Abenteuer und Gesundheit : Herz auf Touren

Vor der Abenteuerreise ist medizinische Beratung dringend empfohlen.

Adelheid Müller-Lissner

Reisemediziner – sind das nicht die, die grundsätzlich vor Last-Minute-Flügen warnen, ständig mahnend mit dem Impfpass wedeln und unangenehme Malariaprophylaxen verordnen? In den Augen von Tomas Jelinek, dem Wissenschaftlichen Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf, ist das ein überholtes Klischee. „Vor zehn Jahren hatten wir in der Tourismusbranche allerdings noch ein Imageproblem.“ Die Reiseveranstalter nahmen die Ärzte damals eher als Bedenkenträger wahr, die Ängsten und Stornierungen ihrer Kunden Vorschub leisten. „Dabei wollen wir das Reisen vielmehr positiv begleiten.“ Vor allem vor geplanten Fernreisen sollte man sich diese Chance nicht entgehen lassen, findet Jelinek. „Schließlich kann man damit viel Ärger vermeiden.“ Im Moment erreichen er und seine Kollegen mit ihren Angeboten zur Vorbeugung jedoch nur knapp die Hälfte der Fernreisenden.

Dabei gehört zu den starken Erlebnissen, die Menschen sich von Reisen zu exotischen Zielen versprechen, wohl kaum der Mückenstich, der Malaria-, Dengue- oder Gelbfieber zur Folge hat, die Höhenkrankheit in den Anden oder am Kilimandscharo durch extremen Sauerstoffmangel, die Bilharziose nach dem Bad im afrikanischen See oder auch nur der lästige Reisedurchfall nach einer Infektion mit Kolibakterien aus Schmuddelküchen.

Abenteuerreisen, die ein erhöhtes Risiko für solche Nebenwirkungen mit sich ziehen, liegen andererseits voll im Trend. Erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen ist für die meisten vor einer großen Tour heute das Internet. Dort bietet die Homepage des Auswärtigen Amtes mit ihren ständig aktualisierten, länderspezifischen Reise- und Sicherheitshinweisen wichtige Informationen. Auch die CRM-Seiten sollte man rechtzeitig vor der Tour anklicken. „Unsere Internetinformationen münden immer in den Rat: Geh zu einem Reisemediziner, denn die Empfehlungen müssen der individuellen Reiseform angepasst werden“, ergänzt Jelinek. Während einer Reise in entlegene Regionen wiederum empfiehlt es sich, wo immer zwischendurch das möglich ist, ein Update über die regionale Situation im Internetcafé einzuholen.

Erste Anlaufstelle in gesundheitlichen Fragen rund um die Reise sind oft die Hausärzte. Schon seit zehn Jahren bietet das CRM in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amtes während der ITB in Berlin eine reisemedizinische Fortbildungsveranstaltung für Ärzte, Apotheker und medizinisches Assistenzpersonal an. „Wilderness-Medizin“ ist die neue, trendgerechte Spezialisierung, mit der inzwischen auch einige Unis bei der Ausbildung junger Ärzte auf die Beliebtheit des Bergsteigens im Himalaja, der Amazonien-Touren „abseits der ausgetretenen Pfade“ oder der Wüstencamps in der Sahara reagieren.

Medizinischer Rat ist nicht zuletzt deshalb wichtiger geworden, weil zunehmend auch Ältere zu Erlebnisreisen aufbrechen. In den meisten Fällen sind selbst körperlich herausfordernde Reisen bei guter Vorbereitung kein Problem. Manchmal sehen sich die Reisemediziner jedoch wirklich in die Rolle des Bedenkenträgers gedrängt, die ihrem Selbstverständnis eigentlich nicht entspricht. So berichtet Jelinek von einem älteren Patienten, der wegen seiner schweren chronischen Lungenerkrankung sehr kurzatmig in der Reisepraxis im ersten Stock ankam. Er plante eine Fahrt mit der Lhasa-Bahn. Die höchstgelegene Bahnstrecke der Welt, die China mit Tibet verbindet, verläuft meist in Gefilden über 5000 Metern. Um der Gefahr von Sauerstoffmangel in der großen Höhe zu begegnen, werden die Fahrgäste über die zentrale Klimaanlage auch mit Sauerstoff versorgt. Damit sollen sie sich wie auf einer Höhe von 2000 bis 3000 Metern fühlen. Auch das sei jedoch kein Pappenstiel. So heißt es im Merkblatt des Auswärtigen Amtes zum Thema Höhenkrankheit: „Herz-Kreislauf- und Lungenkranke sollten sich nicht ohne Not über 2000 Meter Höhe aufhalten.“ Für sie ist die Fahrt mit der Tibet-Bahn also nicht unbedingt die „einfache Tour mit nur geringen körperlichen Anstrengungen“, von der die Veranstalter sprechen. „Grundsätzlich sind Reisen ins Abenteuer aber auch für chronisch Kranke möglich, sie müssen jedoch vorab gut geplant und begleitet werden“, sagt Reisemediziner Tomas Jelinek.

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