• Reemtsma-Entführer kommt frei: Jetzt beginnt ein Krimi um die Lösegeld-Millionen

Reemtsma-Entführer kommt frei : Jetzt beginnt ein Krimi um die Lösegeld-Millionen

Thomas Drach, Entführer des Millionenerben Jan Philipp Reemtsma, kommt nach mehr als 15 Jahren Gefängnis auf freien Fuß. Jetzt beginnt die Jagd nach den Lösegeldmillionen, die er versteckt hat.

Stefanie Maeck
Thomas Drach
Thomas DrachFoto: dpa

Jetzt beginnt ein neuer Krimi – die Jagd nach dem Lösegeld, das noch immer versteckt ist. Thomas Drach, der Entführer des Wissenschaftlers und Millionenerben Jan Philipp Reemtsma, kommt noch im Oktober aus seiner Haft in der JVA Hamburg Billwerder frei. Er hat dann seine Strafe voll verbüßt, sagte ein Sprecher der Hamburger Justizbehörde am Donnerstag. Den genauen Termin sagte er nicht, „Bild“ nennt den 21. Oktober, was offiziell nicht bestätigt wird. Thomas Drach und seine Komplizen, darunter sein jüngerer Bruder Lutz Drach, hatten im März 1996 dem Tabakerben Jan Philipp Reemtsma vor seinem Haus im Elbvorort Blankenese aufgelauert, ihn überwältigt und entführt. Die Männer hielten ihr Opfer 33 Tage in einem Kellerverlies bei Bremen gefangen und gefesselt. Gegen eine Rekordsumme von 15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken kam Reemtsma frei.

Thomas Drach wird das Millionen-Lösegeld von Jan Philipp Reemtsma haben wollen

Das Besondere an diesem Fall: Mehr als die Hälfte der damaligen Beute ist immer noch verschollen. Nach dem Lösegeld wurde auf der ganzen Welt von Ermittlern gefahndet. Ohne Erfolg. Drach selber schwieg hartnäckig zum Verbleib des Geldes in der Haft, was die Richter negativ auslegten. Sie setzten alles daran, ihn möglichst lange in Haft zu behalten und lassen ihn keinen Tag vor der gesamten Strafe frei.

Werden sich andere Kriminelle an Thomas Drachs Fersen heften?

Die Nachricht von der geplanten Haftentlassung dürfte verschiedene Parteien mobilisieren. Wo hat Drach das Geld versteckt? Wie will er an die Beute kommen? Es ist anzunehmen, dass Privatdetektive Reemtsmas sowie Fahnder jeden Schritt verfolgen, den Drach tut, sobald er das Gefängnis verlässt. Wird er die Verfolger abschütteln? Werden andere Kriminelle sich an seine Fersen heften?

Ob das Bundeskriminalamt auf der Jagd nach dem Lösegeld beteiligt sein wird, wollte die Behörde auf Nachfrage am Donnerstag nicht sagen. Ein Sprecher verwies auf die Hamburger Justiz, die für das weitere Vorgehen zuständig sei. Die Hamburger Justiz wollte sich am Donnerstag ebenfalls nicht dazu äußern.

Thomas Drach beschuldigte seinen Bruder, das Lösegeld zu veruntreuen

Einer, der an der Jagd bestimmt beteiligt ist, dürfte der Bruder sein. Lutz Drach wurde wegen Geldwäsche zu sechs Jahren Haft verurteilt und ist seit 2009 auf freiem Fuß. Aus dem Gefängnis heraus schrieb Thomas Drach Briefe, mit denen er versuchte, aus der Haft an das verschwundene Lösegeld zu gelangen. Er vermutet es bei seinem Bruder Lutz. „Die Ratte“ nennt er ihn und verdächtigt ihn, das Lösegeld zu veruntreuen. Wegen der Briefe wurde der Entführer im November 2011 zu weiteren 15 Monaten Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Thomas Drach mit den Briefen einen Freund aus Haftzeiten, den Elektriker Hans-Georg W., zur räuberischen Erpressung gegen seinen jüngeren Bruder Lutz anstiften wollte. Die Staatsanwaltschaft gab zu Protokoll, dass Drach wohl verhindern wolle, dass sich der Bruder mit dem restlichen Lösegeld aus dem Staub mache. Beim Prozess war auch die Mutter der Drach-Brüder Helga anwesend, eine damals 75-jährige Rentnerin: „Thomas denkt, der andere hat das Geld“, sagte sie. „Aber das stimmt nicht. Lutz hat nichts.“

Briefe belegen die aggressive Haltung Drachs: „Wenn du nichts zu tun hast, dann fang mal meinen Bruder ab. Er hat sechs Monate Zeit, 30 Millionen zu besorgen“, schrieb er seinem Freund.

Seiner Mutter schrieb er, dass sein Bruder auf seine Kosten leben würde, nannte ihn ein „dummes feiges Versagerschwein“. Das Geld solle der ihm zuzüglich Zinsen zurückzahlen. Drach: „Der Parasit hat mich um 75 Millionen Euro und 14 Jahre meines Lebens gebracht.“

Der Entführer muss seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen

Thomas Drach war nach der Entführung nach Uruguay geflüchtet, von dort weiter nach Argentinien. Zwei Jahre nach der Entführung wurde er dort 1998 festgenommen, nachdem Ermittler ihn durch Telefonüberwachung eines Freundes aufspüren konnten. Drach hatte ein pralles Luxusleben mit gefälschten Papieren geführt, unter anderem ein prächtiges Mercedes Cabrio gefahren, Villen gekauft und Geld verprasst. In Hamburg wurde er nach 15 Verhandlungstagen zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten wegen erpresserischen Menschenraubes verurteilt.

„Verstehen Sie denn keinen Spaß?“, fragte er sein Opfer

Thomas Drach, mittlerweile 52, gilt als schwer gefährlich. Die Brüder, die vor der Reemtsma-Entführung bereits durch Überfälle polizeilich bekannt waren und im Gefängnis saßen, hatten ihre Lösegeldforderung mit einer Handgranate beschwert und gedroht, ihr Opfer zu verstümmeln. Drach, der voll Zynismus und ohne Reue über die Tat war, soll zu seinem Opfer Reemtsma bei der Freilassung in einem Waldgebiet bei Hamburg gesagt haben: „Sie erleben hier die Luxusversion einer Entführung.“ Vor Gericht wendete er sich einmal direkt an sein Opfer und fragte ihn kalt: „Verstehen Sie denn keinen Spaß?“

Das Opfer Jan Philipp Reemtsma kehrte nach der Entführung in sein Leben als Literaturwissenschaftler, Publizist und Mäzen zurück. Seine Vorlesungen an der Universität Hamburg hielt er in den ersten Jahren nach der Tat flankiert von Leibwächtern und sichtlich gezeichnet von dem Durchlittenen. Seine Familie sagte damals: Die Tat dauert an.

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