Welt : Reemtsma-Prozess: Die Ungewissheit wurde zur vorherrschenden Qual

Ralf Nehmzow

Ihn interessiere im Grunde nicht mehr, "wie die Lumpen aussehen", hatte Jan Philipp Reemtsma einmal formuliert, "ich will sie nur im Gefängnis wissen." Vierzehneinhalb Jahre Haft wegen erpresserischen Menschenraubes für Thomas Drach (40), lautet das Urteil des Landgerichts. Nun, in dem Moment, da die Richter über Reemtsmas ärgsten Entführer die Haftstrafe verhängen, sitzt das Opfer nicht auf seinem Platz. Statt des Nebenklägers ist dessen Sohn Johann Reemtsma als Zuschauer zum Prozess erschienen, bewacht von Bodyguards.

Und Thomas Drach? Um eine Minute vor zehn schlendert der Mann mit dem lichten Haar aus der Untersuchungshaft in den Saal. Sein Gang ist schlaksig, eine Hand hat er lässig in der Hosentasche. Sein Gesicht wirkt undurchdringlich, als das Urteil verkündet wird. Vorbei die Zeiten, als Mercedes-Cabrio-Fahrer Drach nach der Entführung in Südamerika im Luxus schwelgte. "Er muss einsehen", gibt der Vorsitzende Richter Dietrich Preuß dem Angeklagten mit auf den Weg in den Knast, "dass sich Verbrechen letztlich nicht auszahlen."

Das Urteil entspricht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Nebenklage hatte 15 Jahre und Sicherungsverwahrung gefordert, die Verteidigung eine mildere Strafe. Am 25. März 1996 wurde der Philologe auf seinem Anwesen in Hamburg-Blankenese entführt. Erst nach 33 Tagen Geiselhaft, angekettet in einem Kellerverlies, in einem Haus bei Bremen wurde der Multimillionär wieder freigelassen gegen Zahlung der Rekordlösegeldsumme von umgerechnet rund 30 Millionen Mark.

Die Entführung, das Leid des Opfers, rekapituliert im Eiltempo, vorgetragen in der sachlichen Sprache der Juristen: In knapp einer Stunde resümiert der Vorsitzende Richter die Tat. Drei Komplizen wurden bereits verurteilt. Zwei verbüßen derzeit noch ihre Haftstrafen, ein Gehilfe ist nach vorzeitiger Haftentlassung seit September 1999 wieder auf freiem Fuß. Drachs Part: "Er war der Chefplaner", sagt Richter Preuß. Drach habe die Entführung bei seinem Mittäter K. , der zunächst dagegen war, durchgesetzt. Drach habe die Geldübergabe-Modalitäten bestimmt, eigenmächtig die Lösegeldsumme von 20 auf 30 Millionen Mark erhöht. Die Einlassung des Angeklagten, er habe dem Mittäter Wolfgang K. rund die Hälfte des Lösegeldes gegeben, er selbst habe vom Lösegeld nur noch rund zwei Millionen Mark, glaubten die Richter ihm nicht. "Drach hat noch etliche Millionen aus dem Lösegeld", so Preuß. Strafmildernd werteten die Richter allein das "fast umfassende Geständnis", die Entschuldigung des Täters beim Opfer.

Es war auch die Begegnung mit Drach, die den Prozess prägte. Da war die Wut, das Erstaunen Reemtsmas, wenn er den oft kaltschnäuzigen Berufsverbrecher Drach zuhören musste. Immer wieder suchte er den Blick des Angeklagten, scheu, aber konstant, als wolle er fragen: Wie konnte ein Mensch einem anderen so etwas antun? Dieser Gesichtspunkt war es denn auch, den das Gericht besonders strafschärfend wertete: die schweren Tatfolgen für Reemtsma und seine Familie, "die unvorstellbare Qualen ertragen mussten". Vor allem die Ungewissheit, hatte Reemtsma im Prozess selbst formuliert, wurde zur "vorherrschenden Qual".

Als Drach über seine Haftzeit in Argentinien jammerte, den absurden Vergleich zu Reemtsmas Geiselhaft zog, musste Reemtsma erneut leiden: "Wir haben Herrn Reemtsma alles Lebensnotwendige gelassen, ich hatte nicht mal Klopapier", sagte Drach. Dann erzählte er im Plauderton, wie er sich sein Zellen-Appartement in Buenos Aires luxuriös renovieren ließ "auf eigene Kosten". Reemtsma und sein Anwalt Johann Schwenn erstarrten. Wie bizarr: Auf eigene Kosten renoviert? "Das sind die Kosten des Nebenklägers", sagte Schwenn in Anspielung auf die Lösegeld-Millionen.

Nach elf Jahren und einem Monat wird Drach, dem die argentinische Haftzeit und die deutsche Untersuchungshaft angerechnet wird, wieder ein freier Mann sein. Und wohl ein reicher Mann: Umgerechnet rund 20 Millionen Mark aus der Beute, so glauben Experten, dürften noch bei Drach sein. Dass bedeute, Drach sitze pro Haftjahr rund zwei Millionen Mark ab, rechnet Anwalt Schwenn mit einem bissigen Unterton vor.

"Wir versuchen, dass Drach und seine Komplizen nicht weiter an dem Lösegeld partizipieren", sagt Jürgen Jaitner, Chef der Sicherheitsfirma Espo-Gruppe in Wiesbaden, die nach dem verbliebenen Lösegeld-Millionen weltweit fahndet. "Wir haben laufend neue Spuren", so Jaitner vieldeutig. Zehn Espo-Mitarbeiter suchen rund um den Globus nach den Lösegeld-Millionen. Auch wenn nun die Justiz mit dem Fall Drach fertig ist - für die Familie Reemtsma wird das Leben wohl nie mehr wie früher sein. Reemtsmas Frau Ann Kathrin Scheerer hatte sich im Prozess über die Tatfolgen folgendermaßen geäußert: "Im Grunde dauert das Verbrechen noch an."

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