Malawisee : Ein Schiff für alle Fälle

Eine Woche dauert die Fahrt mit der "Ilala" über den Malawisee. Alltag für Afrikaner, doch für Touristen ist es ein außergewöhnliches Erlebnis.

Gunnar Rechenburg

Es ist bereits Nachmittag, als Kapitän Mudabana Nyoka das Zeichen zum Auslaufen gibt. Er steht auf dem Oberdeck und sieht, wie sich noch immer Menschen auf der Pier zu seinem Schiff drängen: Schauerleute, die das Gepäck verladen, Handelsreisende, Touristen. Eigentlich sollte die Reise am Morgen beginnen. Kapitän Nyoka zuckt mit den Schultern. „Den Menschen am See ist es nicht wichtig wann die ,Ilala‘ kommt, sondern dass sie überhaupt kommt.“ Und nach einer Weile fügt er hinzu: „Die ,Ilala‘ ist weit mehr als nur ein Schiff.“ Kapitän Nyoka blickt hinunter auf die Pier. „Sie ist eine Lebensader.“ Eine halbe Stunde später verlässt das Schiff langsam den Hafen von Monkey Bay, hinaus auf den offenen Malawisee.

Monkey Bay: ein Busbahnhof, ein Supermarkt, mehrere Shops und Bars, zwei Hotels und der Hafen. Es ist der Heimathafen der „Ilala“. 1875 kam dort das erste Schiff gleichen Namens an – zerlegt in alle Einzelteile. Ursprünglich war sie in Glasgow, Schottland, vom Stapel gelaufen. Der Entdecker und Missionar Robert Laws überführte sie dann nach Afrika. Über den Sambesi und den Shire-River gelangte sie tief ins heutige Malawi. Mehr als 800 Träger brachten das Schiff schließlich, zum Teil auf dem Landweg, nach Monkey Bay. Dort, am Südende des Sees, wurde 1951 auch die heutige „Ilala“ gebaut – als Transportschiff und Personenfähre.

Auf dem untersten Deck, der sogenannten Economy Class, lehnen Hendrix und Gilson an der Reling. Diese Klasse wird ausschließlich von einheimischen Händlern und Reisenden gebucht. Schlafplätze gibt es nicht, es ist eng und stickig, Weiße lassen sich dort selten blicken. „Schade eigentlich“, sagt Gilson. Er ist Seemann, genauso wie sein Freund Hendrix. Gilson arbeitet derzeit für eine der zahlreichen Nobellodges am Ufer des Sees, Hendrix ist Bootsmann auf der „Ilala“. Die beiden kennen sich von der Seefahrtsschule in Monkey Bay.

In der Anfangszeit der „Ilala“, erzählt Hendrix, hätten ausschließlich weiße Kapitäne das Schiff fahren dürfen. „Das hat aber immer wieder zu Problemen geführt, weil sie den See nicht kannten.“ Heute sind die einzigen Weißen an Bord Touristen.
Es ist bereits dunkel geworden über dem See, als die „Ilala“ die Stelle passiert, die ihr den Namen gegeben hat: eine Meerenge zwischen Ufer und einer Insel. Dort soll angeblich der britische Missionar und Forscher David Livingstone als Erster durchgesegelt sein. Sein Boot trug den Namen „Ilala“ – ein Ort in Sambia, in dem Livingstone 1873 starb.

Am Ufer sind nur vereinzelt Lichter zu sehen, ab und zu der schwache Schimmer eines Feuers. Auf dem Oberdeck hat die Bar eröffnet. Zu diesem Teil des Schiffes haben nur Passagiere Zutritt, die für eine Passage auf den oberen Decks bezahlt haben. An der Theke treffen sich also Europäer, Amerikaner und wohlhabende Malawier. Neben der Bar hängt ein handgeschnitztes Schild: „Crew only“. Dort beginnt Kapitän Nyokas Reich.

