Alle Tore führen zur Piazza : Der Südosten Polens ist wie die Toskana: Sandomierz und Zamosc

Hella Kaiser

Es gibt rechteckige Marktplätze, ovale und sogar runde. Der von Sandomierz neigt sich schräg. Und so muss man gut bei Puste sein, möchte man zum zinnengeschmückten Rathaus aus rotem Backstein spazieren. „Unser Ort ist auf sieben Hügeln gebaut“, sagt Stadtführerin Dorota und schiebt stolz hinterher: „Genauso wie Rom.“ Und im Frühmittelalter war die kleine polnische Stadt am linken Weichselufer mindestens so bekannt. Händlerkarawanen kreuzten sich hier. Die, die aus dem mongolischen Imperium Richtung Westen wollten, und jene, die den umgekehrten Weg gingen und etwa Waren aus Kiew in Prag verkaufen wollten. Die Bürger von Sandomierz profitierten davon, die Stadt blühte auf und gehörte neben Breslau und Krakau lange zu den drei bedeutendsten Städten Polens.

Heute ist es still geworden um Sandomierz. Der Grund: Es liegt in „Polen B“. So jedenfalls erklärt es Magdalena Korzeniowska vom polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin. „Unser Land ist in zwei Hälften geteilt. Bis Warschau nennen wir es Polen A, der Rest ist Polen B.“

Sandomierz im Südosten des Landes liegt am äußeren Zipfel der B-Kategorie. Touristen dürften dies begrüßen. Denn so können sie das Renaissancestädtchen mit Muße bewundern und problemlos einen freien Platz in den kleinen Cafés und Restaurants am Markt finden. „Aber wir werden immer bekannter“, sagt der Bürgermeister mit leuchtenden Augen und erwähnt stolz „hundert deutsche Besucher im vergangenen Jahr“. Für sehr viel mehr ist man allerdings auch noch nicht gerüstet. Das beste Hotel, ein passables Quartier in einem 400 Jahre alten Bürgerhaus am Markt, hat gerade mal neun Zimmer.

Nur fünf Fußminuten sind es von hier zum Collegium Gostomianum. Es ist die älteste Oberschule Polens und einstiges Jesuitenkollegium. Aber nicht wegen des schwanenweißen, von Dutzenden Zinnen gekrönten Ensembles führt Dorota ihre Gäste auf diesen Hügel. „Von hier aus haben Sie den besten Blick übers Weichseltal hinüber zum Pfeffergebirge“, schwärmt sie. 500 000 Millionen Jahre alt sei es, viel älter als die Karpaten, die es erst seit 70 Millionen Jahren gebe. Gebirge? Ein wenig ratlos blicken wir auf eine niedrige, felsige Hügelkette. „Über all die Jahre hat es an Höhe verloren, aber ich finde, bei diesem Alter hat es wohl das Recht dazu“, bemerkt Dorota, ironisch lächelnd.

Wir wollen nicht hoffen, dass es schrumpft, weil seine geschliffenen Brocken zu hübschen Schmuckstücken verarbeitet werden. Dicht an dicht liegen Ketten, Ringe und Anhänger aus dem „gestreiften Feuerstein“ in einem Juweliergeschäft in der Opatowska-Straße. Eine Shoppingmeile ist das nicht, sondern eher eine altmodische Einkaufsstraße zum Verlieben. Waren für den täglichen Gebrauch sind vor allem zu erwerben. Dort hängen Staubwedel an der Wand, hier sind Nägel, Schrauben und Muttern in Kästchen sortiert, daneben sind Blusen, Kleider und Schürzen artig dekoriert. In einem Lebensmittelgeschäft lugt ein Verkäufer hinter hoch auf der Ladentheke gestapelten Dosen und Schachteln hervor. Der Fußboden ist schwarz-weiß gefliest, genau wie beim Gemüsehändler nebenan.

Am anderen Ende der Stadt befindet sich die wuchtige Kathedrale. Goldgefasste Apostelbilder sind darin, zahlreiche Heiligenfiguren und Dutzende Engel und Putten. Jedoch, wie spindeldürr sehen die denn aus? Keine pausbäckigen Gesichter wie andernorts üblich haben sie, sondern magere, ausgezehrte Antlitze. Und erst die spinnengleichen Finger. „Der Künstler hat sie bewusst so gestaltet, ihr Anblick soll die Vergänglichkeit widerspiegeln“, erklärt Dorota.

Das Erstaunlichste an Sandomierz: Es kann auch unterwandert werden. Ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen durchzieht das Zentrum. Einst lagerten Kaufleute dort ihre Waren. Später vergaß man die Gänge und entdeckte sie erst wieder, nachdem sich im Zentrum Löcher und Risse auftaten. Um die bis zu zwölf Meter tiefe „Unterwelt“ zu retten, engagierte man Bergleute aus Schlesien. Die stützten die mittelalterlichen Mauern fachgerecht, wenn auch nicht unbedingt historisch korrekt. „An manchen Stellen sieht es aus wie in einem Bergwerk“, gibt Donata zu.

