"Recep Ivedik" : Anatolische Lachnummer

Eine Filmkomödie über einen hinterwäldlerischen Macho begeistert die Türken – auch in Deutschland.

Ferda Ataman
Recep
Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Der Filmheld Recep Ivedik besucht eine Yoga-Stunde in Istanbul, um eine Frau fürs Leben zu...Foto: Kinostar Filmverleih

Berlin - Nur wenige Kilometer von der Berlinale entfernt, doch fern von der deutschen Öffentlichkeit, findet eine Kinogala der anderen Art statt: Im „Karli- Kino“ in Berlin-Neukölln sind alle neun Vorführsäle am Mittwochabend ausverkauft, für die Premiere des Jahres – zumindest aus türkischer Sicht. Rund 2500 Türken sind gekommen, vor allem Jugendliche, aber auch Erwachsene, manche mit Kopftuch, die meisten ohne, sie haben sich rausgeputzt, um „Recep Ivedik 2“ zu sehen. Der Film ist benannt nach dem Protagonisten, Recep „Beeildich“, einem großen, dickbäuchigen, behaarten Macho, der in Istanbul lebt und alle Marotten eines hinterwäldlerischen Anatolen verkörpert. Ivedik läuft, als hätte er einen Schrank verschluckt, kratzt sich immer wieder im Schritt und brüllt cholerisch los, sobald ihm etwas nicht passt. Ein fluchender, auf Krawall gebürsteter Dorftrottel in der Weltstadt – das ist der Stoff, den türkische Jugendliche offenbar lieben.

Schon vor der Produktion des Kinofilms hat der Hauptdarsteller, der Komiker Sahan Gökbakar, über Videoplattformen im Internet Millionen Zuschauer mit Ivedik-Sketchen erreicht. 2008 war der erste „Recep Ivedik“-Streifen in der Türkei der meistbesuchte Kinofilm aller Zeiten. Auch in Europa hat der erste Teil türkische Zuschauerrekorde mit knapp einer Million Besuchern geknackt. In Deutschland wird türkisches Kino zunehmend als gewinnbringende Einnahmequelle entdeckt. Vom zweiten Teil erwartet der Filmverleiher Kinostar, dass er „mindestens genauso erfolgreich wird“. Seit Monaten kündigen türkische Medien „Recep Ivedik 2“ an, mit Erfolg – eine Stunde vor Filmbeginn ist das großräumige „Karli- Kino“ bereits voll.

Der Plott des neuen Films ist schnell erzählt. Recep Ivediks Oma, mit Damenbart, Kopftuch und einer Schwäche für Playstation-Spiele, will nicht, dass ihr Enkel weiterhin nur aus dem Fenster starrt und Bier trinkt. Also verlangt sie von ihm drei Dinge („sonst sterbe ich, ohne dich zu segnen“): Recep soll einen Job finden, eine Frau heiraten und sich gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. In der noblen Werbeagentur seines Cousins Hakan wird Ivedik fündig, dort drängt er sich als Teilhaber auf und wird zum Schrecken der jungen Mitarbeiter im schicken Büro. Einmal brüllt Ivedik eine Delegation japanischer Auftraggeber so lange an, bis sie verschreckt den Vertrag unterschreiben, der Recep und Hakan Ruhm einbringt. Zwei Punkte auf der Liste hat Ivedik damit erledigt. Doch eine Frau zu finden, fällt ihm schwer. Diverse Versuche, mit Internetbekanntschaften anzubandeln oder dem anderen Geschlecht beim Yoga näherzukommen, scheitern. Ivedik ist dazu verdammt, seine Oma zu enttäuschen.

Die meisten Zuschauer auf der Deutschland-Premiere sind begeistert, in den neun Kinosälen wurde unentwegt gelacht, manchmal vor Freude gekreischt. Nach dem Film drängen gutgelaunte Zuschauergruppen zu den Rolltreppen, um das Kino zu verlassen. Einige Jungs machen Ivediks schwerfällige Armbewegungen nach und imitieren seinen brummigen Dialekt. Ihre Freunde lachen. Warum der Charakter eine solche Anziehungskraft auf sie ausübt, können sie nicht erklären.

„Der ist halt echt komisch“, sagt etwa Yavuz Yilmaz, ein 15-jähriger Schüler aus Spandau, „wie der sich bewegt und dass er redet wie ein Bergmensch“. Eine junge Arzthelferin aus Moabit bemüht eine andere Erklärung: „Recep Ivedik steht für die Generation unserer Väter, harte Männer, die es in der modernen Welt schwer haben“, sagt Zeynep Göktürk, „wir können darüber lachen und das cool finden“. Die 19-jährige Pinar Sönmez sieht das auch so. „Was wir an diesem Kerl mögen, ist, dass er so nah an der Wahrheit dran ist“, sagt sie.

Das Bedürfnis, über peinliche Zeitgenossen zu lachen, scheint Sahan Gökbakar erkannt zu haben. Der Schauspieler – in der Türkei längst eine bekannte Größe – ist bei der Deutschlandpremiere persönlich anwesend. Vor dem Film hält er eine kurze Ansprache und ruft den jugendlichen Fans zu, was die meisten Prominenten aus der Türkei sagen, wenn sie nach Deutschland kommen: „Ihr seid super, wir lieben euch.“ Und: „Aus der Ferne in der Türkei macht ihr ja schon eine gute Figur. Aber aus der Nähe seht ihr noch viel besser aus! Zum Glück gibt es euch!“

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