Die Brücke ist mit allen modernen Geräten zur Navigation ausgestattet. „Sonst ist das Schiff noch im Originalzustand“, erzählt er. Seit drei Jahren dient Nyoka auf der „Ilala“. Sie ist ihm ein zweites Zuhause geworden. Er wohnt in Mangochi, einem Marktflecken südlich des Sees, seine Frau stammt von dort. Die Tradition in Malawi verlangt, dass Männer bei der Heirat ins Dorf der Frau ziehen. Sechs Wochen ist er also dort, sechs Wochen auf der „Ilala“.

Eine Woche dauert die gesamte Fahrt von Monkey Bay nach Chilumba im Norden und zurück. 16 Orte am Ufer läuft die „Ilala“ bei einem Törn an, zwei auch in Mosambik. Die meisten haben keinen Hafen. Dort wird mit den Beibooten be- und entladen. Das ist Hendrix’ Job.

Der erste Stopp ist gegen 21 Uhr. Im Salon spült Jibi gerade die Teller, als die Boote zu Wasser gelassen werden. Dort haben die Passagiere der Oberdecks und die Offiziere der Besatzung die Möglichkeit, zu frühstücken und abends à la carte zu essen. Jibi bietet Hühnchen, Fisch oder Vegetarisches. Hendrix isst dort nicht, er gehört zu den unteren Mannschaftsgraden. Mit seinem Boot steuert er an Land. Am Strand, im Licht der Scheinwerfer warten Menschen dicht gedrängt. Neben ihnen stehen Körbe, Kisten, Koffer.

Das Be- und Entladen dauert mehrere Stunden. Die Touristen beobachten das Treiben vom Oberdeck aus. Kapitän Nyoka auch. „Für die Menschen am See ist die ,Ilala‘ die Gewissheit, dass sie ihre Waren transportieren und ihre Familien besuchen können“, sagt er fast beiläufig. „Für die Touristen allerdings, ist eine Fahrt mit der ,Ilala‘ eine Attraktion an sich.“ Zum Beispiel für Emily und Brian aus London. Sie sind seit mehreren Monaten im südlichen Afrika unterwegs. Die „Ilala“ soll sie von Monkey Bay auf eine der Inseln vor dem mosambikanischen Ufer bringen.

Oder Sandra, eine Deutsche aus dem Schwarzwald, die mehrere Wochen als Freiwillige in Malawi gearbeitet hat. Sie erfüllte sich mit der Fahrt einen Traum. „Mir geht es nicht darum, irgendwo hinzufahren, sondern ich wollte einfach nur das Schiff erleben.“

Die drei werden die gesamte Nacht auf dem Oberdeck verbringen. Die Reederei Malawi Lake Services hat zu der günstigen Economy Class zwei weitere Klassen für die gut zahlenden Touristen aus dem In- und Ausland eingerichtet. Sechs Kabinen gibt es an Bord: zwei Einzel- und vier Doppelkabinen. Bis auf die Passagiere, die die „Reederkabine“ gebucht haben, teilen sich alle anderen Cabin-Class-Reisenden eine Toilette und eine Dusche.

Die meisten Touristen fahren nur bis Nkhata Bay. Statt einer Kabine haben Emily, Brian und Sandra „Freiluft“ auf einer Schlafmatte gebucht. „Den afrikanischen Sternenhimmel über dem Lake Malawi“, sagen sie, „gibt’s gratis dazu.“

Der See ist der drittgrößte Afrikas (nach dem Tanganjika- und dem Victoriasee) und mit einer Fläche von mehr als 28 000 Quadratkilometern fast so groß wie Brandenburg. Er grenzt an Mosambik, Tansania und an das Land, das ihm den Namen gegeben hat: Malawi.

Bis 1964 gehörte das südafrikanische Land zum britischen Commonwealth. Heute ist es eine eigenständige Demokratie. Nach wie vor hat das Land vor allem mit der schlechten Ernährungslage zu kämpfen, die Aids-Rate ist hoch, die Lebenserwartung beträgt gerade mal 52 Jahre.

Industrie gibt es in Malawi nicht. Aber: Das Land ist einer der größten Tabak-Exporteure der Welt. Ebenso werden Zucker, Baumwolle und Tee angebaut – alles Produkte, die stark schwankenden Weltmarktpreisen unterliegen.

