Tansania : Die Serengeti lebt

Tansanias Nationalpark wurde berühmt durch Bernhard Grzimek. Dessen Erbe wird heute gut verwaltet.

Franz Lerchenmüller
Serengeti
Majestätisch: Ein Elefant in der Serengeti. -Foto: dpa

Da kommt er. Ein schwarzer, weit gestreuter Zug im senfgelben Land. Horn an Horn, mit wippenden Bärten und stampfenden Hufen rückt eine Herde Gnus über die Ebene heran. Staub stiebt wie roter Rauch, noch ganz junge Kälber blöken, Bullenschädel knallt gegen Bullenschädel. 500, 600 Tiere sind es, dazwischen Gruppen von Zebras, gut im Futter, mit prallen Hintern. Eine grunzende scharrende Masse von Leibern schiebt sich voran, formt sich zur Kette, Tier hinter Tier, eine sorgfältig ausgerichtete Linie bis zum Horizont - als liefere ein unsichtbarer Dompteur sein Meisterstück ab. Die Serengeti in Tansania heute, 14 763 Quadratkilometer voller Leben.

Und doch ist es nur ein bescheidenes Bild, gemessen an den riesigen Herden, die jedes Jahr zur großen Wanderung zu neuen Weidegründen in die Masai Mara in Kenia aufbrechen. Zwischen eineinhalb und zwei Millionen Gnus, Zebras und Gazellen, zehnmal so viele wie vor 50 Jahren, machen sich auf den Weg nach Norden, folgen Regen und sprießendem Gras, mehr als tausend Kilometer über Park- und Staatsgrenzen hinweg, durch den Grumeti und den Mara-Fluss, wo gewaltige Krokodile schon geduldig auf ihren Anteil an der Nahrungskette lauern.

Safari in der Serengeti, jenem Landstrich von fast der Größe Schleswig-Holsteins, der geprägt ist von flachen Savannen, Flüssen, die von Galeriewäldern gesäumt sind, und Akazien, die sich wie Schirme aufspannen. Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael haben den Nationalpark vor 50 Jahren weltberühmt gemacht. "Serengeti darf nicht sterben" - das Buch wurde in 23 Sprachen übersetzt. Der Film erhielt als erste deutsche Produktion nach 1945 einen Oscar. Michael erlebte den Triumph nicht mehr, er war bereits am 10. Januar 1959 mit einem Flugzeug abgestürzt. Begraben ist er am Rande des benachbarten Ngorongoro-Kraters unter einer einfachen Steinpyramide. Sein Vater widmete sich umso entschlossener der Aufgabe, dies einzigartige Stück Natur vor der Zerstückelung zu bewahren.

Wie die Grzimeks von ihrer zebragestreiften Dornier 27 aus Tiere zählten, wie sie gefangene Gnus aus Schlingen befreiten und mit den Ältesten der Massai-Dörfer diskutierten, zeigt eine Ausstellung im Besucherzentrum bei Seronera im Herzen des Parks. Als Blickfang dienen Bernhard Grzimek und Julius Nyerere, der erste Staatschef Tansanias, im lebensgroßen Starschnitt aus Pappe. Dazu heulen Hyänen und knurren Löwen - vom Band. Bernhard Grzimek - er wäre am kommenden 24. April 100 Jahre alt geworden - starb am 13. März 1987, die Urne wurde im Grab seines Sohnes beigesetzt. Heute kann man gar nicht anders, als dem charismatischen, menschlich nicht ganz einfachen Frankfurter Zoodirektor dankbar zu sein, dass er sich nicht beirren ließ: Die Serengeti lebt.

Wie gemalt ziehen Tiere in großem Abstand zueinander durch das Gelände: Wie schräge Säulen mit Netzmuster ragen die Hälse von Giraffen ins Grün - die Köpfe hoch oben im Laub der Akazien. Zwei Geparden trotten die Piste entlang, Strauße segeln wie Schiffe durchs hüfthohe Gras, in der Ferne steht ein alter Büffel still und starr und schweiget. Eine Gruppe von Meerkatzen zerpflückt die Fruchtkeulen eines Leberwurstbaums, und auf dem Weg kniet ein Warzenschwein und überlegt ernsthaft, ob es dem ungebührlich schnellen weißen Ungetüm auf Rädern mit seinen Hauern nicht mal eine Lehre erteilen solle.

