Rassismus : Entsetzen mit Verspätung

Rassenjustiz in Louisiana: Amerika fragt sich, wie man den Konflikt so lange übersehen konnte. Nun stellt sich das Land hinter die schwarzen „Jena Six“.

Christoph von Marschall

WashingtonAm Tag nach den Massenprotesten gegen augenscheinliche Rassenjustiz in Jena, Louisiana, fragt sich Amerika, wie es den Konflikt ein Jahr lang übersehen konnte. Jetzt erst, nachdem Buskonvois aus den halben USA in die Kleinstadt 370 Kilometer nördlich von New Orleans gekommen sind und rund 15 000 Menschen ihre Solidarität mit den „Jena Six“ demonstriert haben, richten sich die Fernsehkameras auf den Fall. Die „Jena Six“ sind sechs schwarze Schüler zwischen 15 und 17, die für eine Prügelei nach Erwachsenenstrafrecht wegen Mordversuchs zu langjähriger Haft verurteilt werden sollten.

Den Auslöser können die TV-Crews nicht mehr filmen: Der „White Tree“ auf dem Hof der High School dort, unter dem sich die Weißen trafen und den sie Schwarzen verwehrten, ist längst gefällt. So müssen ähnliche Bäume mit weit ausladender Krone, wie sie so typisch für die Südstaaten sind, für die Bilder herhalten.

Ältere schwarze Bürgerrechtler wie Jesse Jackson und Al Sharpton frohlocken, jetzt entstehe eine neue Generation der Protestbewegung. Jena sei ein „defining moment“ für die Jugend: Sie sehe, dass Diskriminierung immer noch Alltag sei, ein halbes Jahrhundert nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung in den Schulen und der formalen gesetzlichen Gleichberechtigung, erkämpft von der ersten Generation der „Civil rights“-Bewegung in den 50er und 60er Jahren.

Im Spätsommer 2006 hatten zwei schwarze Schülerinnen den Direktor bei einer Schulversammlung gefragt, ob auch sie unter dem „Weißen Baum“ sitzen dürften, den die weißen Schüler als ihren Sammelplatz reklamierten. Wenig später baumelten zu Halsschlingen geknotete Seile von den Ästen. Jeder verstand Symbol und Drohung: Aufhängen! So war man früher im Süden mit aufmüpfigen Schwarzen umgegangen. In den Folgewochen kam es zu Sit-ins von Schwarzen unter dem „White Tree“ und Schlägereien zwischen Schwarzen und Weißen.

Im Urteil über Jena sind sich alle einig. Präsident Bush äußert „Trauer über die Vorfälle“ und fordert „Fairness für alle“ vor Gericht. Die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und Zeitungskommentatoren sind entsetzt über anhaltende Rassentrennung im Alltag und klagen, da werde zweierlei Maß angelegt.

Der Schulverweis der weißen Schüler, die die Schlingen in den Baum hängten, wurde von der weißen Aufsichtsbehörde widerrufen. Das sei nur ein „dummer Streich“ gewesen. Die sechs Schwarzen, die einen weißen Provokateur im Dezember bewusstlos schlugen, bedrohte die weiße Justiz mit langen Haftstrafen. Auch diese Anklage ist inzwischen revidiert.

Zwischen Schwarzen bricht ein Graben auf: Jesse Jackson und Al Sharpton sagen, Rassenbenachteiligung sei immer noch Kern der Vorkommnisse. Der schwarze Präsidentschaftskandidat Barack Obama widerspricht: Klassendiskriminierung sei das Problem. Armut mache Menschen wehrlos – unabhängig von der Hautfarbe. Gesellschaftlich aufstrebende Schwarze neigen Obama zu, die weniger Erfolgreichen halten es mit Jesse Jackson. Zuwanderer aus Asien und Lateinamerika haben die USA verändert: Die Latinos sind zahlreicher als die Schwarzen, die Asiaten erfolgreicher. Schwarze Bürgerrechtler verlieren ihr Monopol auf Gehör.

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