Kenia : Hier ist immer was im Busch

Im Tsavo-Nationalpark von Kenia wohnen Touristen in komfortablen Camps. Mit Tieren vorm Zelt.

Beate Köhne
Kenia
Tsavo-Nationalpark: Hochbetrieb an den Wasserstellen. -Foto: Mauritius Images/ Friedel Gierth

Ein warmer Wind streichelt die Fieberakazien und lässt die Luft über dem See flirren. Vollmond beleuchtet Blätter, Treibholz und Baumstümpfe. Eine Fledermaus gleitet über die Veranda, kurz darauf folgt eine zweite. Zikaden und Frösche übertönen sich gegenseitig in ihrem lautstarken Konzert. Ein ruhiger, friedlicher Abend im Tsavo-Nationalpark von Kenia.

Trotz der scheinbaren Idylle hat Timothy strengstens verboten, das Zelt zu verlassen. Zunächst hatte er noch die Lichtschalter und die Minibar gezeigt. Das riesengroße Safarizelt hat gottlob auch ein gemauertes Bad, ein mit Palmwedeln gedecktes Dach, eine Veranda mit Blick auf den See – und überhaupt allen erdenklichen Komfort. So kann sich auch ein angeordneter Aufenthalt als außerordentlich angenehm erweisen. Das Verbot ist nämlich ernst gemeint. Im vergangenen Jahr soll ein Gast verwarnt worden sein: Wenn er sich nicht an die Regeln halte, zum Beispiel die Schilder mit der Aufschrift „Don’t go beyond this point“ – „Bis hierher und nicht weiter“ – nicht beachte, werde er der Lodge verwiesen. Und zwar unverzüglich.

Der Grund dafür liegt im Dunkeln: Eine Großfamilie Flusspferde und einige Krokodile leben im See. Was nicht heißt, dass sie immer nur im Wasser bleiben. Sobald die Sonne nicht mehr auf die Dornensavanne des Tsavo-West-Nationalparks brennt, kommen die Tiere an Land und wandern umher. Gern eben auch mal auf den Fußwegen des Finch Hatton’s Camp. „Flusspferde zählen zu den gefährlichsten Tieren Afrikas“, hat Timothy gewarnt, bevor er uns in der Abenddämmerung allein ließ, „sie sind zwar Vegetarier, aber äußerst angriffslustig.“ Pünktlich um acht Uhr werde uns jemand zum Abendessen abholen.

In den folgenden anderthalb Stunden auf der Veranda geht die Fantasie in der Dämmerung auf Safari. Schwimmt da nun ein Baumstamm im Wasser oder doch ein Krokodil? Sitzt dort ein Pavian, oder ist es nur ein Termitenhügel? Und was geschähe eigentlich, wenn auf einmal ein Skorpion oder eine Schlange im Zelt auftauchten? Einen stäche oder bisse? Ein Telefon gibt es nicht, und die Rezeption befindet sich nicht eben in Rufweite. Was wäre also schlimmer: die Schlange im Bett oder das Flusspferd auf dem Weg?

Pünktlich um acht kommt Steven und verscheucht alle tierischen Kopfgeburten. Er ist kein Mann großer Worte, doch immerhin bringt er Pfeil und Bogen mit. Mit einem freundlichen „Hello“ bittet er die Gäste aus ihren Zelten, schließlich kann er nirgends anklopfen. Im Gänsemarsch führt Steve die schnatternde Schar bis hin zum hell erleuchteten Speisesaal, an dessen Wänden Schwarzweißfotos aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen strahlenden Dennis Finch Hatton zeigen. Die Liebesgeschichte zwischen dem englischen Großwildjäger und der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen wurde weltberühmt, nachdem ihre Autobiografie verfilmt wurde und unter dem Titel „Out of Africa“ in die Kinos kam.

Finch Hatton, so sehr er den Luxus schätzte, hätte jetzt aber wahrscheinlich sein Gewehr geladen und sich draußen auf die Lauer gelegt: Ein Leopard soll in der Nähe der Lodge gesichtet worden sein. Als der Lebemann auf Pirsch ging – und das tat er am liebsten in der Tsavo-Savanne –, gab es in Kenia noch keine Nationalparks. Selbst 1948, als das riesige Gebiet als eines der ersten in Kenia unter Naturschutz gestellt wurde, konnten sich wohl weder Jäger noch Wilderer vorstellen, dass Touristen einmal 30 Dollar Eintrittsgeld täglich bezahlen würden, um Löwen, Elefanten, Zebras oder Flusspferde einfach nur beobachten zu dürfen.

Im Tsavo stehen die Chancen dafür ziemlich gut, auch wenn hier längst nicht mehr 40 000 Elefanten leben wie noch in den 60er Jahren, sondern höchstens 8000. Nicht nur Dürrekatastrophen, sondern vor allem Wilderer haben den bekanntesten Bewohnern von Tsavo West und Tsavo Ost zugesetzt, denn die Stoßzähne der Elefanten erreichen hier Rekordgröße. Das Schutzgebiet der beiden Nationalparks, halb so groß wie die Schweiz, ist schwierig zu kontrollieren, gerade in einem so dicht bewachsenen und hügeligen Gebiet wie dem Tsavo West am Fuß der Chyulu-Berge.

