Welt : Reise in die Unterwelt

Der deutsch-türkische Vorzeigeunternehmer Öger steht im Verdacht, hinter der Entführung eines Geschäftsmannes zu stehen

Ruth Reichstein[Brüssel]

Alles ging unglaublich schnell. Die Ehefrau des belgisch-türkischen Geschäftsmanns Guray Serimozu war schockiert. Am Abend des 22. Septembers kam ihr Mann gerade nach Hause und wurde plötzlich vor ihrem Haus von vier ganz in schwarz gekleideten Männern überfallen. Kurz darauf war er verschwunden. Die Frau alarmierte die Polizei. Die Ermittlungen begannen – erfolglos.

Genau eine Woche später tauchte der 45 Jahre alte Mann wieder auf: Mitten in der Brüsseler Innenstadt schubste man ihn aus einem Auto. Von dort ging Serimozu zu Fuß zum Brüsseler Flughafen, wo sein Bruder arbeitet. Und dort erzählte er seine Geschichte der Polizei.

Denn der Inhaber des Reiseunternehmens Mediterra war nicht etwa geschäftlich unterwegs gewesen. Die vier bewaffneten, maskierten Männer hatten ihm Tränengas in die Augen gesprüht, ihn mit Handschellen gefesselt und verschleppt – „wie bei einer paramilitärischen Aktion“, sagte der Chef der Brüsseler Kriminalpolizei Glenn Audenaert.

Was der bekannte deutsch-türkische Reiseunternehmer Vural Öger an diesem Tag gemacht hat, tut wenig zur Sache. Die Polizei sucht nicht nach einem Alibi für Öger, der für die SPD im Europaparlament sitzt. Die vier beteiligten Männer sind von der belgischen Polizei festgenommen worden und teilweise geständig. Öger war also nicht direkt an der Entführung beteiligt. Aber die belgische Polizei verdächtigt Öger dennoch – als Auftraggeber der Entführung. „Das ist eine unserer Arbeitshypothesen“, bestätigte der Chefermittler Glenn Audenaert am Mittwoch.

Acht Tage lang saß der entführte Serimozu an ein Metallbett gefesselt in einem Wochenendhaus in den belgischen Ardennen. Seine Entführer bekam er nur mit Maske zu Gesicht. Alle vier sind türkischer Abstammung. Warum sie ihr Opfer nach einer Woche plötzlich wieder freiließen, ist bisher völlig unklar. Ebenfalls nicht bekannt ist, ob dafür Lösegeld gezahlt worden ist.

Vural Öger, deutsch-türkischer Vorzeigeunternehmer, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Politiker – Gerhard Schröder setzte ihn in der Hamburger SPD gegen Widerstände als Europaabgeordneten durch –, will von alledem überhaupt nichts wissen. Er sei „verzweifelt“ angesichts dieser Vorwürfe. Erneut hat er heftig dementiert, etwas mit der Entführung zu tun zu haben. Die Anschuldigungen „entbehren jeder Grundlage“, ließ er in einer Erklärung verlauten.

Öger hat bisher zugegeben, seit 1997 mit dem Opfer im Streit zu liegen. Serimozu soll ihm 1,5 Millionen Euro schulden. Auch einer der Tatverdächtigen sei ihm bekannt, gab Öger zu.

Die belgischen Medien sprechen über Öger vom „Verdächtigen Nummer 1“. Angeblich soll einer der Festgenommenen behauptet haben, Öger habe die Entführung in Auftrag gegeben.

Schon kurz nach seiner Freilassung war die Polizei den vier Männern auf die Spur gekommen. Dank der Aussagen des Opfers konnte das Ferienhaus gefunden werden. „Wir hatten das Glück, dass das Opfer über ein erstaunliches fotografisches Gedächtnis verfügt“, sagte der Chef der Kriminalpolizei Audenaert. Er erinnerte sich sogar an die Farbe der Möbel. In dem Haus entdeckten die Ermittler die verwendeten Waffen und Masken.

Bisher haben die belgischen Behörden noch keinen Kontakt mit Öger aufgenommen, weil er als Europa-Abgeordneter Immunität genießt. Die muss das EU-Parlament erst aufheben. Die belgischen Ermittler wollen einen entsprechenden Antrag stellen. Öger kündigte nun an, sich selbst bei der Polizei zu melden, um herauszufinden, was genau ihm vorgeworfen wird. „Ich hoffe, dass die Angelegenheit schnellstmöglich geklärt werden kann.“ Die belgische Staatsanwaltschaft will sich zunächst nicht mehr zu dem Fall äußern.

Für den deutsch-türkischen Reiseunternehmer steht viel auf dem Spiel. Denn bisher gilt Öger als Musterbeispiel für die Integration der Türken in Deutschland. Zurzeit kämpft er vor allem für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union und wirft den Gegnern „völlige Unkenntnis“ seines Landes vor.

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