Welt : Rauschende Ballnacht (fast) ohne Stars

URLICH GLAUBER

Beim Wiener Opernball hatten in diesem Jahr ausnahmsweise die Politiker ihren großen AuftrittVON URLICH GLAUBER WIEN.Die ganz große Prominenz ist 1998 ausgeblieben.Doch die Wiener Schickeria und ihre Gäste aus aller Welt ließen sich in der Nacht zum Freitag ihren Auftritt beim 47.Wiener Opernball von den Absagen des US-Frauenschwarms Richard Gere oder dem Ausbleiben der einstigen Clinton-Praktikantin Monica Lewinsky nicht verderben. Die Kommentatoren machten aus dem Mangel an Weltstars eine Tugend - und proklamierten, der unbestrittene Höhepunkt der Wiener Faschingssaison - häufig kopiert und nie erreicht - bewege sich endlich wieder in Richtung eines Treffens der an Stars nicht eben armen Künstlerensembles der Donaumetropole.Selbst Staatsoperndirektor Ioan Hollender, der dem umbauintensiven Faschingstreiben im Haus an der Wiener Ringstraße wegen des Ausfalls mehrer Aufführungstage bisher äußerst kritisch gegenübergestanden hatte, nahm in diesem Jahr erstmals persönlich teil. Österreichs Bundespräsident Thomas Klestil, der gemeinsam mit Kanzler Viktor Klima die Balleröffnung aus der offiziellen Regierungsloge verfolgte, vergaß mit Blick auf seine Wiederbewerbung am 19.April nicht zu unterstreichen, daß er als einer der Gastgeber des Balls wichtige Kontakte zu Wirtschaftsbossen und internationalen Politikern knüpfe. Sein Mitberwerber Richard Lugner, in Österreich gleichermaßen als Bau- wie Salonlöwe bekannt, zog mit einem illustren Gast die Aufmerksamkeit auf sich: US-Filmschauspielerin Raquel Welch holte in der Loge des Unternehmers zur genaueren Begutachtung des Eröffnungszeremoniells sogar gelegentlich ihre Brille aus dem Abendtäschchen.Da sich der Ansturm der Fotografen in Ermangelung anderer Stars ganz auf die Schauspielerin konzetrierte, verließ Rachel Welch den Opernball bereits kurz nach Mitternacht. Neben uraltem Adel - darunter Diana-Stiefmutter Lady Faine Spencer - sonnten sich unter den 7000 Ballbesuchern die Schönen und Reichen im Scheinwerferlicht und stöhnten gleichzeitig über die dadurch erzeugte Hitze der Ballnacht.Besonderes Glück hatten die Gewinner eines Preisausschreibens einer österreichischen Lebensmittelkette: Sie durften in der Loge des Unternehmens sitzen. Vor den Türen der Staatsoper blieb es dagegen still: Noch vor wenigen Jahren hatte die Zurschaustellung von Luxus zu regelrechten Straßenschlachten von Polizei und Demonstranten geführt.Nur "aus Prinzip" - so einer der Organisatoren - wurde auch diesmal eine Kundgebung angemeldet, bei der schließlich 30 Demonstranten rund 400 Ordnungshütern gegenüberstanden. Doch in dieser Saison war unter den Opernball-Gegnern nicht Gewalt, sondern Ironie angesagt.Während auf dem Traditionsfest in der Staatsoper mit Frackzwang und vorgeschriebener langer Abendrobe strenge Etikette herrschte, versuchten sich rund 100 Besucher gegenüber in der heruntergekommenen Babenbergerpassage auf dem "Ball des schlechten Geschmacks" mit Plastikkleidung in schreienden Farben und Riesenkrawatten gegenseitig zu überbieten. Nachdem der Opernball 1991 wegen des Golfkriegs abgesagt worden war, veschwendeten die Besucher in dieser Saison keinen Gedanken an die erneute Kriegsgefahr.Da das Gesellschaftsereignis ohne wesentliche Zwischenfälle über die Opernbühne ging, steht nun auch der Premiere des Films "Opernball" nichts mehr im Wege.In dem Streifen nach einem Roman des österreichischen Schriftstellers Josef Haslinger geht es um den Massenmord an den Opernball-Gästen durch eine Politsekte, die Giftgas in die Belüftungsschächte der Staatsoper leitet.

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