Polnische Marketingexperten haben dem Südosten Polens das Etikett „polnische Toskana“ aufgedrückt. Das Klima in der Region sei milder als anderswo in Polen, die Sonne scheine häufiger, und rund um Sandomierz erheben sich sogar einige Weinberge. Ob man den heimischen Tropfen mal probieren kann? Die Kellnerin im Restaurant des Pod Cizemka schüttelt heftig den Kopf. „Niemand käme ernsthaft auf die Idee, diesen Wein zu trinken“, sagt sie. Der Bürgermeister lächelt und hofft: „Auch das wird sich noch entwickeln.“

Zwei Autostunden weiter Richtung Osten landen wir geradewegs in Italien. Denn angesichts des herrschaftlich anmutenden Hauptplatzes von Zamosc glaubt doch niemand, dass es nur noch 80 Kilometer bis zur weißrussischen Grenze sind. Das rosafarbene Rathaus mit seinem hohen Turm und einer imposant geschwungenen weißen Treppe wäre schon allein ein beeindruckendes Baudenkmal. Doch es ist zugleich umstellt von wunderschönen Renaissancehäusern. Lindgrün, Eidottergelb, Ochsenblutrot oder Tintenblau stehen sie da, ein jedes ein architektonisches Juwel. Unten sind sie mit Arkadengängen verbunden, oben präsentieren sie Zinnen und Türmchen. Eine Piazza wie aus dem Bilderbuch, exakt hundert mal hundert Meter im Quadrat.

Mit Zamosc, das seit 1992 Weltkulturerbe ist, hatte sich der Stadtgründer Jan Zamoyski seinen italienischen Traum erfüllt. Ende des 16. Jahrhunderts hatte er in Padua studiert und sich in die italienische Schöne verliebt. So eine wollte er auch in seiner Heimat haben. Der italienische Architekt Bernardo Morando wurde beauftragt und entwarf am Reißbrett, was zu besichtigen ist. In die vormals bestehende gewaltige Festung schlug er fünf Tore, von denen alle noch erhalten sind. Für den „Salon“ der Stadt plante er die große Piazza, flankiert von zwei kleineren Plätzen westlich und östlich davon.

Seit ihrem Bau haben sich die Bürgerhäuser im Zentrum kaum verändert. In den meisten wohnten reiche Kaufleute. „Sehen Sie nur die Verzierungen an den Fassaden oder die Figuren rund um die Fenster“, sagt der junge Stadtführer. Nur ein blassgelbes Haus an der Piazza fällt – ein wenig schlichter – aus dem Rahmen. „Dort wohnte der Präsident der Akademie“, sagt der junge Stadtführer und findet das erklärlich. „Auch heute verdient man mit Bildung und Wissenschaft ja weniger Geld.“

Ans Zentrum schließt sich ein großer Park mit breiten Alleen und bunten Blumenrabatten an. „Im vergangenen Jahr wurde er zum schönsten Park Polens gekürt“, sagt der Stadtführer stolz. Gäbe es ein Ranking für die Lebensqualität in polnischen Städten, belegte Zamosc sicher einen der vorderen Plätze. Die Stadt, einst Zentrum der Wissenschaften, besitzt auch heute wieder eine Reihe von Kollegien und wissenschaftlichen Lehranstalten. Nur, wie kann man hier schnell ein Studium durchziehen, wenn man doch so oft wie möglich auf diesem herrlichen Platz sitzen will? Sogar der Cappuccino schmeckt ja so gut wie in Italien.

Täglich mittags um zwölf bläst ein Trompeter vom Rathausturm. In drei Himmelsrichtungen dreht er sich dabei, nur den Westen ignoriert er. Denn da – in Zamosc legt man Wert auf Tradition – liegt die ehemalige Konkurrenzstadt Krakau.

