Bhutan : Am Himalaya wächst das Glück

In Bhutan hat der König im Jahre 1974 das Wohl seiner Untertanen per Dekret angeordnet. Seitdem will keiner fort.

Harald Stutte
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Ausgelassen turnt dieser Novize auf einer Mauer außerhalb seiner Klosterburg in Paro. Rund 15 000 Mönche gibt es im Land. Foto:...

Thuktea Jamtsho sitzt im Atelier über einem Thangka-Gemälde. Musik aus seinem iPod hilft ihm, sich auf das Rollbild mit mythischen Szenen aus dem tantrischen Buddhismus zu konzentrieren. Der 19-Jährige ist Meisterschüler für Malerei im National Institute for Zorig Chusum in Bhutans Hauptstadt Thimphu. Der kleine Himalayastaat, eingezwängt zwischen Tibet und Indien, scheint eine Insel der Glückseligen zu sein, fern aller weltweiten Krisenstimmungen. Die Untertanen des 30 Jahre alten „Drachenkönigs“ Jigme Khesar Namgyel Wangchuck jedenfalls zeigen sich in Umfragen mit ihrem Los mehr als zufrieden, betrachten es als großes Glück, in Bhutan leben zu dürfen.

Thukteas Bild zeigt einen Elefanten, auf dem Affe, Hase und Vogel sitzen – es erzählt die Fabel der vier harmonischen Freunde des Buddhismus. Während der junge Mann aus dem Dorf Samdrup Jongkhar mit Goldfarbe und Engelsgeduld die feinen Pinselstriche setzt, hört er Metallica. Auf die Frage, was Glück für ihn bedeute, antwortet er erst nach einer Pause: „Ich möchte ein Maler werden, einer der besten des Landes.“ Ansonsten versichert er, Glück zu empfinden, wenn die Kopie eines Thangka-Bildes so perfekt wird, dass sie von der Vorlage nicht mehr zu unterscheiden ist.

Von Krise spricht in Bhutan in diesen Tagen niemand. Einerseits, weil das Land im toten Winkel der globalen Waren- und Finanzströme liegt. Andererseits, und das ist weltweit einzigartig, ist das allgemeine Glück der Untertanen seit mehr als drei Jahrzehnten ganz offiziell höchstes Ziel der königlichen Regentschaft. König Jigme Singye Wangchuck, Vater des heutigen Monarchen, hatte 1974 die stetige Steigerung des „Bruttosozialglücks“ angeordnet. Was für europäische Ohren ein wenig nach Pekingoper klingt, nach einstudiertem, maskenhaften Fröhlichsein fernöstlicher Prägung, war ursprünglich als buddhistische Antithese zu der in der westlichen Welt vorherrschenden Jagd nach mehr Effizienz, höherer Produktivität, höherem Profit gedacht. Und zwar lange bevor eine globale Wirtschafts- und Finanzkrise die Welt infizierte.

Im Zentrum der Politik soll das Glück des Einzelnen stehen, das sich nicht materiell definieren lässt. Analog zum buddhistischen Grundgedanken: Versuche nicht, deinen Appetit nach irdischen Begierden zu stillen, sondern finde die innere Balance. Zugegeben, für Europäer klingt das eher befremdlich: Glück, das Gefühl innerer Zufriedenheit, als Ziel der Politik – kann das funktionieren?

Im Dorf Isuna nahe Paro leben die 13-jährige Tshering und ihre drei Jahre ältere Schwester Gyem Lhaden. Es ist Nachmittag, die beiden Mädchen kommen soeben aus der Shaba Highschool, haben einen acht Kilometer langen Fußmarsch hinter sich. Wie an jedem Wochentag. Sie tragen die Kira, die traditionelle Kleidung der Frauen, ein knöchellanger, gewickelter Mantel. Wie alle Schulkinder haben sie neben ihrem Schulrucksack auch ein Thermo-Eimerchen für das Mittagessen dabei. Darin befindet sich stets Emadatse, das aus rotem Reis, Chili und Käse bestehende Gericht.

Befragt nach ihren Wünschen und Sehnsüchten, sagt Tshering, dass sie einmal Ärztin werden möchte. Glück bedeutet für sie, ihre Eltern glücklich zu machen – ansonsten fehle ihr nichts im Leben und sie könne sich keinen schöneren Platz vorstellen als das Bauernhaus ihres Großvaters Phub Sandup, in dem sie mit neun weiteren Mitgliedern der Großfamilie lebt. Eine Reise nach New York, Rio, Tokio – Tshering schüttelt den Kopf. Die Schweiz fände sie ganz interessant. Aber auch nur, weil sie Bhutan so ähneln soll. „Ich habe im Fernsehen eine Reportage über das Land gesehen, alles dort hat mich sehr an Bhutan erinnert. Auch die Schweiz ist klein, bergig, sehr ordentlich, mit Kühen, Bergwiesen und massiven Bauernhäusern“, begründet sie.

Und tatsächlich erinnern in Bhutan nicht nur die Größe des Landes und seine geografische Beschaffenheit an die Eidgenossenschaft. Die beiden Völker ähneln sich auch in dem, was in der Schweiz „Réduit-Mentalität“ genannt wird – dem Gefühl, sich gegen äußere Einflüsse schützen zu müssen und Traditionen zu bewahren.

