Welt : Rasende Kamera

Tornados spähen Gegner aus, suchen vermisste Kinder und beobachten Deiche – ein Besuch bei Aufklärern

Moritz Schuller[Kropp]

Wer mit 800 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft rast, sieht viel, aber das meiste nie lange. Um alles ganz genau zu sehen, um zu entdecken, wo Milosevic seine Waffen versteckt oder wo an der Elbe die Deiche durchgeweicht sind, machen Tornado-Piloten von allem, was unter ihren Cockpitfenstern vorbeirauscht, Fotos. Hunderte von Fotos.

Das Aufklärungsgeschwader 51 der Luftwaffe ist ein sehr, sehr schneller Fotoapparat. Als nach dem Erpresser Dagobert gefahndet wurde, flogen Jets nachts die ICE-Trassen mit einer Infrarotkamera ab. Jeder Mensch ist so als Wärmequelle sofort zu erkennen. „Wenn die den Tornado hören, sind sie bereits im Bild", sagt der Kommandeur der Aufklärer, Hans-Dieter Poth. Draußen, auf dem Flugfeld in Schleswig-Holstein, beginnt es zu regnen. Ab und zu hebt ein Tornado ab. 1382 Soldaten gehören zum Fliegerhorst Jagel in der Nähe von Kropp, 352 zivile Mitarbeiter und eben 44 so genannte RECCE-Tornados. „Reconaissance" betreiben die deutschen Flieger – „Aufklärung".

Immer wieder ist das Geschwader in den letzten Jahren für zivile Aufträge eingesetzt worden: bei Drogenfahndungen, bei der Suche nach Vermissten, bei der Flut. Auch nach dem Absturz zweier Flugzeuge über dem Bodensee halfen die Aufklärer, Wrackteile zu orten. Innerhalb von wenigen Stunden können ganze Landstriche abgebildet werden. 25 000 Euro kostet das die Bundeswehr pro Flugstunde. Dazu gehört, dass die Bilder 45 Minuten nach der Landung abgezogen sind.

Rasend schnell – und doch zu spät

Bei der Luftwaffe laufen solche Einsätze unter dem Stichwort Amtshilfe und sind Teil des Übungsprogramms, das die Elitepiloten ohnehin absolvieren. 180 Flugstunden pro Jahr gehören zu deren Programm, mal üben sie den Tiefflug in Kanada, mal überfliegen sie die Elbe oder suchen nach Vermissten. Der Hauptauftrag des Geschwaders bleibt ein militärischer. „Taktische bemannte Aufklärung" bedeutete im letzten Ernstfall: im Tiefflug Bilder von Restjugoslawien machen. Täglich starteten die Aufklärer im Frühjahr 1999 vom norditalienischen Piacenza, über der Adria wurden sie aufgetankt und nach sechs, sieben Stunden kehrten sie zurück. Mit Hunderten von Fotos.

Die deutschen Aufklärer hießen damals „das Auge der Nato". Die Filme der Tornados brachten Aufschluss über Truppenbewegungen, Straßensperren, auch den Wiederaufbau der Infrastruktur: Zeigten die Bilder, dass ein angegriffener Flughafen weiterhin einsatzbereit war, ließ man die Bomber einen zweiten Angriff fliegen.

Die gesamte Auswertestation war damals von Schleswig-Holstein nach Italien verlegt worden: ein mobiles Fotolabor in 15 grünen Containern mit einem Gewicht von 180 Tonnen. In diesen kleinen Containern sitzen die Auswerter, scannen die Landschaften, zoomen sich an die kleinen hellen Punkte heran. Jahre braucht man, meint der Oberleutnant vor den Bildschirmen, bis man weiß, was man sieht.

