Ägypten : Gott in der Wüste

Ägypten hat Kairo, die Pyramiden, den Nil. Es gibt auch Klöster. Vor allem Muslime interessieren sich dafür.

Gerd W. Seidemann
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Kloster Bischoi. Koptische Mönche leben nahezu autark in ihren wehrhaften Anlagen im "Natrontal" nordwestlich von Kairo. Besucher...Foto: laif

Sein Ruf tönt wie Donnerhall: „Bayrisch!“ – und hört sich schon etwas fremd an in Ägypten. Doch damit Reiseleiter Achmed Ragab seine Gäste im Gewühl von Kairo, im Chaos der oft aberhundert Touristengruppen bei den Pyramiden oder am viel besuchten Koptenkloster im Natrontal nicht verliert, versucht der rundliche Mann auf diese Weise, seine Schäfchen zu sammeln. Der Muslim Achmed steht seit mehr als 20 Jahren in Diensten des Bayerischen Pilgerbüros und führt seine deutschen Gäste zu weltlichen Sehenswürdigkeiten und spirituell interessanten, auch christlichen Orten in ganz Ägypten. „Außer mir ruft hier niemand ,Bayrisch!‘“, sagt Achmed. „So wissen alle gleich Bescheid, wo es langgeht.“

Im Ägyptischen Museum in Kairo klappt Achmeds Methode allerdings nur eingeschränkt. Dort, wo (fast) alle andächtig die Kunstschätze des alten Ägypten bestaunen, mag auch Achmed seinen Ruf nicht schmettern. Er hat für diese Station zwei Stunden eingeplant und gibt sich redlich Mühe, seine Stimme während der Führung im Zaum zu halten. Was auch im Wesentlichen gelingt. Doch da mancher Besucher dazu neigt, für sich eine ruhige Nische zu finden, sich in ein Objekt zu vertiefen, verabredet sich Achmed mit abschweifenden Schäfchen am Ausgang, wo niemand sein „Bayrisch“ überhören wird.

Das Zauberwort in diesem Museum heißt: Beschränkung. Vielleicht nur die „Rosinen“ herauspicken. Etwa die ältesten Dokumente der ägyptischen Geschichte (um 3000 vor Christus), die Grabausstattung des Tutenchamun inklusive Goldmaske oder die erkleckliche Sammlung so wundersam erhaltener Mumien? Es ist schier unmöglich, bei einem einzigen Besuch, schon gar nicht in zwei Stunden, alles zu erfassen. Das liegt jedoch nicht allein an der erdrückenden Fülle des Ausgestellten. Vor allem die Art der Gesamtpräsentation erscheint so konfus, dass sich Erstbesucher schwer zurechtfinden. Total überfrachtet ist das Haus mit schlecht ausgeleuchteten und noch lausiger beschrifteten Exponaten, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hier buchstäblich angehäuft wurden. Eine Schande, denkt mancher, dass so viel Außergewöhnliches so miserabel präsentiert wird. Ägypter selbst sprechen ironisch von der „wertvollsten Rumpelkammer der Welt“.

Kairo hat das Problem erkannt: Ein neues Haus muss gebaut werden. Als „Großes Ägyptisches Museum“ soll es dereinst glänzen. Das vorgesehene Riesengrundstück sehen wir auf dem Weg nach Giseh. Die Schilder mit Hinweisen auf das, was entstehen soll, sind aufgestellt. Der Grundstein ist seit 2002 gelegt. Allerdings ist das schon wieder so lange her, dass die Baustelle allem Anschein nach in Vergessenheit geraten ist. Nun, 2011 oder 2012 soll alles fertig sein. Erzählt man hier so …

