Südafrika : Mythos Madiba

Vor einem Jahr starb Nelson Mandela. Die sichtbaren Spuren seines Lebens in Südafrika werden sorgfältig gepflegt.

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Porträt aus Stahl. An der Stelle in Kwazulu-Natal, wo Mandela 1962 gefangen genommen wurde, erinnert heute eine Skulptur an den historischen Moment.
Porträt aus Stahl. An der Stelle in Kwazulu-Natal, wo Mandela 1962 gefangen genommen wurde, erinnert heute eine Skulptur an den...Foto: Helge Bendl

Der alte Mann hat unterm gestreiften Hemd einen sympathischen Bauch, trägt Baseballkappe und eckige Brille. Seine Hände zittern. Wenn er aufgeregt ist und viele Zuhörer hat, so wie jetzt, dann stottert er auch ein wenig. Er ist es wohl selbst nach vielen Jahren immer noch nicht gewohnt, dass ihm Besucher ehrfürchtig an den Lippen hängen, aber leider nicht so recht wissen, wie sie umgehen sollen mit einem ehemaligen politischen Gefangenen, der inzwischen den Fremdenführer gibt. Vermutlich macht Sipho Nkosi deshalb zur Begrüßung diesen Witz. Er hat seine Zeit im Knast nur dank einer guten Prise Sarkasmus überstanden, und so ist er alleine mit seinem Lachen. „Willkommen auf Robben Island!“, ruft er. „Genießen Sie! Denn Sie werden diesen Ort nicht mehr lebend verlassen.“

So haben ihn schließlich auch die sadistischen Wärter einst begrüßt, vor bald 30 Jahren, als sie ihn als Häftling Nummer 78/86 in Obhut nahmen. Heute führt Sipho Nkosi fast im Halbstundentakt Touristen durch den mit meterhohen Mauern, Stacheldraht und Wachtürmen abgeschirmten Hochsicherheitstrakt des Ortes, an dem Südafrikas Rassisten einst ihre politischen Gegner verschwinden ließen. „Sie haben uns erst unsere Kleidung weggenommen und dann unseren Namen: Die Demütigungen hatten System“, erzählt er.

Im Steinbruch schwitzen wie die Gefangenen der frühen Jahre musste der Aktivist des African National Congress (ANC) zwar nicht mehr, und auch die erniedrigenden Unterschiede bei den ohnehin kargen Essensrationen (indische „Kulis“ bekamen deutlich mehr als schwarze „Kaffer“) waren schon abgeschafft. Die fünf Jahre, die Sipho Nkosi bis zum Ende der Apartheid absitzen musste (ursprünglich hatte man ihn zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt), waren trotzdem die weitaus schlimmsten seines Lebens.

Alle nannten ihn Madiba, der Versöhner

Vielleicht könnte der Ex-Häftling mehr erzählen vom Schrecken der Insel, von der Verzweiflung der Insassen, und natürlich von dem Mann, der ihnen allen Hoffnung gegeben hat. Doch dafür bleibt keine Zeit. Zackzack, es geht weiter im straffen Besichtigungsprogramm: Erst die Gemeinschaftsräume, dann der kahle Innenhof, schließlich die Einzelzellen der Isolierstation. Nur ein paar Sekunden hat man für den Blick auf die gerade einmal vier Quadratmeter, auf denen der berühmte Gefangene Nummer 466/64 hausen musste. Eine Matte und ein paar Filzdecken liegen auf dem blanken Betonboden, der Blecheimer war die Toilette, ein Holzschemel steht unter dem vergitterten Fenster. 27 Jahre lang verbrachte Nelson Mandela im Gefängnis, 18 Jahre davon genau hier. Wer verweilen will, wird weitergescheucht: Die nächste Gruppe wartet schon.