Grzimeks Erbe führt die Frankfurter Zoologische Gesellschaft in ihrer Station in Seronera weiter. Joe Ole Kuwai hat noch persönlich mit Bernhard Grzimek zusammengearbeitet. Während der ersten Jahrzehnte stand im Vordergrund, die Parkgrenzen zu sichern. Heute genügt der klassische Naturschutz nicht mehr. Zwar werden immer noch Zebras gezählt und Gnus mit Sendern versehen, Ranger weitergebildet und mobile Tierärzte finanziert. Doch Tansanias Bevölkerung wächst, für Gärten und Felder wird mehr Platz benötigt. Sie rücken immer näher an die Parkgrenzen heran. Die Duldsamkeit, wenn Elefanten ein paar Quadratmeter Mais wegfuttern oder eine Gnuherde das Hirsefeld zertrampelt, nimmt ab. "Wir versuchen, die Menschen rund um den Park in den Naturschutz einzubinden", sagt Joe. "Sie sollen lernen, ihr Land selbst zu verwalten. Sie können Wildhüter ausbilden und Wandertouren entwickeln, die zu Wildtieren führen - kurz: Sie müssen selbst etwas davon haben, wenn sie die Tiere schützen." Markus Borner wurde noch vom Frankfurter Übervater persönlich als Leiter des Afrikaprogramms eingesetzt. "Bernhard Grzimeks größtes Verdienst", sagt der Schweizer Biologe, "war, dass er Afrikas jungen Politikern vertraute und hier in Tansania etwa Julius Nyerere vermitteln konnte, welche Bedeutung der Naturschutz für die Zukunft ihrer Länder hat." Borner lebt mittlerweile 25 Jahre in der kleinen Ansiedlung namens Frankfurt.

Inzwischen steht die Serengeti vor neuen Herausforderungen. Jahr für Jahr besuchen 120 000 Touristen den Park. Wenn aus der Ebene zehn, elf, zwölf Wagen sternförmig einem Punkt zustreben, weil einer der Guides per Funk eine frisch geschlagene Gazelle oder ein einsames Nashorn gemeldet hat, kommt es schon mal zum Leopard-Stau oder zur Rhino-Rushhour. Plastisch wird hier verdeutlicht, dass der Tourismus oft zwei verschiedene Gesichter hat.

Der tansanische Naturschutz braucht die 50 Dollar Eintritt pro Person, um Kontrollen aufrechtzuerhalten. Die Tiere kommen mit der Masse an Neugierigen ganz gut zurecht - bis auf die Nashörner, die in besonderen Schutzgebieten abseits gehalten werden. "Das Problem ist: Erstickt der Tourismus sich nicht selbst?", fragt sich Borner. "Wenn zwei Dutzend Autos um ein Löwenpaar herumstehen und alle Besucher knipsen, knipsen, knipsen - machen die sich nicht gegenseitig das Erlebnis kaputt?" Größeres Ungemach konnte abgewendet werden. Regierungspläne, zusätzlich 5000 Fremdenbetten im Park zuzulassen, sind vom Tisch. Es bleibt bei ein paar hundert Unterkünften. So sitzen die Touristen abends in exklusiven Zeltcamps oder einfachen Hotels, die sich traditionsgemäß Lodges nennen. Sie trinken Safari- Bier, einige protzen mit Teleröhren von Mörsergröße und diskutieren, ob die Serengeti nun "ganz großes Kino" sei oder doch gleich "the greatest show on earth".

Manchmal wird diese Show freilich blutig: Der Büffel wurde schon am Vorabend gerissen. Die Löwen haben ihn ausgeweidet, sind satt, haben sich längst zurückgezogen. Jetzt ist die Stunde der Gesundheitspolizei. Zwei Dutzend Geier machen sich über den Kadaver her, wühlen in der Bauchhöhle, hacken in die bereits leer gepickten Augenhöhlen und noch heftiger gegen die Konkurrenz. Metallisch glänzt das schwarze Gefieder, das kehlige Krächzen des zänkischen Haufens erfüllt die Luft, aasiger Geruch zieht herüber.

Abend in der Steppe. Akazien stehen wie Scherenschnitte vor blauen Hügeln. Honigfarbenes Licht sickert zwischen Büsche. Noch keckern Meerkatzen, schnürt ein Schakal, ziehen tiefschwarze Kolosse vorüber.

Wieder endet ein Tag, an dem Leben geboren und Lebendiges gefressen wurde. Doch wer das gigantische Schauspiel auch nur einen Tag erlebt hat, ist sich sicher: Serengeti wird nicht sterben.

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