15 Tage im Bus : Von der Lust, aus dem Fenster zu gucken

Im Bus von Deutschland nach Portugal? Um Himmels willen! Gar nicht schlimm, versichert unser Autor. Viel gesehen, Stimmung gut – gerne wieder.

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Entspannte Ankunft. Wie hier in Porto bleibt den Reisenden stets genügend Zeit, etwa um die Kirche Santo Ildefonso anzuschauen.
Entspannte Ankunft. Wie hier in Porto bleibt den Reisenden stets genügend Zeit, etwa um die Kirche Santo Ildefonso anzuschauen.Foto: Franz Lerchenmüller

Vier, vielleicht fünf Zentimeter Abstand bleiben nach links zum Schaufenster, und rechts kommt der Außenspiegel der weißen Mauer so nahe, dass man durchs Fenster die feinsten Risse im Stein zählen könnte. Doch ohne eine sichtbare Regung dirigiert der Mann am Steuer seinen knallroten, sündhaft teuren Bus Millimeter für Millimeter durch die grausam enge Gasse Bilbaos – und er schafft es auch diesmal, ohne den winzigsten Kratzer im Blech davonzutragen. Die Straße weitet sich, von den Sitzen brandet Beifall auf, und Hans-Peter Christoph, Chauffeur und zugleich Chef des Unternehmens, genießt.

Vor zwei Tagen hatte die Reise morgens um fünf in Freiburg begonnen. Von Ost nach West gondelte das Schiff auf Rädern quer durch Frankreich, durch Regionen mit großen Namen: Elsass, Franche- Comté, Auvergne, das Perigord, die Schluchten der Dordogne. An diesem Tag ging es nicht ums Reisen, sondern darum, Kilometer zu fressen, um genügend Zeit für Spanien und Portugal zu haben. Nach 1162 langen Kilometern funkeln abends rund um die Concha, die Bucht von San Sebastian, die Lichter wie ein blitzendes Collier, von oben herab grüßt ein angestrahlter Jesus. Einer sagt, was viele denken: „18 Stunden unterwegs – kaum zu glauben, wo sind sie bloß geblieben?“ Doch von Stund’ an heißt das Motto: wenig fahren, viel erleben.

Eben passiert der Bus erneut das Guggenheim-Museum. Das schimmernde Wunder des Frank O. Gehry ist auch 17 Jahre nach seiner Fertigstellung ein Hingucker. Schiffsrümpfe und Schornsteine türmen sich aufeinander und erinnern an Bilbaos Vergangenheit als Werftstadt. Geschwungene Formen und scharfe Kanten bilden schroffe Gegensätze. Je nach Tageszeit und Wetter glänzt und leuchtet die silberne Haut oder changiert ganz leicht ins Rötliche. Und von jeder Seite, haben die meisten am Vortag festgestellt, präsentiert der Bau sich in einer vollkommen anderen Gestalt.

Fast alle hier sind jenseits der 50

Die 28 anfänglichen „Damen und Herren“, die bei der morgendlichen Begrüßung durch den Chef schon am dritten Tag zu „Jungs und Mädels“ geworden sind und sich längst duzen, schalten in den Reisemodus: ein bisschen lesen, Lieblingsmusik hören, dem Nachbarn die jüngsten Fotos zeigen. Vor allem aber: konzentriert aus dem Fenster sehen, Landschaften in sich aufsaugen. Weinberge, Kiefernhaine, Industriehallen. Und Ina, der gute Geist, fragt schon mal nach, wer einen Kaffee aus der bordeigenen Maschine haben möchte.

Fast alle hier sind jenseits der 50. Ließe sich ihre gesammelte Welterfahrung bündeln, es käme ein detaillierter Reiseführer Europas dabei heraus – und ein paar andere Teile des Globus noch dazu. Die Bustour haben sie gebucht, weil ihnen dabei die Organisation der Unterkunft und die Mühe des Fahrens abgenommen werden. Einige sind sogar von weiter angereist, um in bewährter Gesellschaft unterwegs zu sein – die Firma hat seit langem einen treuen, fröhlichen Fanklub. Und allen gemeinsam ist der Wunsch nach dem Genuss der Langsamkeit im Reisen.

Vorne neben dem Panoramafenster hängen rot-goldene Glücksbringer aus Usbekistan und China – eine Erinnerung an die siebenmonatige Weltreise im vergangenen Jahr. Anschaulich erzählt Hans-Peter von sturen US-amerikanischen Zöllnern und Überholmanövern in den Anden. Wenn dann noch Süßigkeiten aus Persien herumgereicht werden, als Appetitmacher auf Künftiges, kommt so mancher schon mal ins Planen ...

