Raumstation ISS : Auf der Sonnenseite

Auf der Raumstation ISS wird der letzte Solarflügel montiert. Jetzt kann die Arbeit richtig losgehen.

Ralf Nestler
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Wenn der Rohbau eines Gebäudes fertig ist, gibt es ein Richtfest. Mit einer zünftigen Rede, Richtkranz und Bier für alle. Auf derlei irdische Partybeschleuniger müssen die Astronauten, die zurzeit auf der Internationalen Raumstation ISS sind, zwar weitgehend verzichten. Gefeiert wird aber dennoch – sofern das Vorhaben gelingt: In einer mehrstündigen Aktion, die bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe andauerte, sollte das vierte und letzte Solarpaneel per Fernbedienung entfaltet werden. Die ISS hat damit – von zwei kleinen Labors einmal abgesehen – ihre maximale Ausdehnung erreicht. Mit dem neuen Solarmodul kann die Station genug Strom erzeugen, um von Mai an dauerhaft sechs Astronauten, statt bisher drei, aufzunehmen.

Angefangen hatte alles im November 1998 mit dem russischen Modul „Sarja“. Nach und nach wurden Wohn- und Arbeitskomplexe angekoppelt sowie Gitterelemente, an denen die großen Solarpaneele befestigt sind. Sie erzeugen den Strom, der für Licht, Klimaanlage und die Experimente an Bord erforderlich ist. Jedes der vier Solarmodule ist 70 Meter lang und 12 Meter breit. Weil die „Kraftwerke“ in diesen Abmessungen aber nicht in die US-Spaceshuttles passen, sind sie nach dem Ziehharmonikaprinzip konstruiert. So schrumpft ihre Größe auf die eines Autobusses, das Gewicht von 16 Tonnen bleibt natürlich unverändert.

Das Entfalten der Solarflächen ist jedes Mal eine Zitterpartie. Um Gewicht zu sparen – der Transport in den Weltraum kostet für jedes Kilogramm gut 10 000 Euro – ist die Apparatur aufs Nötigste reduziert. Damit ist sie aber anfälliger für Störungen. Als vor einem Jahr ein älteres Solarpaneel entfaltet wurde, bildete sich beispielsweise ein Riss. Zum Glück gibt es im All keinen Wind, der das Modul hätte weiter aufreißen können. Aber es bringt nun nicht mehr die volle Leistung.

Beim vierten Solarmodul ist bis jetzt aber alles gut gegangen. Am Mittwoch hob ein Roboterarm das 300-Millionen-Dollar-Stück aus der Ladebucht der Raumfähre „Discovery“. Anschließend befestigten es die US-Astronauten Steve Swanson und Richard Arnold an der langen Gitterstruktur, die das Rückgrat der Station bildet.

Am gestrigen Freitag stand das Entfalten der beiden Zwillingselemente auf dem Programm. Zunächst sollten sie nur zur Hälfte ausgefahren werden und eine Dreiviertelstunde der Sonne ausgesetzt werden. Damit wollen die Ingenieure der US-Raumfahrtagentur Nasa erreichen, dass sich die Lamellen erwärmen und nicht aneinander kleben, damit sie auch die abschließende Dehnung überstehen.

Wenn das Kraftwerk angeschlossen ist, werden die Solarflächen eine Gesamtleistung von 120 Kilowatt haben. Das ist etwa so viel Elektroenergie, wie hundert Menschen auf der Erde benötigen. Im Weltraum ist der Pro-Kopf-Verbrauch aber um einiges höher. Allein die Klimaanlage muss enorme Arbeit leisten, denn an der Außenhülle herrschen je nach Sonneneinstrahlung zwischen minus 150 und plus 60 Grad Celsius.

Und es geht nicht nur um die Raumfahrer: Knapp die Hälfte des Stroms ist für wissenschaftliche Experimente vorgesehen. Obwohl die einzelnen Versuche in den etwa schuhkartongroßen Containern weitgehend automatisiert werden, sind die Labore bislang nicht ausgelastet. Denn die dreiköpfige ISS-Crew muss sich vor allem um den Betrieb der Station kümmern. Wenn von Mai an die Stammbesatzung auf sechs Leute erhöht wird, erreicht hoffentlich auch die Forschungsleistung ihre maximale Ausdehnung.

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