Die Busfahrt zu den Pyramiden offenbart das vielleicht größte Problem Kairos, der „Siegreichen“: Die gut 16 Millionen Einwohner sorgen – bis auf wenige Nachtstunden – für ein einzigartiges Verkehrschaos. „Überhöhte Geschwindigkeit“ als mögliche Unfallursache ist hier ausgeschlossen, Schritttempo das Maß für alle Verkehrsteilnehmer. Und so bleibt dem Besucher ausreichend Muße, aus der hohen Warte des Fensterplatzes im Bus den Alltag von Kairo zu bestaunen. Neben der faszinierend vibrierenden Geschäftigkeit auf Straßen, Gehwegen und in offenen Werkstätten fallen dem Mitteleuropäer drei Dinge ganz besonders auf: starke Polizeipräsenz allerorten, unfassbar viel (Plastik-)Müll und – anders als noch vor Jahren – kaum Frauen ohne Kopftuch.

Der Andrang bei Pyramiden und Großer Sphinx hält sich am frühen Morgen noch in Grenzen. Die hochgerüsteten Sicherheitsposten reiben sich eben den Schlaf aus den Augen, die „Kontrolle“ der Besucher fällt entsprechend aus. Und dann steht man tatsächlich im Wüstenstaub vor diesen Weltwundern. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht einen. Ist es Ehrfurcht, Bewunderung? Schwierig einzuordnen. Auf jeden Fall besteht jetzt das Bedürfnis, abseits der Gruppe seine Gedanken zu sammeln, einen Moment allein zu sein, den Anblick nach ein paar hundert Schritten hinaus in die Wüste aus der Entfernung auf sich wirken zu lassen.

Vergiss es! Hier macht keiner einen Schritt allein. Irgendein Said, Marik oder Ali heftet sich jedem Besucher an die Fersen, mit Minipyramiden, Papyrusrollen, Sesamkringeln oder einem Kamelritt im Angebot, unterstützt von wilden Wortgewittern, die um die drei weltweit verwendeten deutschen Bs donnern: Beckenbauer, Ballack, billig. Nein, keine Klage. Den Jungs wäre sicher auch eine Ausbildung und die Aussicht auf einen vernünftigen Job lieber. In ihren Augen ist das oft unschwer zu lesen. Auch wenn’s schwerfällt: Für sie muss der Tourist Verständnis aufbringen. Für ihre politisch Verantwortlichen eher weniger.

Dann ist es schon wieder so weit. „Bayrisch!“, schallt es von weitem. Au ha. Adieu Chephren-, Cheops- und Mykerinos-Pyramide, auf Wiedersehen Sphinx. Es hätte so schön sein können.

Wunder ganz anderer Art hat Achmed in der Wüste Sketis auf dem Plan. Im Wadi an Natrun („Natrontal“) gut 100 Kilometer nordwestlich von Kairo sind die einzig verbliebenen Bewohner die Mönche vier verschiedener koptischer Klöster. Andere Ansiedlungen sind zerstört.

Vor dem Kloster des heiligen Bischoi (Amba Bischoi) begrüßt uns Pater Cedrack , ein drahtiger Mittfünfziger mit Rauschebart. Er spricht ein seltsam getragenes Deutsch. Der studierte Tierarzt hat erst relativ spät im Leben seine Berufung gefunden, war seitdem jedoch in christlicher Mission auch länger in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu seiner täglichen Arbeit im Kloster gehört es, Führungen zu leiten. „Ja, Besucher kommen reichlich. Im Sommer manchmal bis zu 15 000 am Tag. Vor allem Muslime“, sagt er. Das freue ihn, „schließlich betrachte ich Muslime als meine Brüder, denn ich bin zuerst Ägypter, dann Christ“. Führer Achmed nickt und strahlt.

