Welt : Reich der Bäuche

Männer in Peking kleiden sich im Sommer gern leger – alle Erziehungsversuche der Stadtväter scheitern

Harald Maass[Peking]

Das Schlafgewand meiner Nachbarin ist weiß und mit rosa Bärchen bedruckt. Woher ich das weiß? Wir sind uns diese Woche beim Einkaufen am Markt begegnet. In den Hutongs, den engen Pekinger Altstadtgassen, herrscht bis heute eine familiäre Atmosphäre. Abends spazieren die Menschen in ihren Schlafanzügen und mit Filzpantoffeln durch die Gasse. Nachts sitzt man vor den Hauseingängen, unterhält sich, spielt Karten oder chinesisches Schach. Noch entspannter wird es im Sommer. Dann nämlich krempeln Chinas Männer ihre T-Shirts nach oben, bis unter die Achseln. Stolz strecken sie ihre Ranzen nach vorne. Peking wird zur Stadt der nackten Bäuche.

„Bang Ye“ werden sie in Peking genannt, wörtlich übersetzt: die „Oberarm-Männer“. Wenn sich im Sommer die tropische Hitze über die Stadt legt und es selbst nachts noch drückend schwül ist, tauchen im Straßenbild die nur leicht bekleideten Männer auf. Dabei gibt es mehrere Stiltypen, abhängig von der Temperatur: Es beginnt mit einem einfachen Hochrollen des T-Shirts bis etwa zum Brustansatz. Schultern und Brust bleiben dabei noch bedeckt. Manche Männer krempeln dazu gerne auch die Hosenbeine nach oben, bis etwa auf Kniehöhe. So lässt sich auch bei sommerlichen Temperaturen noch ein einigermaßen offizielles Äußeres bewahren. Erst wenn es richtig heiß wird, machen die Pekinger ihre Oberkörper ganz frei.

Der Stadtregierung sind die barbäuchigen Männer etwas peinlich. Die nackten Oberkörper seien „unzivilisiert“, befand die staatliche „Jugendzeitung“. 2008 ist Peking Ausrichter der Olympiade. Bis dahin soll sich die Stadt als Weltmetropole präsentieren, so will es die KP-Führung. Vor zwei Jahren startete die „Jugendzeitung“ deshalb eine Kampagne gegen die „Bang Ye“. Reporter und Fotografen machten Jagd auf Männer mit nackten Oberkörpern, um sie mit Fotos groß in der Zeitung anzuprangern. Reuige „Bang Ye“ bekamen immerhin ein T-Shirt geschenkt mit der Aufschrift: „Ich gehöre zu denen, die Peking verschönern!“ Geändert hat sich jedoch nichts. Wenn ab Juli die Temperaturen steigen, füllt sich Chinas Hauptstadt mit Männerbäuchen.

Verdenken kann man den Pekingern diese Freizügigkeit nicht. Im Gegensatz zu den neuen Hochhausvierteln und den stets angenehm gekühlten Luxuskaufhäusern, die für die Olympiade aus dem Boden gestampft werden, sind die Wohnbedingungen in den Hutong-Gassen bis heute primitiv. Viele Familien hausen in einem winzigen Zimmer, meistens ohne Klimaanlage. Die wenigsten Häuser haben Duschen oder Bäder. Um auf die Toilette zu gehen, müssen die meisten Hutong-Bewohner ein stinkendes Plumpsklo in der Gasse aufsuchen.

Peking ist im Umbruch. Wirtschaftsaufschwung und Bauboom haben viele der alten Hutong-Gegenden zerstört. Die Stadt ist eine einzige Baustelle. Überall wird gehämmert, gebohrt und gebaggert. Jahrhundertealte Gassen und Wohnviertel, prächtige Erinnerungen an das kaiserliche China, werden abgerissen, die Bewohner umgesiedelt in Betonburgen außerhalb der Ringstraßen. In den neuen Wohnungen haben die Menschen Klimaanlagen, meistens auch mehr Platz. Doch etwas geht beim Sprung in die Moderne verloren. Das Leben in den neuen Wohnsiedlungen ist anonym. Statt abends mit den Nachbarn in der Gasse zu sitzen, bleiben die Pekinger in ihren Wohnungen und schauen fern.

Die Modernisierung bringt auch gute Seiten hervor. Peking hat seine sozialistische Atmosphäre, die beklemmende Starre der Vergangenheit abgeschüttelt. Die einst grauen Wohnsilos entlang der Ringstraßen sind heute bunt angestrichen. Die Stadt ist grüner, hat neue Parks und Blumenbeete. Es scheint, als ob die Pekinger mit dem Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre auch das Genießen wieder gelernt haben. Abends trifft man sich beim Houhai-See, einem neuen Ausgehviertel in der Altstadt. Man sitzt in tiefen roten Sofas am Seeufer, spricht über die neusten taiwanesischen Popbands, über das Abschneiden der Fußballnationalmannschaft beim Asien-Cup oder über den ersten Urlaub.

Reisen ist diesen Sommer ein wichtiges Thema. Für viele Chinesen ist die erste Auslandsreise ein wichtiges Zeichen des Wohlstandes. Wer sich das Reisen nicht leisten kann, macht es sich in Peking bequem. Etwa mit scharfem „Shui Zhu Yu“, einem in Ölsuppe getunkten Fisch, gespickt mit Chilischoten. Das Gericht, in dieser Saison besonders in, ist so scharf, dass einem beim Essen buchstäblich der Schweiß aus den Poren quillt.

Echte Pekinger gehen zum Schwimmen sowie in einen der städtischen Seen wie den Houhai. In einer 15-Millionen-Einwohner-Stadt ohne funktionierende Kläranlagen ist das eine wahre Mutprobe. Nach dem Schwimmen sitzen die meist älteren Männer dann unter den Bäumen am Ufer des Sees. Sie trinken lauwarmes Yanjing-Bier. Einer holt ein paar Spielkarten heraus. Und natürlich hat niemand ein Hemd an.

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