Das Risiko für die Aufklärer, in die gegnerische Flugabwehr zu geraten, war auch während des Jugoslawien-Einsatzes groß. Vor allem, weil der Tornado, ein zweisitziger Jagdbomber, für geringe Höhen konstruiert wurde. Es ist ein Flugzeug, das sowjetische Bomber im Tiefflug abfangen sollte. Bei sechs Kilometern Flughöhe, sagt ein Pilot, „ist Ende der Fahnenstange". Der Tornado zwingt die Aufklärer dazu, sich nah an den Feind heranzubegeben. Kein ideales Waffensystem. Als der Aufklärungsverband 1992 ins Leben gerufen wurde, rangierte die Marine den „Mercedes unter den Tieffliegern" gerade aus. Damals gab es nichts anderes, und heute schon gar nicht.

Erfolgreicher Hochwasser-Einsatz

In Zusammenarbeit mit der Firma Zeiss wurde dann ein röhrenförmiger Container entworfen, in dem mehrere Tageslichtkameras und eine Infrarotkamera Platz haben. Irgendwann sollen elektro-optische Sensoren und auch Radar-Sensoren eingebaut werden. „Auf dem Reißbrett", sagt der Kommandeur, „wäre vieles möglich". An den neuen Eurofighter wird die Röhre jedenfalls nicht passen, da wäre das Fahrwerk im Weg.

Oberst Poth projiziert eine neue Grafik an die Wand: die Vermissten. Jakub Fiszman, Matthias Hintze, und dann Ulrike, Peggy, Leonhard, Adeline, Jenny – die Luftwaffenflieger halfen jedes Mal bei der Suche, aber auch die Jets kamen jedes Mal zu spät. „Zu dem Zeitpunkt des Einsatzes waren die meisten schon tot", sagt Poth. „Die größte Chance haben wir, wenn wir früh angefordert werden, die vermisste Person noch lebt und das Suchgebiet eingegrenzt ist." Je größer das Gebiet, desto mehr Wärmequellen identifiziert die Infrarotkamera. Menschen natürlich, aber auch frisch aufgeworfene Erde oder ein von der Sonne aufgewärmtes Metallblech, Temperaturunterschiede bis auf ein Grad kann die Kamera feststellen. Bei der vermissten Ulrike aus Eberswalde überflogen die Jets eine Fläche von über 100 Quadratkilometern. 73 verdächtige Punkte wurden dabei festgestellt, Ulrike war nicht dabei. Ihre Leiche wurde später außerhalb des festgelegten Gebietes gefunden. „Der Schritt passiert zu spät", sagt auch der Oberleutnant Roman Ahnert, der an einigen Suchen beteiligt war. Die meisten Krisenstäbe würden lieber erstmal die Fahndungsmethoden anwenden, die ihnen vertraut sind. Die Soldaten wissen aber auch: Bei den meisten vermissten Kindern kommt ohnehin jede Hilfe zu spät, auch die aus der Luft.

Erfolgreicher verlief der Einsatz beim Hochwasser. „Wir haben ganz Sachsen abfotografiert", sagt der 24-jährige Nico Eickriede, er selbst sei die Elbe von Dresden nach Hamburg abgeflogen. Die Bilder wurden sofort an die zivile Einsatzleitung übergeben. Trockene Erde hat eine andere Temperatur als nasse, das zeigt die Infrarotkamera. „Ich habe mit vielen vom Heer gesprochen, die haben nach Auswertung unserer Bilder gezielt Sandsäcke an die Orte gebracht, wo der Deich durchnässt war", sagt der Oberleutnant. 77 Einsätze flog das Geschwader während des Hochwassers, immer der Flutwelle voraus. Dabei verschossen die Aufklärer 140 Filme.

Eickriede flog in 180 Meter Höhe und der Blick aus dem Cockpit auf die überschwemmte Landschaft, sagt er, sei beeindruckend gewesen. Nur die vielen zivilen Hubschrauber hätten gestört. Die waren dem schnellen Jet ständig im Weg.

Noch, sagt Kommandeur Poth, könnten weder Drohnen noch Satelliten die bemannte Aufklärung ersetzen. Die seien nicht so flexibel wie das Zwei-Mann-Team im Tornado.

Auf dem Redepult neben dem Oberstleutnant ist der schwarze Panther abgebildet, das Symbol des Geschwaders 51. Draußen regnet es weiter auf das vernebelte Rollfeld. Wieder hebt ein Tornado ab.

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