Gleichwohl, das heutige Miteinander von Muslimen und Kopten in Ägypten sei nicht so einfach, fährt der Mönch fort. „Die normalen Menschen kommen, um unser Kloster zu besichtigen, so wie man sich in Deutschland mal eine Burg anschaut; sich mit ihnen hinsetzen und über Glaubensdinge reden ist jedoch unmöglich, weil sie nicht tolerant sind.“ Achmed schaut nun doch etwas unglücklich drein. Obwohl etwa zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung orthodoxe Christen seien, akzeptiere man sie nur bedingt: „Wir haben nicht die gleichen Rechte“, klagt der Pater, er sehe die Existenz der Kopten akut in Gefahr. Weder bei der Besetzung politischer Ämter noch vor Gericht herrsche Chancengleichheit zwischen Muslimen und Christen. Jetzt wirkt Achmed etwas angefressen. „Einspruch!“, tönt er. Es folgt ein verbales Scharmützel. Achmed zählt Beispiele auf von Kopten, die sehr wohl öffentliche Ämter bekleiden. „Einzelne Feigenblätter“, argumentiert Cedrack. Schließlich einigen sich Muslim und Mönch auf die Formel: Mehr gegenseitiger Respekt ist nötig. Und dann zeigt uns der Pater doch noch sein Kloster. Ein Schmuckstück, fürwahr. Umgeben von einer stattlichen Mauer, liegt die Anlage eingebettet in eine fruchtbar gemachte, blühende Wüstenlandschaft. Die Basilika ist gut erhalten, dazu gibt es drei weitere Kirchlein, einen Fluchtturm und alte, nicht mehr genutzte Zellen. Einige der hier lebenden 165 Mönche eilen geschäftig durch die Anlage. Gebetsandachten finden schließlich nur um 4 und 16 Uhr statt, jeweils anderthalb Stunden. Der restliche Tag ist mit Arbeit in Feld und Werkstatt ausgefüllt.

Zurück in Kairo, hat Achmed, Führer hunderter christlich geprägter Reisegruppen, noch ein „Schmankerl“ in petto: den Besuch einer katholischen Mädchenschule. Auch Achmeds Tochter Laila geht in die 10. Klasse der Deutschen Schule der Borromäerinnen (DSB). Von etwa 800 Schülerinnen in der Ordensschule kommen bis auf etwa zehn alle aus ägyptischen Familien, davon knapp zwei Drittel aus muslimischen. „Die anderen Eltern und ich machen das, weil wir einerseits tolerant sind und andererseits wissen, dass unsere Kinder etwas lernen müssen, wollen sie im Leben bestehen“, sagt Achmed. Das Schulgeld nehme er in Kauf, bevor sein Kind an einer öffentlichen Schule in Kairo „mit 40, 50, 60 Schülern in der Klasse“ sitze – und nichts lerne.

Vera (ihre Mutter ist Schweizerin) und Noha besuchen seit dem Kindergarten die DSB und stehen jetzt kurz vor dem Abitur. Da nur Geschichte auf Arabisch gelehrt wird, ist ihr Deutsch makellos. Wie ist es so, als Muslimin eine deutsche, noch dazu eine katholische Schule zu besuchen? Die beiden müssen lachen. „Religion spielt ja hier in der Schule und auch bei uns zu Hause eher eine untergeordnete Rolle. Das Akademische steht im Vordergrund, und da sind wir hier bestens aufgehoben“, sagt Noha. Vera ergänzt, ihren Eltern habe das deutsche Schulsystem gefallen, vor allem auch mit den betonten Sekundärtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung. Und nach dem Abitur? „Jura.“ „Business administration, also Betriebswirtschaft.“ Keine weiteren Fragen.

Schulleiter Walter Ritter, seit 2007 auf einem zweiten „Törn“ als Lehrer in Ägypten, ist begeistert von seiner Aufgabe. „Als lang gedienter Gymnasialmann noch mal Verantwortung auch für Kindergarten, Vorschule und Grundschule zu übernehmen, das ist toll.“ Ihn plagt allerdings eine Sorge. Es sei schwierig, deutsche Kollegen für ein paar Jahre an den Nil zu locken. „Viele lehnen den Nahen Osten als ,zu schwierig‘ ab.“ Dabei sei diese Erfahrung nicht mit Geld zu bezahlen.

Der Abschied von einem Stück heile Welt im Moloch Kairo naht. Achmed drückt seine Tochter noch einmal, dann wird es ernst. „Bayrisch!“, schallt es über den Schulhof.

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