Da Malawi keinen Zugang zum Meer hat, ist die Regierung auf die Zulieferung aus Anrainerstaaten angewiesen. Etwa beim Treibstoff. Sowohl Tansania, Mosambik als auch Sambia liefern Benzin und Diesel nur gegen Devisen. Und die sind meistens knapp in Malawi. Oft müssen Auto- und Lastwagenfahrer tagelang vor Tankstellen Zwangspausen einlegen. „Das kann auch Folgen für uns haben“, sagt Kapitän Nyoka. In zwei Tagen will er in Nkhata Bay sein. Dort soll es angeblich Schiffsdiesel geben. „Wenn nicht, müssen wir warten.“

Das Überqueren des Sees von Süd nach Nord dauert drei Tage und zwei Nächte – und für manchen ist es die tropische Entdeckung der Langsamkeit. Insgesamt misst der See rund 570 mal 75 Kilometer, von Monkey Bay bis Chilumba sind es etwa 400 Kilometer, die allerdings in einem Zickzackkurs zurückgelegt werden. Dazwischen beladen, entladen, Frühstück oder Abendessen, lesen oder wie es die Besatzung in der Freischicht macht: spielen. Der Rhythmus auf der „Ilala“.

Nach zwei Tagen: Anlegen in Nkhata Bay. Mudabana Nyoka hat zwei Nächte nicht geschlafen, dennoch nimmt er seinen Landgang. Von der Safari Bar im Hafen von Nkhata Bay blickt er auf sein Schiff am Pier. Vor Stunden schon hat sie festgemacht, entladen wird noch immer: Kisten, Säcke, Körbe, Tiere und noch immer gehen Menschen von Bord. „Die ,Ilala‘ ist mehr als nur ein Schiff“, sagt er erneut. „Sie ist für viele Menschen am See die einzige Möglichkeit, Handel zu treiben. Das ist überlebenswichtig.“ Draußen vor der Tür der Safari Bar verkaufen Händler Gemüse aus dem Süden, Korbwaren von den Inseln und Kleidung aus Mosambik – Waren, die auch mit der „Ilala“ nach Nkhata Bay verschifft wurden. Und Käpt’n Nyoka ist erleichert: Heute gibt es Diesel, die „Ilala“ kann also pünktlich ablegen.

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ANREISE

Der Weg nach Malawi führt über Frankfurt am Main entweder mit Ethiopian Airlines via Addis Abeba nach Lilongwe oder mit South African Airways über Johannesburg nach Lilongwe beziehungsweise Blantyre. Mit etwas Glück gibt es Flüge schon ab 680 Euro. Mehr Informationen im Reisebüro.

Für die Einreise benötigen Deutsche einen gültigen Reisepass. Bei einem Aufenthalt von weniger als 90 Tagen ist kein Visum erforderlich.

Von Lilongwe respektive Blantyre nach Monkey Bay, dem Heimathafen der „Ilala“, fahren mehrfach am Tag Busse. Die Fahrt dauert gut fünf Stunden und kostet etwa fünf Euro. Die meisten Passagiere gehen in Nkhata Bay von Bord. Von dort verkehren ebenfalls regelmäßig Busse zurück nach Lilongwe (Kosten: rund zehn Euro)

SCHIFFSPASSAGE

Die „Ilala“ ist kein Luxusschiff, doch die Kabinen der ersten Klasse sind allgemein sauber und komfortabel, das Essen ist akzeptabel. Übernachtung in der Kabinenklasse von Monkey Bay nach Nkhata Bay kostet auf der „Ilala“ rund 110 Euro pro Person, auf dem Oberdeck 66 Euro; Frühstück ist im Preis inbegriffen. Ein Abendessen im Salon kostet umgerechnet rund sechs Euro.

VERANSTALTER

Die Reise auf dem See muss man sich individuell gestalten. Reisen nach Malawi hat zum Beispiel ein Veranstalter aus Bad Elster im Programm (Outback Africa Erlebnisreisen, Am Südhang 10, 08645 Bad Elster; Telefonnummer: 03 74 37 / 538 04).

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