Ägypten : Der Traum des Patriarchen

Für den Investor aus Kuwait kann der Retortenort Port Ghalib in Ägypten zum Milliardengrab werden.

Florian Sanktjohanser
Die ganze Pracht. In einem Showroom lässt sich die Vision von Nasser Al-Kharafi für Port Ghalib am Modell bestaunen. Die Realität hingegen sieht weit trauriger aus.
Die ganze Pracht. In einem Showroom lässt sich die Vision von Nasser Al-Kharafi für Port Ghalib am Modell bestaunen. Die Realität...Foto: dpa

Jeden Donnerstag erwachte Port Ghalib. Dann gingen die Taucher an Bord der Schiffe, Flaneure schritten unter den Palmen der Uferpromenade, und in den Restaurants und Cafés war zumindest ein Teil der Stühle besetzt. Die Souvenirhändler stürzten sich auf Touristen, versuchten, sie in ihren Laden zu locken. In der restlichen Woche war das Retortenstädtchen am Roten Meer sehr ruhig. Jetzt ist es eine Geisterstadt.

Die Unruhen nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi haben die Badeorte Ägyptens hart getroffen. Seit Ende September fliegen deutsche Reiseveranstalter zwar wieder Urlauber ans Rote Meer, nachdem das Auswärtige Amt seine Reisehinweise entschärft hat. Doch bisher trauen sich nur wenige Urlauber zurück nach Ägypten. Dabei sind in den künstlichen Urlaubssiedlungen die Straßenschlachten in Kairo und der Terror auf dem Sinai sehr weit weg. Keine von ihnen ist steriler und größenwahnsinniger als Port Ghalib.

Die Corniche ist das Herz des gigantomanischen Projekts. Im Showroom lässt sich der Traum von Nasser Al-Kharafi in seiner ganzen Pracht bestaunen. Kleine Lichter scheinen auf die Plätze und Boulevards der Miniaturstadt, weiße Bötchen sind aufs bübchenblaue Meer geklebt.

Vier Wohntürme erheben sich an einer künstlichen Lagune, durch die sich künstliche Halbinseln mit Strandhäusern schlängeln. Es gibt einen Golfplatz, ein Fußballstadion, viele Gärten und Pools, mitten in der Wüste, Entsalzungsanlagen machen es möglich. Über 31 Millionen Quadratmeter soll sich Port Ghalib am Ende erstrecken, 200 000 Menschen sollen hier leben und Urlaub machen. Bisher existiert der größte Teil freilich nur als Modell.

Port Ghalib ist das teure Riesenbaby von Nasser Al-Kharafi. Das Magazin „Forbes“ führte den kuwaitischen Investor im Jahr 2011 als Nummer 77 auf seiner Liste der reichsten Menschen der Welt. Al-Kharafi steckte Milliarden in das Projekt. Damit die Urlauber bequem anreisen können, ließ er wenige Kilometer entfernt den internationalen Flughafen Marsa Alam bauen. Für die Eröffnung Port Ghalibs am 6. November 2009 wurde die Popsängerin Beyoncé eingeflogen.

Doch dann brach die Revolution in Ägypten aus, und im April 2011 starb der Patriarch. Der Kharafi-Konzern ließ erst mal die Bauarbeiten stoppen. Ein junger Mann führt durch das pseudo-pharaonische Portal mit Zugbrücke ins „Intercontinental“, eines der drei Luxushotels, die um einen riesigen Pool gruppiert sind. Die Sonnenliegen sind ebenso leer wie das Marmorfoyer und das orientalische Spa. Wie viele der 308 Zimmer belegt seien? „Nur wenige“, wispert ein Hotelangestellter nervös lächelnd.

Für die Taucher hat die Krise auch Vorteile

Vom Jachthafen starten weiter jede Woche die Schiffe ihre Rundtouren zu den Weltklassetauchplätzen der Brother Islands und des Daedalus Reef. Aber es sind weniger als vor dem politischen Umsturz. Einige Restaurants, Cafés und Läden im Basar haben geschlossen. Die nicht endenden Unruhen bringen das strauchelnde Projekt Port Ghalib weiter in Bedrängnis. Dabei schien sich die Lage in den Badeorten der Region Marsa Alam nach dem Sturz Mursis zunächst zu bessern.

„Plötzlich war die Benzin- und Dieselknappheit erledigt, die ständigen Stromausfälle blieben aus“, erzählt Kai Dunkelmann. „Keine kilometerlangen Schlangen an der Tankstelle mehr. Die Bevölkerung war glücklich.“ Dunkelmann leitet die Tauchbasis der Coraya Divers, eine Viertelstunde Fahrt von Port Ghalib entfernt. Sie gehört zu einem Komplex von fünf Hotels, die sich um eine Bucht scharen.

Als der erste Demonstrant in Hurghada starb und das Auswärtige Amt Mitte August auch von Reisen ans Rote Meer abriet, wurde es hier sehr ruhig. „Viele Hotels und Tauchcenter haben ganz geschlossen“, erklärt Dunkelmann. Mittlerweile sei rund die Hälfte der vielen Betten wieder gefüllt, sagt Dunkelmann. Schnorchler und Taucher watscheln wieder über einen Betonsteg zur Kante des Hausriffs. Ein Esel zieht den Karren mit den Pressluftflaschen, er ist wahrscheinlich der am meisten fotografierte Esel Ägyptens.

Das Korallenriff erinnert an den Wall einer verwitterten Unterwasserburg mit Zinnen, Erkern und Geheimgängen. Blaupunktrochen wuseln durch den Sand, ein Adlerrochen schwebt vorbei, eine Schildkröte stößt sich, aufgeschreckt durch ein Motorboot, mit energischem Flossenschlag abwärts.

Coraya Divers ist eine gut geölte Tauchfabrik, bis zu 320 Taucher am Tag können hier abgefertigt werden. Jeden Tag jagen die Zodiacs hinaus zu den Topspots. Zum Dolphin House, wo die Delfine nach der Jagd im Schlaf ihre Achten drehen. Nach Umm Elros, wo Seekühe am Meeresgrund grasen. Und natürlich nach Elphinstone, dem legendären Riff weit draußen im Meer, wo an guten Tagen Schwärme von Hammerhaien durchs Blau ziehen. Früher ankerten hier manchmal mehr als 20 Tauchboote, jetzt geht es unter Wasser deutlich entspannter zu. Zumindest für die Taucher hat die Krise auch Vorteile.

Bei den Bootsfahrten entlang der Küste sieht man die Skelette der halbfertigen Hotels. Nach der Revolution ging vielen Investoren das Geld aus. Wie Mahnmale gegen die Gier des Massentourismus stehen die Bauruinen nun in der Wüste. Ob sie die Erben des Patriarchen zum Nachdenken bringen, ist fraglich. Im Januar 2014 sollen die Bauarbeiten in Port Ghalib weitergehen.

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