Chaves - die erste Station in Portugal

Immer wieder macht der Bus jetzt für ein paar Stunden irgendwo Halt, stets bleibt dabei Zeit für einen Rundgang auf eigene Faust. Und jeder Ort steuert neue Bilder fürs Reisetagebuch bei: Im Schatten der Kathedrale von Burgos sammeln sich Wanderer in kurzen Hosen und mit Muschel am Rucksack. Dies ist offenbar das Revier der Jakobsweg-Pilger. Bei Palencia zieren Ketten von Windrädern die Berge – Don Quijote heute könnte sich nicht retten vor Arbeit.

In Zamora findet, wie der Reisegott es fügt, ausgerechnet an diesem Tag die große Marienprozession statt. Trommler, Pfeifer und Dudelsackspieler begleiten die Figur der Jungfrau de la Concha zu einem Besuch bei ihrer „Base“ Virgen La Hiniesta ins sieben Kilometer entfernte, gleichnamige Dorf. Im Renaissancepalast aus dem 15. Jahrhundert, in dem die Gruppe übernachtet, biegt sich am folgenden Morgen das Büfett schier unter der Last spanischer Schätze: Speck vom schwarzen Schwein, luftgetrocknetes Rindfleisch, Churros, in Öl gebackene Kringel mit Zucker und Zimt.

Chaves ist die erste Station in Portugal. Neben der 2000 Jahre alten römischen Brücke gibt es das erste Glas Vinho Verde, den spritzigen jungen Wein: Saúde – auf weiterhin glückliche Tage! Im Kurstädtchen Geres in den Bergen sind zwei Übernachtungen eingeplant. Die Wanderung in den Nationalpark führt an seltsam zahmen „Wild“-Pferden vorbei und gipfelt in einem Picknick mit Ausblick auf einen tief zwischen die grauen Hänge gezwängten Stausee.

Einträchtig schnippeln Hebamme, Ingenieur, Sozialpädagogin, Architekt und Krankenschwester Käse, geräucherte Schweinelende und Melone. Lachsalven brausen immer wieder auf, nach einigen Bechern Wein werden die einst so bedeutenden Professoren und Polizisten, die heute noch so gestressten Ärzte und Lehrer richtiggehend albern. Längst haben die Mitreisenden klarere Konturen gewonnen. Man notiert Buchtipps und tauscht Mittelchen gegen Giersch im Garten, spricht über böse Nachbarn und musikalische Töchter.

Überall zerbröseln Holzfenster, Rost blättert von Balkonen

Am nächsten Tag sind alle wieder unterwegs nach Süden, wollen weiter bis ans Meer. Portugal scheint in dottergelbem Ginster entflammt. In den Gärten wachsen Feuerbohnen und ein Meter hoher Kohl mit schweinsohrgroßen Blättern. Störche klappern wie dumpfe Kastagnetten, geben den Rhythmus des Reisens vor.

In Coimbra
In CoimbraFoto: Franz Lerchenmüller

So gleißend liegt das Licht über Porto, der Stadt am Douro, dass die Luft staubig erscheint. Aus dem Meer der Ziegeldächer am Hang ragen barocke Kuppeln, Kirchtürme, prächtig gemeißelte Fassaden. Bunte Wäsche hängt zum Trocknen und kaschiert den Verfall. Denn überall zerbröseln Holzfenster, blättert Rost von den eisernen Balkonen. Stadtführer Felipe kommt dazu, erklärt die historischen Szenen auf blauen Azulejos-Kacheln im Bahnhof São Bento.

Nachts deckt Dunkelheit gnädig die Spuren des Heruntergekommenen. Unter der stählernen Brücke Dom Luis I. spiegeln sich Lichter im Fluss, nachgebaute Kähne mit Portweinfässern dümpeln im schwarzen Wasser, und wenn die letzte Straßenbahn des Tages vorbeifährt, beginnt die Fahrbahn unter den Füßen zu vibrieren.

Weiter geht es, immer weiter: nach Coimbra, wo die Studenten schwarze Mäntel tragen; nach Batalha, wo alle über die gewaltige Basilika des Dominikanerklosters staunen. In Nazaré gibt’s einen Blick von hoch oben auf den Atlantik, wo Extremsurfer auf die große Welle warten. Irgendwann kommen die Wohntürme der Vorstädte von Lissabon in Sicht. Abends, sagt der Chauffeur, dürfe jeder seiner Wege gehen. Wer aber unbedingt mit anderen gemeinsam essen wolle, könne sich um acht im Hotel treffen. Pünktlich um 20 Uhr quatscht in der Lobby eine Gruppe nicht mehr ganz frischer Jungs und Mädels fröhlich durcheinander – 26 von 28.

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