Rebellen-Überfall : Russische Polizei bringt Naltschik unter Kontrolle

Nach bürgerkriegsartigen Gefechten in der südrussischen Stadt Naltschik hat die Polizei mehrere Gebäude gestürmt und die Kontrolle zurückerobert. Die Bilanz: 130 Tote.

Moskau/Brüssel - Nach dem Rebellen-Überfall auf die südrussische Stadt Naltschik mit insgesamt etwa 130 Toten haben die Sicherheitskräfte die Lage mit militärischer Gewalt unter Kontrolle gebracht. Polizisten stürmten in der Hauptstadt der Teilrepublik Kabardino-Balkarien zur Geiselbefreiung zwei Gebäude und töteten zahlreiche Terroristen. Präsident Wladimir Putin lobte das Vorgehen als «wirksam und hart». Russische Experten äußerten sich angesichts der Zahl von mehreren hundert Angreifern besorgt über die Schlagkraft islamischer Extremisten im Nordkaukasus.

Nach offiziellen Angaben kamen bei den über 30 Stunden andauernden Kämpfen 91 Rebellen, 24 Polizisten sowie mindestens 12 Zivilisten ums Leben. Putin sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. «Es ist schlecht, dass solche Angriffe von Banditen bei uns noch immer möglich sind», betonte der Kremlchef. In den Krankenhäusern von Naltschik wurden am Freitag noch 100 Menschen behandelt. Die meisten erlitten Schussverletzungen.

Angesichts der hohen Zahl getöteter Rebellen sprach Putin von einem erfolgreichen Einsatz. «Dieses Mal haben alle Sicherheitskräfte gut abgestimmt, wirksam und hart gehandelt», sagte er auf einer Krisensitzung mit den Spitzen von Polizei, Armee und Geheimdienst. Erst am Nachmittag gelang es den Einsatzkräften in Naltschik, den letzten Widerstand der bewaffneten Banden zu brechen.

Die Behörden widersprachen Berichten, wonach sich noch Rebellen in einem Justizgebäude verschanzt hielten. Zuvor hatten Einsatzkräfte in dem Gebäude neun Menschen befreit und alle Geiselnehmer erschossen. Auch aus einem Souvenirgeschäft im Stadtzentrum wurden drei Geiseln befreit, indem ein Schützenpanzer eine Wand eindrückte und die Terroristen erschossen wurden.

Am Morgen hatte eine Gruppe von Rebellen versucht, in einem Kleinbus aus der Stadt zu fliehen. Die Männer hielten die Nacht über fünf Menschen in einem Polizeigebäude in ihrer Gewalt. Nach einem Unfall des Fahrzeugs eröffneten Polizisten das Feuer und töteten nach offiziellen Angaben alle acht Terroristen.

Eine Gruppe von 15 schwer bewaffneten Terroristen wurde am Morgen in dem nördlich von Naltschik gelegenen Dorf Tschegem bei Gefechten erschossen. Die Polizeiführung hatte in der Nacht angeordnet, 1500 Soldaten des Innenministeriums sowie 500 Mann der Spezialeinheit OMON nach Naltschik zur Verstärkung der örtlichen Polizei zu schicken.

Russische Politologen äußerten Besorgnis über den massiven Angriff auf Naltschik. «Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich im Nordkaukasus eine ernst zunehmende islamistische politische Kraft gebildet hat», betonte der Direktor des Instituts für politische Forschungen, Sergej Markow.

Wichtigste Aufgabe im Nordkaukasus sei die Schaffung von Arbeitsplätzen und besserer Bildungschancen für die Jugend im Süden Russlands. «Die Regierung (in Kabardino-Balkarien) ist äußerst korrupt. Deshalb wenden sich die Menschen von der Macht ab und laufen zu den Islamisten über», sagte Markow.

Die Europäische Union (EU) reagierte zurückhaltend auf die Ereignisse in Naltschik. «Wir verfolgen die Ereignisse sehr genau», sagte eine Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel. Eine EU- Finanzhilfe in Höhe von 20 Millionen Euro für den nördlichen Kaukasus sei «nicht gefährdet». Mit dem Geld sollen unter anderem Arbeitsplätze für Jugendliche geschaffen werden. (tso/dpa)

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