im Basar als Lastenträger arbeitet. „Der Hadsch ist ein guter Mensch“, sagt er und wischt sich mit der Hand den Mund ab. „So gutes Essen wie im Ramadan habe ich sonst nie.“

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