Trotz der kitschigen Mandela-Souvenirläden an der Waterfront von Kapstadt und dem Zeitdruck auf der Insel, wo Besucher in klimatisierten Bussen herumgekarrt werden und nur selten aussteigen dürfen: An Robben Island kommt nicht vorbei, wer auf Nelson Mandelas Spuren durch Südafrika wandelt. Das Eiland in Sichtweite des Tafelbergs ist Unesco-Welterbe und der bedeutendste Erinnerungsort des Landes. In der winzigen Zelle des Hochsicherheitstrakts liegt der Schlüssel zum Charakter des Friedensnobelpreisträgers. Hier, wo andere immer nur Rache geschworen hätten, fand er die Kraft zu vergeben. Fortan riefen ihn alle nur noch mit dem Namen seines Clans: Madiba, der Versöhner. Als er aus dem Drakenstein Correctional Centre im Hinterland Kapstadts in die Freiheit entlassen wurde, tat er das mit gereckter Faust und einem feinen Lächeln. Inzwischen erinnert eine Statue an den historischen Moment im Februar 1990.

Mandelas langer Weg zur Freiheit begann schon viel früher. Um das System zu verstehen, gegen das er kämpfte, hilft die Besichtigung des Johannesburger Apartheid-Museums. Hier wird der Besucher schon mit dem Kauf der Eintrittskarte kategorisiert in Schwarz und Weiß, so wie einst die ganze Bevölkerung Südafrikas, und lauscht dann den aufgezeichneten Erläuterungen der National-Party-Politiker, die das menschenverachtende Konzept der Rassentrennung in blumigen Worten rechtfertigen.

Eastern Cape wirkt wie das alte Afrika

Um die Ecke, im Stadtteil Orlando West von Soweto, steht in der Vilakazi Street noch das rote Backsteinhaus, in das Mandela 1946 mit seiner ersten Frau einzog und in dem er nach der Scheidung auch mit seiner zweiten Frau Winnie lebte. In der Fox Street von Johannesburg, damals ein Gebiet für „non-whites“, führte er mit Oliver Tambo die erste schwarze Anwaltskanzlei des Landes, um jenen Landsleuten zu helfen, die mit den diskriminierenden „Passbuchgesetzen“ in Konflikt gekommen waren.

Als „Gärtner David Motsamayi“ versteckte er sich später auf der Farm Liliesleaf im Vorort Rivonia. 1962 wurde der Freiheitskämpfer dann in den Midlands von Kwazulu-Natal von der Polizei verhaftet und kam nach einem bewegenden Prozess ins Gefängnis. Ein kleines Museum und ein spektakuläres Kunstwerk markieren diesen Ort im ländlichen Nirgendwo: 50 schwarz lackierte Stahlstangen wurden so arrangiert, dass sie ein riesiges Konterfei Nelson Mandelas ergeben.

Sipho Nkosi, einst Häftling auf Robben Island, führt heute Besucher durchs Gefängnis.
Sipho Nkosi, einst Häftling auf Robben Island, führt heute Besucher durchs Gefängnis.Foto: Helge Bendl

Begonnen hatte Mandelas Reise am 18. Juli 1918 in der damaligen Transkei, und mit seinem Tod ist er zurückgekehrt ins Land seiner Ahnen. Noch immer wirkt die Region um die Stadt Mthatha im Eastern Cape wie das alte Afrika aus dem Bilderbuch: Rundhütten liegen vereinzelt auf grünen Hügeln, Rinder trödeln auf der Straße, Kinder toben mit selbstgebasteltem Spielzeug über die Felder. Als er wenige Jahre alt war, zog Nelson Mandelas Familie ins Dorf Qunu, und vieles von dem, was er in seiner Autobiografie beschreibt, findet der Suchende hier noch immer.

Die einfache Steinkirche, in der er getauft wurde. Den Felsen, den er und seine Freunde so lange herunterrutschten, bis sich eine Rinne bildete. Die Ruinen der Schule, in der ihm eine Lehrerin seinen englischen Namen gab. Hier hütete er das Vieh, hier übte er sich im Stockkampf, hier wurde er am Hof des Regenten von Thembuland in Mqhekezweni zum Mann initiiert. Das Rondavel, in dem er viele Jahre verbrachte, ist inzwischen in grellem Türkis gestrichen. Doch noch heute kann man unter den mächtigen Eukalyptusbäumen sitzen, unter denen Nelson Rolihlahla Mandela einst Streit schlichtete.

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