Chellah : Magie der Nekropole

Eine Mischung von Natur und römischen sowie islamischen Ruinen macht Chellah zu einem magischen Ort. Lange galt er als heilig und war nur gläubigen Muslims vorbehalten.

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Vor den Toren Rabats liegt die merinidische Totenstadt Chellah aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde auf den Überresten der römischen Siedlung Sala Colonia errichtet.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Rolf Brockschmidt
01.05.2010 15:33Vor den Toren Rabats liegt die merinidische Totenstadt Chellah aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde auf den Überresten der römischen...

Es ist ein magischer Ort. Unweit der braunroten Stadtmauer die Rabat umgibt, am Stadttor Bab Zaer, liegt auf einem sanften Hügel ein ummauerter Komplex mit einem prächtigen, von zwei achteckigen Türmen flankierten Eingang. Noch eine Stadt so nah der Stadtmauer von Rabat? Doch nichts ist zu sehen, nur Palmen und Bäume recken sich über die zinnengeschmückte Mauer. Durchschreitet man das Tor und biegt rechts um die Ecke, sieht man erst nichts als wucherndes Grün, üppige Bäume, Sträucher. Die Wächter lächeln freundlich, freitags ist der Eintritt frei. Ein botanischer Garten? Das Tor sieht wehrhaft aus. „Ich suche ein Refugium bei Allah gegen Satan, den Gesteinigten“, steht auf einer kufischen Inschrift am Tor. Folgt man dem Weg, geht es den Hügel hinab, links und rechts üppiges Grün und von einer Terrasse aus schweift der Blick über das Minarett einer Moschee, über Ruinen, muslimische und römische, die weiter unten am Hang liegen. Und dann schweift der Blick über diesen merkwürdigen Gebäudekomplex hinaus auf das gegenüberliegende Ufer des Bou-Regreg, der Rabat von der ehemaligen Piratenhochburg Salé trennt und im flirrenden Dunst der Mittagssonne verschwindet. Etwas huscht über den Kopf, ein Storch steuert im Tiefflug sein Nest hoch oben auf einem Baum an. Doch er ist nicht der einzige, der sich hier in den Bäumen niedergelassen hat. Klak-klak-klak-klak klappert es auch aus den anderen Wipfeln entlang der Mauer, die den Komplex weiträumig umgibt.
Die Mischung von Natur, römischen und islamischern Ruinen mit den vielen Störchen macht Chellah zu einem magischen Ort. Lange galt er als heilig und war nur gläubigen Muslims vorbehalten. Jetzt ist Chellah ein Ort der Ruhe und Besinnung, wo man seine Gedanken schweifen lassen kann.


Als die Berberdynastie der Meriniden Marokko erobert hatte, ließ Sultan Yakub hier, wo einst die Römersiedlung Sala Colonia gelegen hatte, im 13. Jahrhundert einen Friedhof anlegen. Warum er das ausgerechnet hier tat, weiß niemand. Vielleicht waren es die römischen Ruinen, vielleicht auch die Lage außerhalb der Stadt, wo man fern des Trubels seine Ruhe finden konnte. Im Laufe der Zeit kamen zwei Marabout-Gräber mit ihren typischen weißen Kuppeln dazu. Daneben entstandt eine Zaouia, eine Sufi-Gemeinschaft mit Moschee, Koranschule und Unterkunft. Hier liegen auch Sultan Abu Youssef Yakoub und seine Frau begraben. 1339 hat Sultan Abou Al-Hassan die große Umfassungsmauer und das prächtige Tor bauen lassen und damit die Nekropole Chellah geschaffen – so wie sie sich heute zeigt. 1755 hat ein Erdbeben die Anlage zum Teil zerstört, seitdem wurde sie aufgegeben.

