Namibia : Ein Kopfstand fürs Leben

Unendliche Weiten, körnige Dünengebirge und trickreiche Tiere: Namibia ist ein wundersames Land.

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Düne frei. Die mit 170 Metern höchste im Sossusvlei hat nur eine Nummer: 45. Manche versuchen, sie bis zum Gipfel zu besteigen – und scheitern. Es ist einfach zu anstrengend.
Düne frei. Die mit 170 Metern höchste im Sossusvlei hat nur eine Nummer: 45. Manche versuchen, sie bis zum Gipfel zu besteigen –...Foto: picture alliance / blickwinkel/M

Wer hier überleben will, muss Künstler sein. Zum Beispiel Akrobat. Das klobige, sechsbeinige Geschöpf vor unseren Füßen sieht allerdings so gar nicht danach aus. Eher wie ein mitteleuropäischer Mistkäfer, der sich dummerweise in die afrikanische Wüste verlaufen hat. „Tok-Tok“, sagt der Guide, und das ist keine Stammessprache, das ist der Name des Tiers. Wissenschaftlich: Onymacris unguicularis. Der kundige Naturführer bückt sich, nimmt Tok-Tok auf die Hand. Genau einen Tropfen Wasser benötige dieser Käfer täglich, um in der Namibwüste zu bestehen. „Wie macht er das wohl?“ Allgemeines Schulterzucken.

Tok-Toks Geheimnis: Er stemmt sich jeden Morgen in den Kopfstand. Und wartet ab, bis der wenige Nebel in dieser unwirtlichen Gegend an seinem Leib zu einem Tropfen kondensiert. Dieser kullert dann am Körper abwärts direkt ins offene Käfermaul. Kann man sich gar nicht ausdenken so was. Namibia ist ein wunderliches Land. Das trockenste südlich der Sahara. Mit der ältesten Wüste der Welt. Mit Straßen, deren Namen an sozialistische Diktatoren erinnern. Und Farmen, die „Schlesien“ oder „Königsberg“ heißen. Sofern man überhaupt an einer menschlichen Siedlung vorbeikommt.

Namibia hat nur 2,3 Millionen Einwohner, auf einer Fläche zweieinhalb mal so groß wie Deutschland. Touristen müssen lange über Rumpelpisten fahren bis zur nächsten Attraktion. Unterwegs stehen zwar viele Termitenhügel am Wegesrand, aber leider nur wenige öffentliche Toiletten.

So ein wunderliches Land. Könnte auch ein riesiges Fernsehstudio sein, mit wechselnden bildschönen Kulissen. Kitschig-blauer Himmel, über den zahnpastaweiße Wolken wandern. Zerklüftete Felsformationen, rote Dünen, gelbe Dünen, ganz helle Dünen. Namibia ist voller Landschaften, wie man sie in Arztpraxen auf großformatigen Kalendern sieht und bei denen man sich fragt, von welchem abgefahrenen Planeten die jetzt wohl stammen. Na, aus Namibia stammen die.

Barfuß auf die Düne 45

Ebenso wunderlich: die Feenkreise. Überall im Land tauchen sie auf. Perfekt gerundete, kahle Sandflächen mit einem Radius von etwa drei Metern, auf denen kein einziger Grashalm wächst. Alienspuren? Wessen Werk es tatsächlich ist, können die Wissenschaftler bis heute nicht sagen. Möglicherweise ein Pilzgeflecht oder Termiten oder beides.

Wer aus dem Sich-Wundern gar nicht mehr rauskommen möchte, fährt ins Sossusvlei, ein unwirkliches Dünenareal im Namib-Naukluft-Nationalpark. Durch ein breites, ausgetrocknetes Flussbett geht es immer tiefer in die Ödnis hinein. Hier und da steht ein knochiger Kameldornbaum. Ansonsten lagern nur die eisenoxidgefärbten Sandriesen zu beiden Seiten. Alle Besucher, die es hierher verschlägt, halten an Düne 45. Klingt wie Area 51, das militärische Sperrgebiet im südlichen Nevada, heißt aber nur, dass sich die Düne – eine besonders große und malerisch geschwungene – 45 Kilometer vom Parkeingang entfernt befindet.

Mancher denkt, er könne sie besteigen, weil das so im Reiseführer steht. Am besten barfuß, der Sand drückt sich dann zwischen die Zehen. Kleine Wellnessbehandlung. Wir wagen erste Schritte und sind nach wenigen Metern außer Atem, weil die Steigung extremer ist als vermutet. Das muss doch zu schaffen sein! Doch je mehr wir schnaufen und schwitzen, desto stärker dämmert die Überzeugung, dass der Panoramablick von der bereits erreichten Höhe aus schon sensationell genug ist. Warum sich also weiter quälen?

Kuriose Grenzziehung

Die Besteigung der Düne 45 endet in der Regel mit bedingungsloser Kapitulation. Glücklich macht der Versuch dennoch. Wer abends im Hotelzimmer noch mal im Reiseführer nachschlägt, stellt fest, dass die Düne in der Höhe 170 Meter misst. Das ist, als würde man die Berliner Philharmonie nehmen und auf deren Dach den Funkturm draufsetzen. Bester Zeitpunkt für einen erfolglosen Kletterversuch ist übrigens der frühe Abend, weil dann erstens die Temperatur gemäßigter wird und zweitens die tief stehende Sonne bizarre Schattenspiele mit den Dünen veranstaltet.

Um jedoch zu dieser Uhrzeit noch durch den Namib-Naukluft-Nationalpark reisen zu dürfen, bedarf es eines Betts in einer der staatlichen Lodges – alle anderen Unterkünfte befinden sich jenseits der Parktore, und die schließen am späten Nachmittag.

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