Reise : Abgründe in der Region

Es war ein guter Plan. Eigentlich. Das Genre „Regionalkrimis“ blüht seit Jahren, Verlage werfen immer weiter Allgäu-, Eifel-, Friesen-, Sachsen-, Münster-Krimis auf den Markt. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Dabei werden die Kreise immer enger gezogen, kaum ein Kaff in Deutschland, das nicht auf „seinen“ Krimi verweisen könnte (im ostwestfälischen Gütersloh geht gar ein Serienmörder um). Im Rahmen einer spannenden Lektüre ein wenig über eine bestimmte (Urlaubs-)Region, über landschaftliche Besonderheiten, Plätze, Kneipen und Kultur zu erfahren, halt ein wenig Lebensgefühl zu erspüren, das wünscht man sich doch.

Und wir wollten unseren Lesern einen schönen Strauß auffächern. Denn wer macht beispielsweise nicht gern im Allgäu Urlaub und liest nicht vor, während oder im Nachgang angenehmer Tage ein Buch mit Bezug zu dieser Landschaft und ihren Menschen, mit all ihren Eigen- und Besonderheiten? Aus jedem deutschen Bundesland suchten wir uns also „Regiokrimis“ heraus – doch welch eine Enttäuschung! Manche hatten außer dem Titel nichts mit der Region gemein, die Handlungen hätten überall angesiedelt sein können, ein Austausch von Städte- und Straßennamen etwa wäre kein Problem gewesen. Manche Autoren gehen andererseits so verkrampft penibel bei Ortbeschreibungen vor, dass man den Eindruck gewann, sie wollten so ihren Mangel an Schreibvermögen kaschieren.

Dass es auch anders geht, zeigt Autor Volkmar Braunbehrens in „Lorettoberg“. Der gebürtige Freiburger Jahrgang 1941, der als Kunstgeschichtler 1974 die Galerie am Savignyplatz (nach Umzug heute nahe Klausener Platz in Charlottenburg) gründete und leitete, siedelt seinen Krimi im Milieu der Oberen Zehntausend des Breisgau-Städtchens an, wo ein aufsehenerregender Doppelmord geschieht.

Gleichwohl gelingt es Braunbehrens mittels seiner angenehm unaufgeregt agierenden Kommissare, den Leser nicht nur durchs beschauliche Freiburg und das Umland zu führen, sondern gleichzeitig auch badisches Gemüt und Lebensart auszubreiten. Kurze Abstecher der Ermittler nach Berlin, Hamburg und Mailand, mit Kontakt zu den jeweiligen Kollegen, unterstreichen zusätzlich die Eigenschaften der Badenser und produzieren im Kopf der Leser angenehme Bilder der Erinnerung, wenn sie je am Kaiserstuhl ein Viertele geschlotzt oder an der Dreisam entlangspaziert sind. Hier wird der Anspruch des Regiokrimis erfüllt, während viele andere jämmerlich scheitern. gws

PS: Da Regiokrimis oft wohlmeinend, jedoch unbesehen verschenkt werden, erscheint es uns ratsam, vor der guten Tat einen Blick ins Buch zu riskieren, um herbe Enttäuschungen zu vermeiden.











— Volker Braunbehrens:
Lorettoberg. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2013, 440 Seiten, 11,99 Euro

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