Ist man den Hügel hinabgestiegen, erkennt man noch an den mächtigen Grundmauern und den gewölbten Bögen die einstigen Magazine der Römersiedlung. Eine Schulklasse wuselt über das Gelände mit Arbeitsblättern in der Hand, die Lehrer ruhen im Schatten der mächtigen Bäume und schauen ihren Schülern zu. Ein Fernsehteam des 2. marokkanischen Kanals richtet seine Kamera Richtung der zugewachsenen Mauer hinter den Marabout-Gräbern. Unzählige weiße Tupfer zieren das grüne Dickicht an der großen Mauer – bei näherem Hinsehen zeigen sich Ibisse, hunderte von diesen weißen Vögeln bewohnen das Grün, das sich hier an die Mauer schmiegt.

Die Mauern der kleinen Moschee sind stehen geblieben, der üppige Mosaikschmuck ist weitgehend abgefallen und verschwunden. Vor einer stehengebliebenen reich verzierten Backsteinwand liegen die Gräber von Abu Al-Hassan und seiner Frau Chams Al-Doha, das heißt „Morgensonne“, eine konvertierte Christin mit dem Beinamen Lalla Chellah, die über Jahrhunderte verehrt wurde.
Über alles ragt das viereckige Minarett mit seinem schlanken, ebenfalls viereckigen Oberteil, das wie ein Schornstein auf dem breiten Turm sitzt und noch mit Mosaiken verziert ist. Hoch oben auf dem Minarett hat sich ein Storchenpaar ein Nest gebaut. Jenseits des Minaretts erstreckt sich die Koranschule, wo noch deutlich zu sehen ist, wie die kleinen, fast quadratischen Studierstuben der Schüler sich um einen länglichen Hof scharen, in dessen Mitte ein mosaikverziertes Wasserbecken zu erkennen ist. Hier bekommt man eine Ahnung, wie dieser heilige Rückzugsort der Sufis einst ausgesehen haben muss.
Hinter dem Moschee-Komplex wuchert üppiges Grün. Steigt man ein paar Stufen hinab, führt ein Pfad entlang der Mauer, links und rechts wachsen Bambus, Trompetenbäume, Hibiskus, Yucca und viele andere exotische Pflanzen. Hier hat sich General Lyautey, als Marokko 1912 französisches Protektorat wurde, eine Art botanischen Garten angelegt.
Er grenzt an die Mauer, von der aus man über kleine üppige grüne Gärten schaut, in denen Bauern ihr Gemüse anpflanzen. Auf dem gegenüberliegenden Hügel weiden Kühe, in den Baumwipfeln sind unzählige Storchennester zu sehen. Manchmal hört man ihr Klappern, manchmal segelt einer elegant über die Anlage hinweg, die auf den Besucher einen eigenartigen Reiz ausübt. Neben der Moschee befinden sich zwei Marabout-Gräber. An einem liegt ein gefasstes Wasserbecken, in dessen gemauerten Rundbogen sich Aale verstecken. Eine Frau sitzt am Becken und hat einen Teller vor sich stehen, auf dem einige Dirham liegen. Gegen einen Obulus bietet sie ein paar Stücke hart gekochter Eier an und bedeutet, sie in das Wasserbecken zu werfen, in dem schon unzählige Münzen liegen. Kaum fallen die Eierstücke ins Becken, schießen die Aale aus einer Ecke hervor und schnappen sich die Leckerbissen. Die Fische gelten als heilig und sollen Frauen beim Kinderwunsch helfen.
Auf dem Weg zurück zum Ausgang schweift der Blick noch einmal über den gelb blühenden Hang mit den römischen Ruinen, den spielenden Kindern, der Moschee und den Störchen. Ein paar Ibisse steuern das dichte Grün an. Die eigentümliche Stimmung dieses Ortes wirkt merkwürdig beruhigend, der Besucher entschleunigt, der Ort übt unweigerlich einen besonderen Reiz auf den Besucher aus. Heute ist Chellah eine Touristenattraktion, wenngleich sie auch abseits der üblichen Wege durch Rabat liegt. Oben an der Avenue Moussa Ibn Nossair, die entlang der Stadtmauer von Rabat führt, hat einen die Wirklichkeit wieder. Der Verkehr braust an der Stadtmauer vorbei, ein Polizist unter einem weißen Sonnenschirm am Bab Zaer überwacht den Verkehr. Schaut man zurück, liegt dort friedlich auf dem grünen Hügel Chellah, die magische Nekropole der Meriniden.

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