• Reaktionen auf die Katastrophe im Kurort - jetzt sind wieder die Experten gefragt, um zum Wahnsinn rationale Begründungen zu liefern

Welt : Reaktionen auf die Katastrophe im Kurort - jetzt sind wieder die Experten gefragt, um zum Wahnsinn rationale Begründungen zu liefern

Harald Martenstein

Nach dem Amoklauf im bayerischen Bad Reichenhall plant dpa folgende Berichte: Ein ganzer Ort steht unter Schock, Bad Reichenhall nach dem Amoklauf. Interview mit einem Polizeipsychologen. Stichwort: Waffenbesitz. Porträt: Als TV-Kommissar erobert Lamprecht die Herzen der Zuschauer. Kriminologe: Amokläufer fühlen sich isoliert und ohnmächtig. Bilder: geplant. Grafik: dpa-Grafik 2417 vom 1. November. (Aus der Tagesankündigung der Deutschen Presse-Agentur, gestern, 10 Uhr 47.)

Der Montag war in Bayern ein Feiertag. Allerheiligen. Es ist kurz nach 12, als in dem Kurort Bad Reichenhall die ersten Schüsse fallen. Ein 16-jähriger Mechanikerlehrling hat den Waffenschrank seines Vaters, eines Sportschützen und Waffenliebhabers, aufgebrochen und feuert aus dem Küchenfenster. Genau gegenüber liegt das Krankenhaus, wo an einem Feiertag natürlich reger Publikumsverkehr herrscht. Ein älteres Ehepaar, Nachbarn des Schützen, bricht auf der Straße zusammen und stirbt dort nach längerem Todeskampf. Ein 54-jähriger Krankenhauspatient, der draußen eine Zigarette rauchen möchte, wird in den Kopf getroffen. Ob er seine Verletzung überleben wird, ist fraglich. Zufällig bewegt sich in diesen Minuten auch ein Prominenter durch Bad Reichenhall: Der Schauspieler Günter Lamprecht, der mit dem Stück "Vaterliebe" in der kleinen Stadt gastiert, ist mit seiner Freundin Claudia Amm und seinem Manager auf dem Weg zum Arzt. Lamprecht parkt seinen Mercedes, steigt aus und wird von mehreren Kugeln in die Arme getroffen. Claudia Amm, auch sie von Beruf Schauspielerin, wird zweimal in die Lunge und einmal in den Arm geschossen. Insgesamt gibt es acht Verletzte.

Noch während die Ereignisse im Gang sind, um genau 16 Uhr 01, beginnt ihre Interpretation. Der Kampf um die Deutungshoheit setzt sofort ein. Es gibt einige gängige Erklärungsmuster, was Amok angeht. Es gibt gesellschaftliche Interessenlagen und individuelle Vorurteile, und es gibt, gerade beim Wahnsinn, das lebhafte Bedürfnis, ihn einzuordnen in die gewohnte Welt der Vernunft, wo jeder Vorfall seine Ursache hat.

Als erster Reflex taucht um 16 Uhr 01 in den Eilmeldungen der Vergleich mit den USA auf, vor allem mit Littleton, mit dem Massaker an einer amerikanischen High School am 20. April. Vor dem von der Polizei belagerten Haus befragen Reporter die Mitschüler des 16-jährigen Schützen und erfahren, dass dieser, ähnlich wie die Täter von Littleton, "Nazibilder in sein Hausaufgabenheft geklebt" hat. Ein anderer Mitschüler sagt: "Das war einer, der dauernd verarscht worden ist." Am späteren Abend berichten die Agenturen - im Konjunktiv - von möglichen Alkoholproblemen in dessen Familie. Das Bild von der zerstörten Puppenstube durchzieht die Berichterstattung wie ein Leitmotiv. Bad Reichenhall ist offenbar eine Idylle, aber "seit Montag ist die Idylle zerstört".

Um 12 Uhr 45 haben die Schüsse aufgehört. Die Polizei setzt zur Bergung der Verletzten den gepanzerten BMW des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ein, der mit seinen Leibwächtern gerade ganz in der Nähe seinem Kollegen Kurt Biedenkopf in dessen Ferienhäuschen einen Besuch abstattet. Die Toten bleiben liegen. Es ist nun wieder still in Bad Reichenhall.

Die Polizei wartet, fünf Stunden lang. Während dieser Zeit versucht sie, mit dem Täter Kontakt aufzunehmen. Inzwischen kennt sie seinen Namen: Martin Peyerl. Ein ruhiger, unauffälliger Junge. Um 17 Uhr 31 wird das Haus von Polizisten gestürmt, aber der 16-Jährige ist zu dieser Zeit längst tot. Er hat mit einer Pistole seine große Schwester erschossen, danach sich selbst mit einer Schrotflinte. Die Leiche des Jungen liegt in der Badewanne, die der Schwester im Flur. Ein besonders sorgfältig denkender Experte wird anmerken, dass Martin Peyerl bei seiner Tat nicht, oder zumindest nur sehr wenig gelaufen ist. Streng genommen handele es sich deshalb nicht um einen Amoklauf.

