Reiseveranstalter zu Südafrika : "Es war eine Frechheit von den Medien"

Wolfgang Vieten, Veranstalter von Sportreisen, zieht ein Fazit der Fußball-WM und schaut voraus auf die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.

Wolfgang Vieten.
Wolfgang Vieten.Foto: IMAGO

Wolfgang Vieten, sind Sie als Reiseveranstalter mit der Weltmeisterschaft in Südafrika zufrieden?

Es geht. Ursprünglich hatten wir gehofft, etwa 1500 bis 2000 deutsche Anhänger nach Südafrika zu bringen. Aber aufgrund der negativen Berichterstattung in Deutschland haben viele erst gar nicht gebucht.

Was meinen Sie konkret?

Es war eine Frechheit, was in den Medien abgelaufen ist. Ich selbst habe in einem Sender ein Interview gegeben, in dem ich die Situation hier in Südafrika so geschildert habe, wie sie ist: ausnahmslos positiv. Der Bericht endete aber mit dem Hinweis an die Zuschauer: ,Sollten Sie doch nach Afrika reisen, passen Sie auf, dass Sie folgenden Gewaltverbrechern nicht über den Weg laufen‘. Dann wurden Fotos von Mördern und Vergewaltigern gezeigt. Stellen Sie sich mal vor, jemand plant einen Urlaub in Deutschland und bekommt von TV-Sendern in seiner Heimat vorab die Verbrecherkartei aus ,Aktenzeichen XY…‘ vorgelegt.

Wie viele WM-Touristen aus Deutschland sind letztlich gekommen?

Mit rund 1000 Besuchern haben wir etwa die Hälfte aller organisierten Reisen für Deutsche nach Südafrika abgewickelt. Dazu kommen sehr viele Kunden, die Flüge und Hotels über uns gebucht haben. Die WM ist also auch nicht die Vollkatastrophe für uns.

Wie viele Touristen sind insgesamt aus Deutschland hierhergekommen?

Ich schätze, es sind rund 2000, die über Reiseagenturen ihren Trip zur WM gebucht haben, etwa genauso viele sind auf eigene Faust nach Südafrika gereist.

Warum waren Sie vorab so optimistisch, in Bezug auf Buchungen?

Weil die Menschen unser Know-how hier unten brauchen. Ein Hotelzimmer bei der EM in Österreich kann jeder buchen, aber hier verlässt man sich eben auf die Angebote eines erfahrenen Veranstalters.

Wie groß sind Ihre finanziellen Einbußen durch die WM?

Wir schreiben schwarze Zahlen, aber es hätte wesentlich besser laufen können. Ohne die Erfahrung von den vielen Turnieren vorher, hätten wir in Südafrika definitiv viel Geld verloren.

Sie haben Hotelzimmer stornieren müssen. Wie haben die Hoteliers reagiert?

Zu Vielen haben wir seit 2007 ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, die waren in den meisten Fällen sehr kulant. Aber es war natürlich sehr unschön, weil die jetzt auf den Kosten sitzen bleiben. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr haben wir in Pretoria ein Hotel besucht, rund 20 Zimmer, nette Gegend, alles prima. Allerdings waren die Badezimmer dort Teil des Schlafzimmers. Wenn zwei Freunde gemeinsam in den Urlaub fahren, finden die das nicht unbedingt toll, dem anderen beim Duschen zuzusehen. Also haben wir die Betreiber gebeten, Türen als Sichtschutz einzubauen. Die haben es für viel Geld verändern lassen – aber am Ende mussten wir das Hotel in Ermangelung an Anfragen stornieren.

Gab es irgendwelche Probleme bei den Planungen für Südafrika?

Überhaupt nicht. Die wussten hier nicht alles besser – wie sonst oft –, sondern sind sehr auf unsere Vorstellungen eingegangen. Natürlich kennen die Hoteliers ihr Land besser, aber sie haben noch nie eine WM erlebt. Deshalb sind wir mit vielen unserer Anmerkungen auf offene Ohren gestoßen.

Sie stecken schon in den Planungen für die EM in Polen und der Ukraine. Wie läuft es dort?

In Polen recht gut. Dort bekommen wir Zimmer zu erschwinglichen Preisen, und man geht auch auf unsere Wünsche ein. In der Ukraine ist das ganz anders. Ich bete nur, dass Deutschland dort nicht spielen muss.

Warum?

Die haben dort diese russische Mentalität und es gibt dort sehr reiche Leute. Entsprechend werden mitunter Preise aufgerufen, bei denen einem Hören und Sehen vergeht. Unser Einkäufer hatte Kontakt mit einem Hotel, das 990 Euro pro Nacht pro Zimmer verlangte – für uns als Veranstalter. Unser Gegenangebot lautete 200 Euro pro Nacht, was ich für angemessen hielt, sonst zahlen wir maximal 130 Euro für so ein Hotel. Da kam nur die lapidare Antwort: Kein Interesse, die Zimmer seien inzwischen anderweitig verkauft.

Ist das realistisch oder wird gepokert?

Es ist tatsächlich so, dass es in Kiew kaum Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Jetzt überlegen wir, ob wir die Kunden in Warschau unterbringen und zu den Spielen in die Ukraine einfliegen. Aber eigentlich könnten wir sie dann gleich von Berlin dahin fliegen.

Sie sind erstmals seit 1998 wieder offizieller Fifa-Partner. Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Weltverband?

Ganz gut, insbesondere weil uns die Fifa, als es bei den WMs in Japan/Korea und in Deutschland keine offiziellen Reiseveranstalter gab, regelrecht bekämpft hat.

Inwiefern?

Bei der WM in Deutschland haben die unser Unternehmen bei Hotels auf die schwarze Liste setzen lassen. Uns sollten keine Zimmer verkauft werden. Das lag wohl daran, dass wir 2006 bei der WM fast 60 000 Kunden aus dem Ausland nach Deutschland gebracht haben. Eine Größenordnung, die selbst der Fifa, die mit dem Unternehmen ,Match‘ auch selbst eine Art Reisebüro besitzt, einfach weh tut.

Wolfgang Vieten, Ihr Fazit zur WM?

Es tut mir sehr leid für die vielen engagierten Hoteliers, die ihre Häuser nach europäischen Gesichtspunkten modernisiert haben, letztlich keine Gäste hatten und nun auf den Kosten hängen geblieben sind. Ich hoffe deshalb, dass die WM Südafrika zumindest langfristig als Reiseland attraktiv gemacht hat. Denn nun sollte auch in Deutschland jeder kapiert haben, dass ein Tourist hier richtig schön Urlaub machen kann.

Das Interview führte Tim Jürgens

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und der Ukraine

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