Namibia : Die Weisen der Wildnis

Das Volk der San lebt im Nordosten Namibias in fast unberührter Natur. Ihre Rituale faszinieren, ihr Wissen verblüfft. Wer Glück hat, kann von Ihnen lernen.

Sten Martenson
Lehrstunde im Freien. Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben. Früh lernt ein Kind zum Beispiel: "Was mach ich mit einem Straußenei?"
Lehrstunde im Freien. Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben. Früh lernt ein Kind zum Beispiel: "Was mach ich mit...Foto: picture-alliance/Okapia

Im flackernden Licht des Feuers wirkt der Baobab-Baum noch gewaltiger als tagsüber. Kaum ist die Sonne hinter den nahen Hügeln verschwunden, hat die afrikanische Nacht den Platz, den unsere Zelte säumen, in Dunkelheit gehüllt. Irgendwo dahinten liegt Dos Post, das Dorf der San, die uns zuvor schon einen halben Tag begleitet haben. Nun scharen sie sich um das Feuer, schwatzen laut und unbefangen in ihrer Sprache voller Klick- und Schnalzlaute. Die Frauen setzen sich im Kreis um die Feuerstelle und beginnen rhythmisch zu klatschen und zu singen. Die Männer umrunden stampfend die Frauen und stimmen in den Gesang ein. Sie preisen die Tiere ihrer Wildnis, den Löwen, die Giraffe, die Antilope. Tanz und Gesang nehmen immer rauschhaftere Züge an. Die San scheinen die Welt um sich herum zu vergessen. Sie können kaum aufhören.

Viel Zeit zu haben und sich dem Augenblick hinzugeben, dieses Gefühl hatten die San auch schon tagsüber vermittelt. Eine Spur zu herausgeputzt mit Schmuck und bunten Bändern, in spärlicher Bekleidung, aber lächelnd und freundlich hatten sie die Besucher begrüßt. Während diese noch der Gedanke beschäftigt, ob sie Zeugen eines peinlichen Schauspiels oder einer authentischen Vorführung verflossenen Buschmann-Lebens sind, setzt sich bei 35 Grad im Schatten der Clan in Bewegung. Und als der zum Kaspern neigende Dorfälteste – plötzlich voller Ernst – beginnt, Pflanzen am Rande des Weges zu zeigen, mit denen die San Kopfschmerzen bekämpfen, aus denen sie ihre Pfeile anfertigen, und dann zu erklären, wie sie das Pfeilgift anrühren, verliert die Szenerie an Künstlichkeit.

Im Gänsemarsch zieht die Gruppe durchs Buschland. Kinder schreien, Mütter schimpfen und zwischendurch buddeln die San-Männer geheimnisvolle Knollen aus. Und als dann einige, Frauen wie Männer, an kümmerlichen Stengeln erahnen, dass sich tief in der Erde Wasserwurzeln verbergen, die den San seit je in den vielen knochentrockenen Monaten des Jahres überlebenswichtig sind, bekommt der Ausflug seine eigene Dynamik. Verbissen dringen Alt und Jung mit Stöcken und bloßen Händen zu den gurkenähnlichen Wasserwurzeln vor, die sich in mehr als einem Meter Tiefe im Boden befinden, um sie mit begeisterten Juchzern zu bejubeln und ans Tageslicht zu befördern. Unter einer Schatten spendenden Schirmakazie geben sie sich dem Genuss der Beute hin. Der alte Clanchef drückt den fad schmeckenden Wassersaft sich und seiner runzligen Frau direkt in den Mund, unter lautem und zufriedenem Stöhnen.

Die nördliche Kalahari, in der die hellhäutigen und schmalgliedrigen San zu Hause sind, liegt weitab von den touristischen Trampelpfaden, die sich durch Namibia ziehen. In die wildreiche Etoscha-Pfanne und zu den Dünenwundern der Namib, der ältesten Wüste der Welt, führen die meisten Reiserouten der Namibia-Touristen. Doch das dünn besiedelte Land im Südwesten Afrikas bietet mehr. Vor allem unberührte Natur, auch außerhalb der zahlreichen Nationalparks, und ganz ohne die ewig langen Zäune, die dem Namibia-Urlauber besonders auffallen. Eines dieser touristisch noch jungfräulichen Gebiete ist der Khaudum-Nationalpark im Nordosten Namibias. Er grenzt mit seinen knapp 4000 Quadratkilometern an Botsuana und die Ausläufer des mächtigen Okawango-Deltas.

Schon die Fahrt von der kleinen Ortschaft Tsumkwe in den Khaudum-Park ist abenteuerlich. Kilometer um Kilometer muss sich das robuste Allradfahrzeug durch tiefen Sand kämpfen. Und wer in Tsumkwe vergessen hat, seinen Tank bis zur Oberkante des Stutzens zu füllen und Luft aus seinen Reifen zu lassen, kann schnell Probleme bekommen. Tsumkwe ist ein San-Dorf mit Schulen, einer Klinik und Einkaufsmöglichkeiten. Auch hier sind die Chinesen wie in vielen anderen Regionen Afrikas aktiv. Sie haben die Schulbauten errichtet, die von hohen stabilen Zäunen umgeben sind – zum Schutz vor umherstreifenden Elefanten.

An der Straße in Richtung Botsuana reihen sich ärmliche Siedlungen, die von Hereros bewohnt werden. Sie waren mit ihren Herden widerrechtlich auf Buschmann-Land vorgedrungen, um ihren Rindern nahrhafte Weiden zu bieten. Die namibische Regierung hat diesen Vorstoß streng geahndet: Den Hereros wurden die Rinder weggenommen und den San gegeben. Die Hereros aber sind geblieben und haben sich nun um Tsumkwe herum angesiedelt.