In den Nachrichtenagenturen sind an solchen Tagen die Psychologen und Kriminologen gefragt. Sie heißen Christian Pfeiffer, Lothar Adler, Horst Schüler-Springorum. Sie sagen beispielsweise: "Amokläufer sind zumeist Männer mit unbewältigten psychischen Problemen." Ungefähr ab Dienstag morgen dominiert in den Erklärungsversuchen der Psychologen der angeblich exzessive Konsum von Gewaltvideos durch den 16-Jährigen. Ebenfalls am Dienstag beginnen auch die Lobbyisten mit ihrer Arbeit: Die Gewerkschaft der Polizei fordert eine Verschärfung der - ohnehin recht scharfen - Waffengesetze der Bundesrepublik. Der Deutsche Schützenbund erklärt, dass Gewalttaten mit Sportwaffen extrem selten seien. "Sportschützen sind in Deutschland verpflichtet, ihre Waffen für Dritte unzugänglich zu verwahren." Die Eltern der toten Jugendlichen dagegen können sich nicht äußern. Sie sind, wie die Polizei es nennt, "nicht vernehmungsfähig".

Ist der Amokläufer als gesellschaftlicher Typus ganz alt oder supermodern? Repräsentiert er etwas historisch Neues - die Reaktion auf immer brutalere Gewaltvideos, auf den immer schnelleren Zerfall bürgerlicher Familienverhältnisse - oder steht er für das Ewigmenschliche, für das sogenannte Böse, das sich immer wieder Bahn bricht? So jedenfalls sieht das Kaleidoskop der Erklärungsversuche aus: ein gehänselter Underdog, ein Nazi-Sympathisant, ein Gewaltvideo-Freak, das Ergebnis einer kaputten Familie. Die amerikanische Welle der Jugendgewalt, die zu uns herüberschwappt. Die zu laxen Waffengesetze. Der Einbruch des Bösen in ein bayerisches Idyll. Es ist alles dabei. Und abgesehen davon, dass jeder Experte und jeder Lobbyist bei dieser Gelegenheit wieder einmal seinen jeweiligen Lieblingsfeind geißelt, ist ja auch etwas Wahres an jedem einzelnen Erklärungsversuch. Jede These ist richtig, aber keine reicht aus.

Die Gewaltvideos zum Beispiel. Zwar hat noch niemand behauptet, dass solche Bilder einem Jugendlichen gut tun. Aber schon oft ist gesagt worden: Ein Jugendlicher, der halbwegs behütet aufgewachsen ist und gelernt hat, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden, wird durch solche Filme nicht zum Killer. Erst die Mischung aus Verwahrlosung, aus Vereinsamung, aus Wut und Gewaltbildern ist es womöglich, die einen menschlichen Molotowcocktail entstehen läßt.

Der französische Philosoph André Glucksmann hat sich in seinem neuen Buch Gedanken über "Das Gute und das Böse" gemacht. Um unserem Leben eine stabile Orientierung zu geben, schreibt er, müssen drei Bedingungen erfüllt sein. Erstens das Primat des Sinns über den Nichtsinn, zweitens das Primat der Konstruktion über die Dekonstruktion, drittens das Primat der Enthüllung über das Unbewusste und Unerkennbare. Mit anderen Worten: Wir können uns mit allen möglichen Gräueln abfinden, aber nicht mit einer Tat, die keinerlei erkennbaren Sinn hat und keine klare Ursache. Wir sind von Natur aus neugierig. Einer, an dem unsere Neugierde versagt, womöglich ein Täter wie Peyerl, treibt uns in eine existenzielle Verzweiflung. Womöglich bleibt seine Tat unerklärlich, trotz aller Anstrengungen.

Die vorletzte Magenkammer des medialen Verdauungsapparates - vor dem Sachbuch - bilden die Talkshows. Am Donnerstag soll der Amoklauf von Bad Reichenhall zum Beispiel das Thema von "Berlin Mitte" sein, im ZDF, mit Maybrit Illner. Eingeladen sind der Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm und sein bayerischer Kollege Günther Beckstein. Außerdem will das ZDF die deutsche Rapper-Szene inspizieren. In den deutschen Rapper-Texten geht es oft blutig zu. Allerdings war Martin Peyerl, so weit man weiß, gar kein Rapper.

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