Welt : Reemtsma-Entführung: Kommt Drach in wenigen Jahren frei?

Karsten Plog

Vom kommenden Mittwoch an muss sich der mutmaßliche Kopf der Entführer des Hamburger Wissenschaftlers und Millionärs Jan-Philipp Reemtsma, Thomas Drach (40), vor Großen Strafkammer 28 des Hamburger Landgerichts wegen erpresserischen Menschenraubs verantworten. Nach wie vor ist nicht aufgeklärt, wo der Großteil der 30 Millionen Mark geblieben sind, die Reemtsma für seine Freilassung nach 33-tägiger Geiselhaft hatte zahlen müssen. Reemtsma war am 25. März 1996 vor seinem Haus im Hamburger Elbvorort Blankenese entführt worden. Nach den bisherigen Ermittlungen und Aussagen seiner bereits zuvor verurteilten Mittäter K. , Peter Richter und Piotr Laskowski hatte Drach die Entführung geplant.

Am Abend des 26. März haben er und Laskowski Reemtsma überfallen und in einem Kastenwagen in ein zuvor gemietetes Haus in Nähe von Bremen gebracht. Dort wurde das Opfer an eine Kette gefesselt. Die Erpresser drohten in einem Brief an Reemtsmas Frau Kathrin Scherer, den Entführten umzubringen. Nach zwei gescheiterten Versuchen klappte die Geldübergabe und Reemtsma wurde auf freien Fuß gesetzt. K. und Richter wurden bald danach in Spanien verhaftet. Bei Laskowski, dem "Mann fürs Grobe", dauerte es bis zum vergangenen Jahr. K. erhielt mit zehneinhalb Jahren die höchste Strafe von dem Trio. Drach dagegen war verschwunden.

Polizeiermittler und Privatdetektive stießen vor allem auf dem Balkan wiederholt auf seine Spuren. Doch der Gesuchte konnte nicht gestellt werden. Doch dann machte Thomas Drach, der in Südamerika ein luxuriöses Leben führte, einen großen Fehler. Durch zwei von der Polizei abgehörte Anrufe bei einem alten Bekannten aus früheren Knastjahren verriet er seinen Aufenthaltsort. Drach hatte in dem Gespräch erzählt, er wolle ein Konzert der Rolling Stones besuchen. Die gastierten zu jener Zeit in Buenos Aires. So lockte Drach die Fahnder zu seinem Hotelzimmer im "Casar Park" in Buenos Aires, wo er Ende März 1998 festgenommen wurde. Nach längerer Verzögerung lehnte das argentinische Bundesgericht Drachs Beschwerde gegen seine Auslieferung an Deutschland endgültig ab. Unter strenger Bewachung wurde Drach über Frankfurt nach Hamburg gebracht, wo er seit Juli dieses Jahres in Untersuchungshaft sitzt. Drach, der seine Beteiligung an der Entführung früher abgestritten hatte, hat inzwischen eine Erklärung eingereicht, in der er eine Beteiligung an der Tat eingesteht.

Allerdings rechnet niemand in Hamburg vor Prozess-Beginn damit, dass der Angeklagte genauere Angaben über das verschwundene Lösegeld machen wird. Bisher sollen von den 30 Millionen Mark lediglich 2,2 Millionen Mark - gewaschenes Geld und Organinalnoten aus dem Reemtsma-Geld - aufgetaucht sein. Eine erhebliche Summe hat Drach wahrscheinlich in Immobilien in Südamerika angelegt. Ein Großteil davon sei an bisher noch unbekanntem Ort gebunkert. Das Gericht hat für die Verhandlung bisher neun Tage angesetzt. Die Höchststrafe für epresserischen Menschenraub liegt bei 15 Jahren Haft. Drach hofft, dass die 2 Jahre Untersuchungshaft in Buenos Aires mindestens dreifach angerechnet werden. Wenn das geschieht, könnte er möglicherweise schon nach wenigen Jahren frei sein und über das Lösegeld verfügen.

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