In Bhutan kleidet man sich traditionell: Frauen tragen die Kira, Männer den Gho, ein knielanges, längs gestreiftes Kleid, das ein wenig an einen Bademantel erinnert und mit einem Gürtel zusammengehalten wird. Die Menschen essen traditionell: Emadatse, das Nationalgericht, mit rotem Hochlandreis serviert.

Viele Menschen, vor allem im Osten Bhutans, sind Selbstversorger und leben von dem, was auf ihren überschaubar großen Feldern wächst. In der Mehrzahl sind die Menschen nach unseren Maßstäben zwar arm. Elend oder gar Hunger, wie man ihn aus den Nachbarstaaten kennt, sind jedoch in Bhutan ebenso wenig zu finden wie ein großes soziales Gefälle. Sieht man doch einmal Siedlungen, die an Slums erinnern, wohnen dort zumeist die hier rechtlosen indischen Gastarbeiter. Sie dürfen Aufgaben verrichten, für die sich ein Bhutaner nicht hergeben würde: das Bauen von Straßen zum Beispiel. Ethnisch fühlt sich die Bevölkerungsmehrheit vom Volk der Bhutija den Tibetern verwandt. Indische Truppen im Land sollen dafür sorgen, dass ihnen das Schicksal ihrer Brüder und Schwestern im Norden erspart bleibt – alle Grenzen zum gefürchteten Nachbarn China sind geschlossen.

Dass der Weg zum Glück jedoch manchmal auch steinig sein kann, erfährt der 15-jährige Tandin. Im schattigen Innenhof der Klosterfestung Rinpung Dzong im Herzen der Stadt Paro sitzt der Teenager und verkauft Amulette an Besucher. Für einen Dollar veräußert der Novize verschnörkelte Messinganhänger an einem safrangelben Bändchen, die dem Käufer wahlweise Glück, Gesundheit, Zufriedenheit bescheren sollen. Ganz nebenbei studiert er Mantras, buddhistische Formeln, die er vor sich hin murmelt. Noch vor vier Tagen war es für Tandin das größte Glück, mit den Freunden im Heimatdorf Trongsa fern in Zentralbhutan Fußball zu spielen. Sein Idol – und das verbindet ihn mit Gleichaltrigen in Berlin, Kapstadt oder Bogota – war Cristiano Ronaldo von Real Madrid. Doch seine Eltern haben entschieden, ihn in ein Kloster zu schicken, damit er ein Mönch wird, so wie 15 000 seiner Landsleute. Jetzt lebt Tandin gemeinsam mit 300 Mönchen im Dzong, wie die Klosterburgen heißen.

Sein Tag beginnt um drei Uhr morgens mit Gebeten und Prostrationen, was bedeutet, sich, im Gebet auf dem Boden liegend, dem Erleuchteten völlig hinzugeben. Er hat es schwer, denn die älteren Novizen ärgern ihn oft und lassen ihn die unbeliebten Arbeiten verrichten. „Glück ist für mich, wenn ich eines Tages mein eigener Lehrer bin“, versichert er.

Auch Daniel Allendy und seine Freundin Marie sind auf der Suche nach Glück. In einer Lebenskrise entschieden sie sich, nach Bhutan zu reisen. Seine Londoner Bank schickte den 32-jährigen Devisenhändler in Zwangsurlaub – Finanzkrise. Das junge Paar sieht sich als Opfer einer aus dem Ruder geratenen, manisch unersättlichen Welt. Und so war es für beide ein tiefes Bedürfnis, in einem Land neue Lebenskraft zu tanken, das sich in nahezu allen Belangen von ihrer bisherigen Welt unterscheidet. Im malerischen Hotel Uma Paro sitzen sie bei einem Glas Rotwein, schauen auf die Holz- und Schieferdächer von Paro unten im Tal und essen mit Yakkäse gefüllte Tortellini. Morgen wollen sie auf eine einwöchige Tour mit Eseln und Zelt in die Berge aufbrechen. Daniel sagt, er habe es bereits in London gespürt, doch hier in Bhutan sei der Entschluss endgültig gereift: „Ich werde nicht mehr als Banker arbeiten können. Zu fremd ist mir diese abstrakte Welt geworden.“

Vielleicht liegt es an der Höhenluft, am Anblick dieser berauschend schönen Landschaft, an den dutzendfach in Klöstern gemurmelten Mantras, am Glöckchengebimmel tausender Gebetsmühlen, an den Räucherstäbchenschwaden, an einem Land, in dem das öffentliche Leben in Zeitlupe zu fließen scheint. Es ist ein Rausch der Farben aus roten Mönchsroben, bunten Gebetsfahnen, goldenen Dächern und Statuen: Bhutan weckt irgendwann auch in Großstadtneurotikern die Suche nach den tieferen Geheimnissen des eigenen Ichs. Daniel Allendy, der Ex-Broker auf der Flucht vor einer aus den Fugen geratenen Welt, zieht eine ganz persönliche Bilanz: „Zum verschwindend kleinen Kreis der Bhutan-Besucher zu gehören und diesen Teil der Welt für mich entdecken zu dürfen – allein das bedeutet für mich, ein glücklicher Mensch zu sein.“

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