Anders als in der kargen Massai Mara, dem bekanntesten kenianischen Nationalpark, wachsen hier zahlreiche Bäume und Büsche, vor allem die Akazienart Ngoja Kidoga. „Wart ein Weilchen“ lautet die Übersetzung ihres Namens sinnigerweise, denn wen diese Akazie im Griff hat, den gibt sie erst nach einigem Gezerre wieder frei – ihre Dornen sind so lang wie Zahnstocher. Die Giraffen stört das nicht, sie knabbern den Akazien trotzdem die winzigen Blättchen ab, während sich Paviane und Elefanten lieber an die süßen Früchte der Doumpalmen halten, die sie an den Ufern des Tsavo River oder der Mzima Springs finden.

Es wächst der Arak- oder Zahnbürstenbaum, dessen frisch gepflückte Äste sich hervorragend zur Dentalhygiene eignen, der Leberwurstbaum mit seinen prallen, wurstähnlichen Früchten und natürlich auch die Schirmakazie, der bekannteste unter den afrikanischen Bäumen, in dessen charakteristischem Schirmdach die Nester der Webervögel baumeln. Bei klarer Sicht ist am Horizont der Kilimandscharo zu sehen – landschaftlich zählt der Tsavo ganz sicher zu den schönsten Parks in Kenia, und dank der vielen Flüsse und Wasserquellen finden hier zahlreiche Tiere Nahrung.

Offiziell beginnt die morgendliche Safari erst früh um sechs am Parkplatz. Doch der Weg vom Zelt zum Treffpunkt erweist sich schon als vielversprechender Auftakt: Es riecht, und zwar nach Katze. An drei Stellen hat der Leopard in der Nacht sein Revier markiert. Ohne Steven erscheint der Weg auf einmal sehr lang. Und wenn die Morgendämmerung für Flusspferde noch Dunkelheit bedeutet? Hinter einer Wegbiegung verharrt bereits regungslos eine Besucherin und hebt warnend die Hand: „Da vorne hat etwas gegrunzt!“ Den Fotoapparat in Bereitschaft, schleicht man schließlich vorbei und sinkt erleichtert in den Sitz des Jeeps.

Vom sicheren Wagen aus sind Katzen jeglicher Größe dann wieder willkommen – doch weder Löwe noch Leopard lassen sich heute blicken. Dafür flüchtet gleich hinter der Lodge eine Horde Paviane laut schimpfend in die Akazien. Impalas und die kleinen Dikdik-Antilopen zupfen nervös an Gräsern und beobachten den Jeep im Morgenlicht. Zebras streifen umher, und in der Ferne tauchen auch zwei der majestätischen rot gefärbten Elefanten auf, die ihre Farbe den Staubbädern in der eisenhaltigen Tsavo-Erde verdanken. Am Fuß der Chyulu-Berge schließlich, wo die Bäume dicht an dicht stehen, nimmt gerade ein Dutzend Giraffen sein dorniges Frühstück ein.

Und plötzlich steht er da: riesige Stoßzähne, ein Prachtexemplar unter den Tsavo-Elefanten. Mitten auf der rotstaubigen Piste wedelt er nachdrücklich mit den Ohren und bewegt sich dann so entschiedenen Schrittes auf uns zu, dass Driverguide Gimo schnell den Rückwärtsgang einlegt und den Motor aufheulen lässt, um zu zeigen, dass wir nicht einfach so von der Straße zu fegen sind. „Nein, wirklich gefährlich war das nicht“, wird Gimo später sagen. Da hat sich der Elefant schon in die Büsche geschlagen und Gimo ist mit beeindruckender Geschwindigkeit an ihm vorbeigebraust: „Von der Seite greifen sie am ehesten an.“

Als nach dem Abendessen im Camp dann etwas durchs Unterholz bricht, liegen schnell die Nerven blank: Mit hellem Aufschrei springen sich die Gäste gegenseitig auf die Füße. Steven bleibt ganz ruhig, längst hat er die Giraffe gesehen. „Hakuna matata“, sagt er, „kein Problem.“ Schließlich ist man glücklich auf der eigenen Veranda angekommen. Steven verschwindet in der Dunkelheit, die Mitreisenden im Schlepptau. Ein leises Kichern ist das Letzte, was von ihnen zu hören ist.

Jetzt ist wieder Zeit, dem Konzert der Zikaden und Frösche zu lauschen. Da platscht plötzlich etwas im See. Hat ein Krokodil sich sein Nachtmahl gesichert? Oder wuchtet sich jetzt das erste Flusspferd an Land? Wir werden es nicht erfahren. Mit einem Riesensatz sind wir im Zelt. Ratsch: Der Reißverschluss ist zu.

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