Welt : Rebellion in der Oper

Warum Riccardo Muti in Mailand rausgeflogen ist

Frederik Hanssen

Es gibt ja einige Sachen, die Italiener besser drauf haben als wir. Pizza und Pasta natürlich. Aber auch Bürokratie: Wer dort einmal mit öffentlichen Behörden zu tun hatte, lernt deutsche Amtsstuben als Serviceoasen zu schätzen. Und auf noch einem Gebiet sind sie in Bella Italia Spitze: beim Streiken. In einem wahrhaft bühnenreifen Akt von Basisdemokratie hat die Belegschaft der Mailänder Scala ihren Chef Riccardo Muti aus dem Amt gemobbt. Weil der Maestro, der das berühmte Opernhaus seit 1986 geleitet hatte, sich zu selbstherrlich aufgeführt hat.

Was sich derzeit hinter den Kulissen der Scala abspielt, ist selbst für Musiktheaterverhältnisse dramatisch. Als das Traditionshaus im vergangenen Dezember nach aufwändiger Renovierung wiedereröffnet wurde, strahlte Riccardo Mutis Stern heller am Belcantohimmel als je zuvor. Doch der 63-jährige Sizilianer hatte übersehen, dass auch intern eine Sanierung seines Herrschaftsstils vonnöten gewesen wäre. Geblendet vom Medienrummel und dem Schulterklopfen der Politiker spielte er weiter seine Rolle als Musiktheatermonarch: Weil er mit seinem Verwaltungschef Carlo Fontana wiederholt in Fragen der Programmplanung aneinander geraten war, ließ Muti den verdienten Manager im Februar kurzerhand durch seinen treuen Künstlerfreund Mauro Meli ersetzen.

Das kam bei der großen Mehrheit der 940 Mitarbeiter gar nicht gut an: Als Intendant des kleinen Opernhauses in Cagliari auf Sardinien hatte Meli zwar mit seinem ambitionierten Spielplan bei der Presse gepunktet, aber gleichzeitig auch einen beträchtlichen Schuldenberg angehäuft. Ein ähnliches Szenario befürchteten die Angestellten nun auch an der Scala – und sprachen sich öffentlich gegen Mutis Wahl aus. Das Orchester ließ Vorstellungen platzen, kippte sogar eine Premiere. Der erfolgsverwöhnte Kapellmeister reagierte stinksauer, sagte einen Auftritt ab – worauf die Musiker kurzerhand den Saal des städtischen Konservatoriums mieteten und unter dem Jubel des Publikums ein „autonomes Konzert“ohne Dirigenten gaben.

Die Fronten verhärteten sich. Am 22. März schließlich wurde ein Politiker als Vermittler hinzugerufen. Doch auch Bruno Ferrante, der Präfekt von Mailand, konnte die Risse nicht mehr kitten: Statt am gestrigen Montag die erste Probe für das nächste planmäßige Konzert zu leiten, warf Riccardo Muti das Handtuch. Ohne ein Klima von „Wertschätzung, Leidenschaft, Interesse und Verständnis“ könne er nicht länger an der Scala weiterarbeiten. Auf dem Programm hätte am Donnerstag übrigens Franz Schuberts „tragische“ Sinfonie gestanden.

Riccardo Muti muss sich um seine Zukunft keine Sorgen machen – vermutlich klingelt sein Telefon seit Bekanntgabe des Rücktritts ununterbrochen. Und an der Mailänder Scala können endlich moderne Zeiten anbrechen – mit einem Maestro der neuen Generation, der sich nicht als Alleinherrscher sieht, sondern als Erster unter Gleichen. Und womöglich - mamma mia! – zum ersten Mal in der 227-jährigen Geschichte des Opernhauses mit einem Nichtitaliener!

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