Der Khaudum-Park ist reich an Tieren, die aber sehr scheu sind. Den seltenen Pferdeantilopen, den Löwen und Leoparden, den Kudus und Oryx sind durch den Busch schleichende Fahrzeuge noch fremd und sie kommen weit seltener aus der Deckung als etwa in der Etoscha- Pfanne. Nur die Elefanten, dickhäutig, wie sie sind, scheren sich nicht um neugierige Eindringlinge. Zwölf Wasserlöcher werden auf dem riesigen Gelände unterhalten und helfen dem Wild, über die brütend heiße Trockenzeit zu kommen. An zwei Plätzen können im Park Zelte aufgeschlagen oder Wohnmobile geparkt werden: im Sekeretti- und im Khaudum-Camp, das eine im Süden, das andere im Norden des Parks. Die Namibia Country Lodges, die in Tsumkwe die einzige Lodge in dieser Region betreiben, haben sich vorgenommen, das Sekeretti-Camp bis zum kommenden Frühjahr zu „renovieren“. Die schon vor 20 Jahren gebauten Sanitärhäuser sind in schlechtem Zustand. Sowohl der Zahn der Zeit hat ihnen zugesetzt wie auch vandalisierende Elefantenherden.

Noch relativ touristisches Neuland ist auch der Caprivi-Zipfel, jenes aberwitzige Relikt aus kolonialer Zeit. Kaum 100 Kilometer breit zieht sich der Landstrich über 450 Kilometer nach Osten. Benannt nach Bismarcks Nachfolger, Reichskanzler Leo von Caprivi, wurde von den Berliner Kolonialpolitikern 1890 im Zuge des Helgoland-Sansibar- Vertrags von den Briten das Recht erworben, auf diese Weise Zugang zum Sambesi zu bekommen. Durchzogen von zahlreichen Wasserläufen, von denen der Kwando (der auch andere Namen trägt), der größte ist, fehlt es in diesem Teil Namibias nicht an Wasser. Weite Teile des Caprivi-Zipfels stehen schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Parks und freies Land gehen zaunlos ineinander über. Die Landebahnen für die kleinen Buschflugzeuge sind oft übersät mit Elefantendung. Und nicht selten ziehen es die Dickhäuter vor, die Schotterpisten als bequemen Wanderweg zu nutzen. Mischwald prägt die Vegetation, und für Vogelfreunde ist die Region wegen der fantastischen Vielfalt geradezu ein Traum.

Wer in der Namushasha Lodge morgens um sechs Uhr nicht durch das ohrenbetäubende Konzert der Vögel wach wird, hat entweder keine Ohrstöpsel benutzt oder am Abend zu tief ins Gin-Tonic-Glas geschaut. Der Blick von der Lapa, der großen Halle mit der zünftigen Bar, geht über das undurchdringlich wirkende Schilf- und Papyrusmeer, das aber von vielen verzweigten Kanälen durchzogen ist. Vom Boot aus, mit dem man dieses Labyrinth durchkreuzen kann, entdeckt man schnaubende Flusspferde und schläfrige Krokodile. Die Lodge-Guides behaupten hartnäckig, dass sich auch Fische angeln ließen. Nur nicht während unseres Aufenthalts.

Spätabends, wenn der Sundowner fast schon vergessen ist, lässt sich das Afrika-Erlebnis aber noch steigern. Die Luft ist seidig sanft. Die lästigen Moskitos haben ihren Flugbetrieb eingestellt. Auf dem leise plätschernd vor sich hindümpelnden Boot hört man, wie das Nachtleben erwacht. In unmittelbarer Nähe steigen Flusspferde aus dem Kwando, um sich am Ufer hörbar schmatzend an frischem Grünzeug zu laben. Von irgendwoher, doch weit genug, schallt hungriges Löwengebrüll über die Flusslandschaft. Und der in Afrika verliebte Besucher wähnt sich – wenn er die Augen schließt – in eine Zeit zurückversetzt, in der die legendären Afrikaforscher Livingstone und Stanley „ihren“ Kontinent eroberten.

_______________________________________

TIPPS FÜR NAMIBIA]

Angenehm ist das Klima zwischen Mai und Oktober
ANREISE
Die Air Namibia fliegt sechs Mal in der Woche von Frankfurt am Main in neuneinhalb Stunden nonstop nach Windhuk. Je nach Saison Hin- und Rückflug zwischen 800 und 1100 Euro. Bei Air Berlin fanden wir einen Flug ab Tegel via München für 737 Euro (Reisezeit Mai).

REISEZEIT
Die beste Reisezeit für diesen Teil Namibias ist zwischen Mai und Oktober, sonst kann es sehr heiß sein oder regnen. Der Khaudum-Nationalpark darf aus Sicherheitsgründen nur mit (mindestens) zwei Fahrzeugen, die gemeinsam unterwegs sein müssen, befahren werden.

UNTERKUNFT
In Tsumkwe kann man in der vergleichsweise preiswerten Tsumkwe Country Lodge unterkommen (Telefon: 002 64 / 61 / 37 47 50, Internet: www.namibialodges.com). Sie ist der ideale Ausgangspunkt für Fahrten in den Khaudum-Nationalpark. Fahrten zu den San organisiert die Lodge.

VERANSTALTER
In den Caprivi-Zipfel und den Khaudum- Nationalpark führen nur wenige Reisen. Wir sind fündig geworden bei Trails Natur- und Erlebnisreisen (Kempten im Allgäu; Telefon: 08 31 / 153 59); 16-tägige Campingreise in kleinen Gruppen 2199 Euro (ohne Flug).

AUSKUNFT
Namibia Tourism, Telefonnummer: 069 / 133 73 60, im Internet unter: www.namibia-tourism.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar