Welt : Reif für das Festland

Was ist nur auf Helgoland los? Warum der letzte Inselbäcker einen Erben braucht – und die Jugend von Baumärkten träumt

Astrid Geisler[Helgoland]

Der Inselbäcker versteckt das Katastrophenszenario zwischen Anekdoten über seine Rundstücke und das Leben auf Helgoland. „Ich habe keine Verpflichtungen“, sagt er. „Ich kann morgen aufhören, wenn ich will.“ Wilfried Meier weiß, welche Drohung er da ausgesprochen hat. Wenn Bäcker Meier auch auch noch aufgeben würde, hätte Helgoland keine Bäckerei mehr. Sieben Backstuben gab es auf der Hochseeinsel, als Meier dort vor 71 Jahren zur Welt kam. Durchgehalten hat nur er. Seit Jahren sucht er einen Nachfolger für seinen Traditionsbetrieb mit Backstube und zwei Läden. Vergeblich. Es findet sich keiner, der backen und leben will auf Helgoland.

Seit Jahren schrumpft die Zahl der Inselbewohner, die Bevölkerung wird immer älter. Mitte der 80er Jahre lebten knapp 2000 Menschen mit Hauptwohnsitz auf Helgoland. Die jüngste Statistik zählt nur noch 1478 Einwohner, bei 2200 Gästebetten. Allein im vergangenen Jahr verlor die Insel wieder 19 Einwohner. Mit den Insulanern verschwindet schleichend vieles, was früher selbstverständlich dazugehörte zum Leben auf Deutschlands einziger Hochseeinsel.

Es gibt keinen Fleischer mehr, alle Bootsbauer haben dichtgemacht, genau wie das Gros der anderen Handwerksbetriebe. Die Fischerei spielt keine Rolle mehr. Die Berufsschule wurde abgezogen. Die Suche nach dem neuen Inselpastor war ein monatelanger Kraftakt. Seit vergangenem Jahr schon steht die Zahnarztpraxis leer. Und als wäre das alles nicht genug, hat kürzlich auch noch der Jugendpfleger gekündigt. Es ist eine Abwärtsspirale, die bisher keiner zu stoppen vermochte. Übrig bleiben Duty-Free-Shops, Souvenirläden und Fischbrötchenbuden, die einem Helgoländer mit Zahnweh genauso wenig helfen wie die weltweit einzige Rot-Kreuz-Station für seekranke Touristen am Hafen.

Wer auf Helgoland nach den Gründen fragt, erfährt unweigerlich auch einiges über die Besonderheit einer Dorfgemeinschaft, die zwölf Monate im Jahr zusammengepfercht auf nur einem Quadratkilometer Fläche klarkommen muss, weit draußen in der Nordsee. Sich aus dem Weg gehen? In den Nachbarort abhauen? Unmöglich. Kein Wunder, dass ein unbedachtes Wort hier leicht eine Welle der Entrüstung auslöst. So kann sich der Besucher hinter verschlossener Tür vielsagende Anekdoten über das Inselleben anhören und doch mit ein paar Belanglosigkeiten im Block nach Hause gehen. Denn viele der Erzählungen schließen mit dem Satz: „Das aber bitte nicht aufschreiben.“

Man kann stattdessen aber auch Fakten sprechen lassen, Fakten, die zeigen, dass längst nicht nur der kollektive Inselkoller die Menschen von Helgoland aufs Festland schwemmt. Wie überall fehlen Arbeitsplätze für den Nachwuchs. Mit rund 565 000 Gästen pro Jahr, bis zu 11 000 an Spitzentagen im Hochsommer, sieht Bürgermeister Frank Botter nicht, wie da noch mehr Jobs im Tourismus geschaffen werden sollen. Alternativen sind rar. Obwohl die Einwohnerzahl sinkt, mangelt es an bezahlbaren Wohnungen. Die meisten Inselhäuschen stammen aus der Nachkriegszeit. Damals lebte Familie Botter auf 55 Quadratmetern – mit drei Erwachsenen und fünf Kindern: „Heute“, sagt der SPD-Bürgermeister ratlos, „ist das selbst einigen Singles zu wenig.“ Für großzügige Neubauten aber fehlt der Platz.

Und die Schulsituation tut ein Übriges. Wenn Bürgermeister Botter erklären soll, was die meisten Teenager, ja ganze Familien von der Insel treibt, sagt er einfach: „Sprechen Sie mit meiner Tochter.“ Melanie Botter ist nur für kurze Zeit aus Kassel zurück nach Helgoland gekommen, für ein Praktikum im Kindergarten. Eigentlich lebt die 20-Jährige schon seit fünf Jahren auf dem Festland – nicht, weil sie die Insel „schlimm“ fand. Ihr blieb, wie den meisten, keine andere Wahl. Denn an der Inselschule geht es nach Klasse zehn nicht weiter, und für tägliche Fahrten aufs Festland liegt Helgoland zu weit draußen. Wer das Abitur machen will, muss ins Internat. Einige Eltern packen lieber mit den Kindern die Koffer.

„Wer erst mal aufs Festland zieht, ist in der Regel für immer weg“, sagt der Bürgermeister. Kaum vorstellbar, dass die Generation der Großeltern nach Krieg und Evakuierung kämpfte für die Rückkehr auf die Insel. Heute sehen viele Teenager den Absprung auch als Gewinn. Malin zum Beispiel fällt erst mal gar nichts ein, wenn man sie nach den Vorzügen des Insellebens fragt – außer, dass sie hier ihre Freunde hat. Die 16-Jährige zieht kräftig an der Zigarette. „Die Leute denken, hier fahren keine Autos und deshalb haben es Kinder besser. Aber das stimmt nicht“, sagt die Hauptschülerin. „Der letzte Winter war der langweiligste, den ich erlebt habe. Nirgendwo ist weniger los als auf Helgoland.“ Malin trägt ein Nasenpiercing, sie träumt von Tatoos und von einer Stelle im Baumarkt.

Auch der Jugendarbeiter Ron MacDougall wird Malin dann nicht mehr halten. Er verlässt die Insel schon im Juli samt Familie, nach zwei Jahren. Keiner seiner Vorgänger hielt es länger aus, erzählt der Kanadier. Der Inselbürgermeister sagt dazu nicht viel. Er versichert nur, dass jeder Neuling mit offenen Armen von der Dorfgemeinschaft empfangen werde. Wenn sich einer aber nicht ins Inselleben einbinde... Der Jugendarbeiter MacDougall wählt deutlichere Worte: Eine „Mobbingatmosphäre“ habe er auf der Insel erlebt, sagt er.

Wenn man wenig später dann zu Wilfried Meier in die Backstube tritt, glaubt man sich auf einem anderen Flecken Erde. Der Senior schwärmt von der Inselgemeinschaft, vom Pony-Club, dem Kirchenchor, der Seeluft, die so rein und feucht sei, dass seine knusprigen Rundstücke weich werden. Viele Jahre hat er 14 Stunden amTag geschuftet, um sich eine Existenz auf der Insel zu schaffen, nach dem Krieg, als Helgoland in Trümmern lag. Richtig fröhlich blickt er dabei nicht. Irgendwer muss doch das Geheimnis seiner Rundstücke erben.

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