Welt : Rechtswege: Berühmt sein - wenigstens ein einziges Mal

Gerhard Mauz

In diesem Monat wird ein für Gnadengesuche zuständiger Ausschuss in New York prüfen, ob ein zur lebenslangen Freiheitsstrafe Verurteilter Mann namens Chapman nach zwanzig Jahren Haft begnadigt werden darf. Mark David Chapman, heute 45 Jahre alt, hat am 8. Dezember 1980 den damals 40-jährigen John Lennon vor dem Dakota-Apartmenthaus am New Yorker Central Park erschossen.

Der Beatle, der die Beatles auflöste

Wer war dieser John Lennon? Einer von den vier Beatles. Wer waren die Beatles? Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und eben John Lennon. Die Lebenden pflegen ihre Geschichte noch immer. In diesem Monat erscheint ihr Buch "The Beatles Anthology". Sie teilen mit, dass John Lennon für die Auflösung der Band verantwortlich war. Und nicht etwa Paul McCartney, der bislang dafür zumeist verantwortlich gemacht wurde.

Wer waren die Beatles, wer war John Lennon? Er war in der Band eine Leitfigur der jugendbewegt-rebellischen 60er Jahre. Und 1970 antwortete er auf die Frage, warum er so populär sei: "Weil ich den Sprung gewagt habe. Ich bin aus der Beatles-Geschichte ausgestiegen." Er meinte entkommen zu sein. "Ich war Kaiser, ich hatte Millionen, Mädchen, Drogen, Alkohol, Macht, und alle sagten, was für ein toller Typ ich doch sei. Wie wollte ich da rauskommen? Das war, als wenn man im Zug sitzt. Ich konnte nicht aussteigen."

Gefangen im Roggen

Für Mark Chapman ist John Lennon, als er ihn erschoss, ein Verräter gewesen. In seinem Prozess 1981 wählte er als sein Schlusswort einen Absatz aus dem Roman "Der Fänger im Roggen" von Jerome David Salinger: "Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von Kindern, und keiner wäre in der Nähe - kein Erwachsener, meine ich - außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen - ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das Einzige, was ich wirklich gern wäre. Ich weiß natürlich, dass das verrückt ist."

Der "Fänger im Roggen" erreichte in der von Heinrich Böll durchgesehenen und bearbeiteten Übersetzung als Rowohlt-Taschenbuch bis Juni 1980 eine verkaufte Auflage von 630 000 Exemplaren. In den Vereinigten Staaten sind seit seinem Erscheinen 1951 Millionen Exemplare verbreitet worden. Das Magazin "Time" nannte das Buch die "Hymne", das "Epos" der Jugend, ihr "Manifest gegen die Welt". Holden Caulfield, 16, der Held und Ich-Erzähler Salingers, rebelliert im Bericht von seiner Irrfahrt durch New York gegen die Welt der Erwachsenen, gegen Zivilisation, Respektabilität und Langeweile, gegen alles, was "phony" (unecht) ist und Holdens Gerechtigkeitssinn widerspricht.

Jerome David Salingers schmales Buch war ein Klassiker, denn es sprach nicht nur für ein oder zwei Generationen. Es erzählte weit über seine Aktualität hinaus vom Jungsein in dieser herrlichen, in dieser so modernen Welt; von der Suche, die noch immer und weiterhin das Thema junger Leute ist, "nach letzten Resten von Integrität in einer vom Spiel der Vermittlungen und Verabredungen moralisch gebrochenen Zivilisation", wie Reinhard Baumgart 1962 in einer Besprechung des "Fängers im Rogen" schrieb.

Die Reste von Identität

Die Kinder im Roggenfeld spielen in einer Welt, die noch nicht von den Erwachsenen zerstört ist. Und Holden Caulfield, mit dem sich Mark Chapman, der Mörder, identifizierte, wollte eben einfach der Fänger im Roggen sein. Er wollte die Kinder auffangen und festhalten, die nicht aufpassen und über die "verrückte Klippe" hinauszulaufen drohen - über die Klippe, hinter der die Erwachsenenwelt mit ihrer Verlogenheit beginnt. Für Mark Chapman ist John Lennon damals ein Verräter gewesen.

Doch John Lennon konnte eben nicht aussteigen. Die Beatles erläutern heute, im Jahr 2000, für die Historie die Story ihrer Auflösung. Über Jerome Salinger hat seine junge Geliebte ein enthüllendes Buch geschrieben. Die Toten begraben ihre Toten.

Mark Chapman behauptet heute nicht mehr, dass er Holden Caulfield gewesen ist, dem es nur um die Kinder und den Verrat an ihnen ging. Er sagt, dass er John Lennon tötete, um endlich jemand zu sein, um im Mittelpunkt zu stehen. Andere, die in bewegten Jahren mordeten, sprechen bis zuletzt von dem hohen Ziel, das ihr Handeln rechtfertigt. Vielleicht hilft Mark Chapman seine Ehrlichkeit vor dem Ausschuss, vielleicht hat man Gnade für einen, der spät doch noch die Wahrheit sagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben