Reise : Alles tanzt nach unserer Pfeife

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Wer zuletzt lacht ... Foto: dpa
Wer zuletzt lacht ... Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Goldene Zeiten brechen an. Neuesten Untersuchungen zufolge machen Über-Sechzigjährige schon bald die Mehrzahl aller Reisenden aus – was gewaltige Veränderungen nach sich ziehen wird. Die Silberköpfe übernehmen das Kommando und läuten eine neue Ära des Reisens ein, geprägt von der ihnen nun mal eigenen Weisheit, Weitsicht und Großzügigkeit. Und alle tanzen nach ihrer Pfeife.

Was niemand für möglich gehalten hatte, gilt plötzlich als selbstverständlich: An gut besetzten Bahnschaltern verkaufen höfliche Damen und Herrn Fahrkarten aus Papier in großgedruckten Buchstaben. Fluglinien geben Bein- und Ellenbogenfreiheit. Aus zweibeinigem Stückgut für Flieger und Kreuzfahrtcontainer werden wieder Menschen aus Fleisch und Blut.

Kellner reiben sich die Augen: Trinkgelder rascheln jetzt manchmal wieder. Zimmermädchen werden neuerdings freundlich gegrüßt. Nachhaltigkeit ist auf einmal ein Muss: Versteht sich, dass etwa die Klimaabgabe für Flüge inzwischen fest im Reisepreis einkalkuliert ist – war dies doch eine der ersten Maßnahmen, die die PdrB, die Partei der reisenden Best Ager, im Koalitionsvertrag verankerte. Noch ehe sie mit dem „Frühstücksdekret Nr.5“ von sich reden machte, das plastikverpackte Marmelade aus ökologischen, Eipulver-Rührei aus philosophischen, Formschinken aus ästhetischen und Vollkornbrot aus zahntechnischen Gründen von den Frühstückstischen verbannte.

Auch unter den Reisenden selbst hält eine neue Kultur Einzug. Gespräche drehen sich nicht mehr um Lukas Podolski und die Zahl der Biere vom Vorabend, sondern um die späte Lyrik Georg Trakls oder die Kameraarbeit eines Michael Ballhaus. Manchmal kommt abgeklärte Nostalgie auf: Begriffe wie „Ryanair“ oder „Rainbowtours“ fallen und rufen amüsiertes Kopfschütteln hervor: Was wir doch alles mit uns machen ließen! Und wisst Ihr noch, dieser sogenannte Wein im All-inclusive-Schuppen von Lloret...

Natürlich stehen, wie nicht anders zu erwarten, nicht alle Bevölkerungsgruppen der neuen Entwicklung aufgeschlossen gegenüber. Unverbesserliche Gipfelstürmer, Mountainbikerowdys und Pistensäue beklagen, dass sie ihren Neigungen nur noch in streng abgeschotteten Grenzregionen frönen dürfen. Jugendliche, die nicht hundertprozentig schalldichte Kopfhörer benutzen, müssen in Zügen der Deutschen Bahn auf die Flure. Mallorca wurde komplett für Familien mit Kindern geräumt – in anderen Urlaubsregionen haben sie nichts mehr zu suchen. Und die letzten Raucher führen am Fuße des Watzmann ein freudloses Dasein.

Die Mehrheit aller Urlauber aber genießt das neue Zeitalter. Selbst die einstigen Discodiven von Ibiza und die Apres-Ski-Hengste von Kitzbühel haben die Zeichen der Zeit erkannt. Einträchtig sitzen sie an den Tischen der Fünf- Sterne-Tempel, blinzeln verwegen einem Seeteufel unter der Wasabikruste zu oder verschlingen ihr Filet vom Angusrind in großen Happen – Essen ist schließlich der Sex des Alters. Franz Lerchenmüller

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