ratiopharm-Chef : Merckle - Tod eines Patriarchen

Adolf Merckle, der Milliardär, hat sich das Leben genommen – sein Lebenswerk sollte zerschlagen werden.

Andreas Oswald

Im Haifischbecken gibt es keine Gnade. Was muss es für eine Demütigung gewesen sein, für ihn, den alten großen Patriarchen, einen der letzten dieses Typs, den Deutschland noch hatte. Sich mit Bankern über die Zerschlagung seines Lebenswerks unterhalten zu müssen. Leuten gegenüber sitzen zu müssen, die nie ein eigenes Unternehmen aufgebaut haben und ihm Bedingungen diktieren, ihm, Adolf Merckle, dem noch nie jemand etwas diktiert hat, ihm, dem Herrscher über ein Imperium, das er mit Fleiß, Cleverness und mit einem feinen Gespür für Gelegenheiten in Jahrzehnten geschaffen hatte, das 30 Milliarden Euro im Jahr umsetzte.

Die Banken wollten und werden sein Imperium zerschlagen. Er kämpfte bis zuletzt wie ein Löwe dagegen an, es war ihm zutiefst zuwider, etwas, das er geschaffen hatte, zu verlieren. "Mir ist fremd, etwas aufzugeben", soll er einmal gesagt haben.

Ehe er sein Lebenswerk aufgeben musste, gab er sich selbst auf. Adolf Merckle, der 74 Jahre alte Selfemade-Milliardär und Firmenlenker warf sich am Montagabend in der Nähe seines Heimatortes Blaubeuren-Weiler bei Ulm vor einen Zug und war auf der Stelle tot.

Merckle war laut "Forbes" vor der Finanzkrise mit einem geschätzten Vermögen von 9,2 Milliarden Euro der fünft reichste Mann Deutschlands.

Am Ende sah er keine Chance mehr

Das sah man ihm nicht an. Es gibt wohl kaum einen unauffälligeren Milliardär als Merckle. Er lebte zurückgezogen im schwäbischen Blaubeuren, einer Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern. Dort wurde er - wenn ihn jemand erkannte - gelegentlich auf dem Fahrrad gesehen. Er wird als ein Mann beschrieben, der auf seiner eigenen Hauptversammlung wie ein Kleinaktionär wirkte. Er trat unspektakulär auf, gab jedem die Hand und wachte über sein Reich wie ein Vater. Er galt als sparsam, er hasste Verschwendung und Luxus. Wenn er mit der Bahn fuhr, nahm er die zweite Klasse. Er verkörperte genau jenen Typus von Unternehmer, der jetzt so sehr vermisst wird, seit die Banken mit ihren Finanzkonstruktionen und Spekulationen die große Krise verursacht haben.

Er, der so viele Chancen in seinem Leben genutzt hatte, am Ende hatte er keine mehr. Er hatte sein Imperium ins Aus manövriert, zum Schluss gar mit einer aberwitzigen Spekulation auf fallende VW Aktien, bei der er angeblich eine Milliarde Euro verspielte.

Wer zockt, verliert. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Eingehen kalkulierter Risiken und dem Zocken. Merckle muss die Grenze lange Zeit gut gekannt haben. Sein unspektakuläres Auftreten täuscht aber darüber hinweg, dass der 1934 in Dresden geborene Merckle in Wirklichkeit ein Jäger war. Mit Spürsinn schlug er zu, wenn niemand anderes es erwartete. Gerade in Krisen kaufte er günstig Unternehmen auf. Zu den Perlen seiner Sammlung zählen der Pharmaproduzent ratiopharm, Deutschlands größter Baustoffhersteller HeidelbergCement und der Pharmagroßhändler Phoenix. In Finanzgeschichten galt er als ausgesprochen clever. Er verfolgte Berichten zufolge das Ziel, seine Gewinne innerhalb seines Firmenimperiums zu verschieben und Steuern zu minimieren. Der Jurist wusste mit allem, was er tat, Bescheid. Er kontrollierte alles, kannte die Details und setzte sich immer durch.

Nach der Fehlspekulation mit den VW-Aktien stand er plötzlich nicht mehr als der Clevere da. Noch schlimmer: Sein durch andere riskante Manöver angeschlagenes Imperium stand jetzt vor dem Aus.

Er hatte sich am Schluss mit den Banken im Grundsatz schon geeinigt. Die Schmach, dass er seine Perle ratiopharm am Ende doch verkaufen muss, wollte er wohl nicht mehr erleben. Eines muss man ihm wohl zu Gute halten. Er ging erst, als die Einigung mit den Banken erzielt, mithin alles geregelt war. So hinterlässt er seiner Familie keinen Scherbenhaufen.

Wenn da nicht noch etwas hinterher kommt.

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