Mit Krakau haben sie auch in Lublin nicht viel am Hut. „Unsere Stadt ist doch mindestens so schön“, sagt eine Einheimische. Wie lange die mit 350 000 Einwohnern größte Stadt am rechten Weichselufer noch in „Polen B“ liegen wird, ist ungewiss. Denn sie wetteifert mit der Kandidatin Lodz um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2016“. Dann, so hofft man, kommt Geld nach Lublin, um es ordentlich herauszuputzen. Dabei ist es schon jetzt ein Vergnügen, über die vielen kleinen Plätze und durch verwinkelte Gassen zu streifen. Verblasste Inschriften sind hier und da zu entziffern, unter einem Torbogen hängt eine windschiefe Laterne, ausgetreten sind die steinernen Stufen zu einem Geschäft. Lublin hat (noch) Patina – und die trägt bei zum Charme der Stadt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 43 000 Juden in der Stadt, ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Schon im 16. Jahrhundert hatte man hier eine Talmudschule eröffnet, Lublin wurde als „jüdisches Oxford“ bezeichnet, als „Jerusalem des Ostens“. Kultur und Wissenschaft prägten den Geist der Stadt. Viele Juden wohnten in der Altstadt innerhalb der Stadttore. Die Nazis verriegelten sie zum Ghetto. Wer dort trotz Hunger und Krankheiten überlebte, wurde 1943 ins nahe gelegene Konzentrationslager Majdanek deportiert. Man geht davon aus, dass alle Lubliner Juden dort ermordet wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die späten achtziger Jahre hinein verkam die Altstadt. „Das Viertel war schwierig“, sagt die Deutschlehrerin Alicja Bartosiak. Schmutzig und dunkel sei es dort gewesen, es gab Probleme mit der Kanalisation. „Da wohnten die Ärmsten der Armen, viele Alkoholiker, es gab Gewalt und Diebstähle.“ Und heute? Alicja strahlt. „Sehen Sie nur, überall restauriert man jetzt die schönen Hinterhöfe.“ Galerien, Cafés und kleine Lokale eröffnen, sogar ein koscheres Restaurant gibt es wieder in Lublin. „Es gibt ständig neue Kulturprojekte in der Stadt“, schwärmt Alicja. Immer mehr Festivals würden organisiert, Kunst, Musik, Film, das ganze Jahr über sei etwas los in Lublin.

In der ehemaligen Burg der Stadt, die außerhalb des Krakauer Tors auf einem Hügel thront, sind Ikonen, Gemälde und Skulpturen zu besichtigen. Aber auch Fotos, die das Grauen während der Nazizeit dokumentieren. 40 000 Polen, unter ihnen zahlreiche Widerstandskämpfer, waren in der Festung unter erbärmlichsten Bedingungen inhaftiert. Am 22. Juli 1944, kurz vor der Befreiung der Stadt, ermordeten die Nazis hier 300 Häftlinge. Auch Alicjas Vater saß hier ein. „Er überlebte, weil meine Mutter ihn mit ihrem Schmuck freikaufen konnte“, sagt sie. Sehr riskant sei das gewesen, erzählt Alicja. Aber dann hätte sich eben gezeigt: „Auch die Nazis waren bestechlich“, sagt die Lublinerin.

Knapp 30 Kilometer vom quirligen Lublin entfernt befindet sich ein Ort zum Träumen: Kozlowka. Dort hatte die Familie Zamoyski seit 1799 eine Residenz, umgeben von einem herrlichen englischen Landschaftsgarten. Die Familie konnte es nicht halten, und so kaufte die polnische Regierung das Anwesen 1945 und machte ein Museum daraus. Zu sehen ist der Besitz der Zamoyskis. Ein Sammelsurium von weltbekannten Bildern vor allem, natürlich in Kopien. Einige wurden auf kuriose Weise „passend“ gemacht, damit sie an den vorgesehenen Stellen, womöglich neben einem Treppenabsatz, Platz fanden. Dutzende Säle sind zu durchstreifen, Esszimmer mit wertvollem Geschirr, Schlafgemächer, eine Bibliothek, das Arbeitszimmer.

Interessanter ist das ehemalige Stallgebäude des Palastes. Dort befindet sich seit 1994 die „Galerie des Sozialismus“. Hunderte Skulpturen, Gemälde und Plakate aus den 1950er Jahren sind hier versammelt. Im Eingang hängt ein Transparent, auf dem steht weiß auf rot: „Der Feind bringt dir Coca-Cola“. Warnung oder Versprechen? Martialisch wirken dagegen diverse LeninDenkmäler, Rosa Luxemburgs Büste fehlt auch nicht, Plakate der Spartakiade sind zu sehen, ein Gemälde zeigt einen lächelnden Stalin inmitten einer Gruppe von Volksmusikern. Der riesige eiserne Arm von Boleslaw Bierut, einst Generalsekretär des polnischen ZK, liegt auf einem Podest. Wo der Rest der Figur wohl einst gestanden hat? Die Museumswärterin zuckt die Achseln. „Die ausgestellten Stücke kommen aus ganz Polen“, sagt sie. Warum sie gerade hier gelandet sind? Kozlowka sei immer auch ein Depot für Kunstwerke gewesen. „Das ist bekannt in Polen. Und so haben die Leute das alles eben hierhergebracht und einfach auf die Wiese gelegt.“

Am Ende der Reise hoffen wir insgeheim, dass „Polen B“ sich noch etwas Zeit lässt, um in die Kategorie A aufzusteigen. Denn dann, so befürchten wir, würden viele Touristenbusse vor Kozlowka halten. In Zamosc wären alle Terrassenplätze am Markt besetzt, und vielleicht würde sogar Sandomierz seine gemütlich-gelassene Atmosphäre verlieren. Ach, soll sie doch noch ein wenig schlummern, die „polnische Toskana“.

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